Wie sich Syrer in Deutschland ein Jahr nach Assads Sturz fühlen

Wie sich Syrer in Deutschland ein Jahr nach Assads Sturz fühlen

Zahlreiche Menschen schwenken syrischen Flaggen vor dem Hamburger Hauptbahnhof.

Stand: 09.12.2025 14:42 Uhr

Ein Jahr ist vergangen, seit der syrische Diktator Assad sein Land verlassen musste. Seitdem gibt es eine Debatte, ob Syrien sicher genug ist. Drei Syrer in Deutschland blicken unterschiedlich auf die Lage.

Andre Kartschall

Nadeem Manjouneh steht im Zentrum von Cottbus und zeigt Videos auf seinem Handy. Tausende Menschen jubeln, schwenken Fahnen, rufen Sprechchöre, feiern den Jahrestag des Sturzes des Assad-Regimes. “Das war in Damaskus”, sagt Manjouneh. Er hat sich unzählige dieser Videos angeschaut.

Der Jubel zum Jahrestag in der syrischen Hauptstadt ist für ihn nur eine Seite der Wirklichkeit in seinem Heimatland. Die andere ist die Frage, wie sicher die “Arabische Republik Syrien” im Alltag ist. “Es gibt ganz viele Menschen, die sich noch nicht sicher fühlen”, sagt er. “Ganz viele, die sich bedroht fühlen.” Die Lage müsse sich erst noch klären.

Der 32-Jährige stammt aus Aleppo, lebt seit 2015 in Deutschland und arbeitet hier als Sozialarbeiter. Inzwischen ist er eingebürgert. Er kann also bleiben, egal wie die politische Lage in Syrien oder in Deutschland sich entwickelt.

Merz will Rückführungen

Die Frage, ob und wann Syrer in ihr Heimatland zurückgehen, steht seit einem Jahr im Raum, seit der Diktator Assad das Land fluchtartig nach Russland verlassen hat. Vor rund einem Monat hatte Bundeskanzler Friedrich Merz gesagt, dass es keinerlei Gründe für Asyl mehr gibt. Die Rückführungen könnten beginnen.

“Es gibt eine allgemeine Erwartungshaltung, dass jetzt Syrien frei ist und wir alle wieder zurück können”, erzählt Manjouneh. Doch die Realität sehe anders aus. Sein Deutsch ist fließend, manchmal klingt kaum ein Akzent durch. Er scheint angekommen zu sein in Deutschland. Zurück nach Syrien will er nicht.

Rückkehr in einigen Jahren

Ebenfalls in Cottbus wohnt Kaled Baki. Auch er stammt aus Aleppo, auch er kam 2015 nach Deutschland. Der 46-Jährige ist gelernter Schneider. In Deutschland fand er keine Arbeit. Einmal in der Woche näht er Einkaufsbeutel für einen Verein und verdient sich so etwas dazu.

Seit Assad weg ist, kann er sich eine Rückkehr vorstellen. “Hoffnung für die Zukunft habe ich jetzt”, erzählt er mit einem sanften Lächeln. Mittelfristig wolle er nach Syrien. Er habe schon ernsthaft darüber nachgedacht, noch aber habe er “etwas Angst vor der Zukunft”. In “ein, zwei, drei Jahren” werde die Lage klarer sein. Dann wolle er zurück. “Heimatland ist Heimatland”, sagt er.

Verfolgte Minderheiten

Kompliziert ist die Lage für viele Syrer, die zu einer der Minderheiten, also nicht zu den sunnitischen Muslimen gehören, die rund drei Viertel der Bevölkerung ausmachen. Tameem Alhammoud ist Druse. Der 39-jährige Neurologe arbeitet als Oberarzt in einem Berliner Krankenhaus.

Als Druse kann er sich eine Rückkehr nicht vorstellen. Mitglieder der Volksgruppe wurden nach dem Sturz Assads von sunnitischen Milizen angegriffen und getötet, laut den Vereinten Nationen unter Beihilfe staatlicher Stellen.

Alhammoud berichtet, dass sein Vater eines der Opfer war. “Mein Vater wurde vor vier Monaten in seinem Haus erschossen. Ohne Schuld. Von Radikalislamisten.” Seine Schwester sei nur verschont worden, weil sie geschworen habe, Muslima zu sein.

Sicher für Muslime

Für Muslime sei Syrien sicherer als für andere, sagt Alhammoud. Die Rückkehrdebatte sei undifferenziert, aber nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Nur sei sein Heimatland für ihn kein sicherer Ort, erklärt er: “Ich als Druse, wenn ich nach Syrien gehe – ich glaube, ich werde auch erschossen.”

Drusen, Alaviten, Christen – für sie sei Syrien kein sicherer Ort. Frauen seien ebenso gefährdet. Menschenrechtsverletzungen in Syrien würden von westlichen Politikern “systematisch ignoriert”, sagt Alhammoud.

Mit Material von Phillipp Manske und Pauline Pieper, rbb

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