“Cat Content” mag ein belächeltes Internet-Phänomen sein – mit einer erstaunlichen Halbwertszeit. Der Faszination, die Katzen auf uns Menschen ausüben, hat das MARKK Museum in Hamburg nun eine große Ausstellung gewidmet.
Katzenvideos, Katzenbilder, Memes – die Präsenz, die sogenannter Cat Content hat, ist erstaunlich. Beständig überflutet er die Sozialen Medien, aber was steckt hinter unserer jahrtausendealten Faszination für die Katze?
Die Ausstellung “KATZEN!” im MARKK Museum am Rothenbaum in Hamburg folgt dem wohl wandlungsfähigsten Tier der Kulturgeschichte: von der verehrten ägyptischen Göttin Bastet über die Begleiterin verfolgter Hexen bis zum viralen Internet-Star. Dabei zeigt sich: Kaum ein Tier trägt so viele widersprüchliche Attribute wie die Katze. Sie ist niedlich und nützlich, heilig und verrucht, Glücksbringerin und Unglückssymbol zugleich.
Hoher Unterhaltungswert
Abgesehen von der symbolischen Überfrachtung – ohne der Katze ihre Bedeutung absprechen zu wollen – hat sie offenbar aber auch einfach großen Unterhaltungswert, sagt Professorin Elena Korowin von der Uni Braunschweig, die unter dem Titel “Cat Content. Digitale Bildkulturen” geforscht hat: “Die Mimik, diese vielen Katzengesichter – die Katze ist nicht nur süß, sie hat einfach viele Facetten.”
Wenn man die vielen verschiedenen Gesichtsausdrücke und Persönlichkeitsmerkmale der Katzen beobachtet, kommt das fast einer Charakterstudie gleich. So mag es sich einem dann erschließen, dass das Beziehungsfeld zwischen Katze, Weiblichkeit und Macht, das quer durch die Kunst- und Kulturgeschichte reicht, bis heute aktuell ist. Diese historische und sozio-kulturelle Bedeutung der Katze bestimmt auch die Ausstellung im MARKK.
Zwischen Verehrung und Dämonisierung
Im Alten Ägypten wurde eine Göttin in Katzengestalt als Beschützerin von Müttern verehrt. Sashthi, die hinduistische Göttin der Fruchtbarkeit, reitet auf einer schwarzen Katze. Dieselbe Verbindung zu Weiblichkeit und Fruchtbarkeit führte im frühneuzeitlichen Europa zur Dämonisierung: Die schwarze Katze wurde zur Hexenbegleiterin stilisiert.
Die ambivalenten Zuschreibungen wirken bis heute nach. Im US-Wahlkampf 2024 wurde das Stereotyp der “childless cat lady” bemüht, um Frauen abzuwerten – woraufhin diese die Katze kurzerhand zu ihrem feministischen Symbol machten. Ähnliche Zuschreibungen und Selbstaneignungen gab es bereits in der Frauenrechtsbewegung um 1900.
Die Katze als feministisches Symbol – auch im US-Wahlkampf.
Wer jemals eine alle Viere von sich streckende Katze auf dem Schoß liegen hatte, sich dem zweifellos beruhigenden Schnurren mit nahezu therapeutischer Wirkung hingegeben hat, hat wohl kaum über die historische Bedeutsamkeit dieses Wesens nachgedacht. Elena Korowin weist auf Studien hin, die belegen, dass Menschen in Stresssituationen zur Beruhigung zudem “Cat Content” im Internet anschauen. So wissenschaftlich belegt das auch sein mag, so berichtet sie doch, dass sie auf Konferenzen gelegentlich das Gefühl hat, mit ihren Beiträgen zu “Cat Content” der Pausenclown zu sein.
Doch “Cat Content” ist inzwischen weit mehr als nur ein Privatvergnügen und Mittagspausen-Unterhaltung. In den Sozialen Medien finden sich zahlreiche Accounts, die sich ausschließlich mit Katzen beschäftigen und zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden sind. Mit Abstand am erfolgreichsten ist “Nala Cat” mit über vier Millionen Followern – und einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde für den erfolgreichsten Katzen-Content. Nala klettert, Nala frisst, Nala schläft – der Videocontent zeigt ganz normales Katzendasein. Warum ausgerechnet dieses Kätzchen Millionen von Herzen erobert hat, ist kaum zu erklären.
Popkulturstar: Von Aristocats bis Garfield
Die Katze ist neben dem Kuschelfaktor bis heute Projektionsfläche für Freiheit, Unabhängigkeit und Exzentrik. In der Popkultur bei Disney als mondäne Pariser Bohème in “Aristocats”, in den Cartoons von Jim Davis als träger Hedonist “Garfield”. Auch als Musical wurde die Katze zum Mythos. Andrew Lloyd Webber bringt sie in den 1980er-Jahren singend auf die Bühne – “Cats” ist bis heute ein weltweiter Sensationserfolg.
Und nicht zu vergessen der Bond-Bösewicht Blofeld, dessen weiße Katze zum Symbol für eiskalte Kontrolle wird. Katzen fungieren als Spiegel für Eleganz, Ego, Einsamkeit, in “Die Katze auf dem heißen Blechdach” steht sie für Unruhe und Sehnsucht. Bei Haruki Murakami taucht sie als rätselhaftes Wesen auf, bei Patricia Highsmith als souveräne Einzelgängerin, und Modezar Karl Lagerfeld machte seine Katze Choupette zur Muse.
“Cat Content” ist ein Dauerbrenner
Menschen werden weiter leidenschaftlich gern nach Katzenbildern und Katzenfilmchen suchen und diese niedlichen Tierchen, die auch an Handtaschen und Schlüsselbunden hängen oder im Schaufenstern winken, werden ein stetiger Begleiter bleiben.
Niedlich und ein bisschen kitschig: Ab 1974 hat Hello Kitty ihren Siegeszug um die Welt angetreten.
Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Hamburger Museums MARKK fand das Phänomen so interessant, dass “KATZEN!” zu einer Ausstellung wurden: “Katzen sind in Japan ein ganz beliebtes Symbol als Glücksbringerinnen. Ihre Ursprünge gehen in der Kultur sehr weit zurück. Und dann Hello Kitty in den 1970er-Jahren – dieser Trend hat sich weltweit in ganz vielen Produkten verbreitet, die wir vielleicht als kitschig erachten.” Aber das Image der Katze bleibt so facettenreich wie faszinierend: Sie gilt als niedlich und nützlich, heilig und verrucht, stark und unabhängig, als Glücksbringerin und Unglückssymbol zugleich.
“KATZEN!”: Bis Ende November 2026 in Hamburg zu sehen
Die plüschige, wilde, unabhängige und so hoch verehrte Katze ist fast zu einer Form der Selbstermächtigung geworden. Diese Vielfalt der auf Katzen projizierten Bedeutungen, ihre politische Instrumentalisierung und mediale Präsenz von Kunstgeschichte bis Popkultur will die Ausstellung im MARKK beleuchten.
