In Israels Beduinenstadt Rahat ufert die Gewalt aus

In Israels Beduinenstadt Rahat ufert die Gewalt aus

Eine Straßenszene in Rahat

Stand: 16.12.2025 06:42 Uhr

Rahat ist als größte Beduinenstadt in Israel bekannt – und für seine Gewalt. Fast jeder Haushalt besitze ein Waffe, sagt der Bürgermeister. Er fühlt sich von der Polizei allein gelassen.

Bettina Meier

Heba Alafinish ist es gewohnt, sich durchzuboxen. Die junge Beduinin hat studiert, ist vierfache Mutter und leitet ein Frauen- und Elternzentrum in Rahat. Die Stadt wurde 1970 im Norden der Negev-Wüste gegründet – für Beduinen, die dorthin umsiedeln mussten. Heute ist sie die größte arabische Stadt in Israel.

Der Alltag dort sei gefährlich, sagt Alafinish. Täglich gebe es Schießereien zwischen verfeindeten Clans. Alafinish hilft Frauen, sich weiterzubilden, ihr Selbstwertgefühl in der patriarchalisch geprägten Beduinengesellschaft zu stärken, in der es üblich ist, dass nur Männer arbeiten oder studieren. Auch Eltern kommen zu ihr.

“Gewalt ufert aus”

Die 37-Jährige erzählt von einem Familienausflug. Plötzlich hätten die Insassen zweier Autos das Feuer aufeinander eröffnet. Alafinish sei dazwischen geraten: “Die Scheiben zerbarsten. Mein Sohn wurde von einer Kugel getroffen. Sie drang in seinen Hals ein, kam aus seinem Rücken heraus. Ich war im achten Monat schwanger.”

Ihre Töchter hätten hinten gesessen – eine habe versucht, den Blutfluss zu stoppen, die andere mit dem Rettungsdienst gesprochen. “Der Arzt sagte, hätte da jemand Größeres gesessen, wo mein Sohn saß, so wäre er gestorben. Eine Woche später hatte ich eine Frühgeburt”, erzählt Alafinish.

Die Gewalt ufere so sehr aus, dass sie abends nicht mehr auf die Straße gehe. “Wenn wir Schüsse hören, ducken wir uns alle auf den Boden. Stell dir vor, du bist in deinem Haus und es gibt keine Sicherheit. Ich bin eine starke Frau, aber wie kann ich meine Kinder mit bloßen Händen schützen, wenn geschossen wird?”

Die Gewalt in Rahat ufere so sehr aus, dass sie abends nicht mehr auf die Straße gehe, sagt Heba Alafinish. Auch ihr Sohn wurde schon angeschossen.

Kritik an Minister Ben-Gvir

In den Straßen von Rahat türmen sich Müll und Schrott. Häuser wechseln sich mit Wellblechhütten ab, die den Flüchtlingslagern in Gaza gleichen. Armut und Kriminalität sind allgegenwärtig. Wird jemand festgenommen, komme er gleich wieder frei, klagt Alafinish. Die Polizei unternehme auch kaum etwas gegen die illegalen Waffen, die in Rahat kursieren.

Fast jeder Haushalt habe eine, bestätigt Talal Al-Krenawi. Seit 1993 ist er Bürgermeister von Rahat. Die Waffen seien wie ein Krebs, der sich in der ganzen Stadt ausbreite, sagt er. Die Polizei lasse die arabischen Gemeinden mit der Gewalt allein. Dafür gibt er Israels Minister Itamar Ben-Gvir die Schuld.

Rahats Bürgermeister Talal Al-Krenawi meint, Israels Polizei lasse die arabische Gemeinde mit der Gewalt alleine.

“Das Problem ist, dass die Polizei in Israel nicht dem Bürgermeister unterstellt ist. Sie arbeitet für das Ministerium für nationale Sicherheit.” Und das werde von Ben-Gvir geleitet. Der Minister ist für seine rechtsextreme und national-religiöse Rhetorik und Politik bekannt.

“Ich fordere von der Regierung: Geht gegen die illegalen Waffen vor, macht Hausdurchsuchungen, verhindert, dass Soldaten Waffen aus den Armeebasen stehlen und verkaufen”, sagt Al-Krenawi. 18.000 illegale Waffen gebe es in der Stadt. Einige würden aus israelischen Armeebasen stammen, andere seien Schmuggelware aus Ägypten, Jordanien und dem Westjordanland.

Das Jugendzentrum bietet jungen Menschen in Rahat einen Ort, an dem sie offen über Gewalt reden können.

“Schwierig, über Gewalt offen zu reden”

Auch der den Konsum von Gewaltdarstellungen im Internet durch junge Menschen verschlimmere die Situation, sagt die Leiterin des Familienzentrums, Heba Alafinish. Mehr als die Hälfte der Einwohner Rahats sind jünger als 18.

So wie die 16-jährige Fajer. “Unsere Nachbarin wurde ermordet”, sagt sie. “Sie wohnte in unserem Haus. Wir hörten den Schuss. Als ich die Tür öffnete, sah ich die Leiche und das Blut. Alles. Das Traurigste war, dass ihre zweijährige Tochter in ihrem Schoß schlief.”

Ihre Geschichte erzählt sie im Jugendzentrum der Initiative “Ein neuer Morgen in der Negev-Wüste”. Gegründet hat sie ein beduinischer Sozialarbeiter, Jugendliche tauschen dort Erfahrungen aus. Doch über Gewalt offen zu reden, sei schwierig, sagen einige.

Fajer hat eine Idee: “Ich möchte eine App entwickeln, die wie eine Person ist, der man vertrauen kann. Dabei bleibst Du anonym und schickst uns eine Nachricht, schreibst uns Dein Problem. Ich denke an Mädchen, die bedroht werden oder Angst haben, ihren Eltern etwas zu erzählen. Damit nichts passiert, wenden sie sich dann anonym an die App und wir versuchen, so gut es geht zu helfen.”

Andere wollen ein Fußballturnier für junge Leute aus zerstrittenen Familienclans organisieren. Für ihre Ideen suchen die Jugendlichen Unterstützer. Sie wünschen sich auch den Meinungsaustausch mit Jugendlichen aus jüdischen Gemeinden. Dafür aber müssten Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden.

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