Exklusive WDR-Recherche: Interne Anzeige gegen NRW-Innenminister Reul

Exklusive WDR-Recherche: Interne Anzeige gegen NRW-Innenminister Reul

Herbert Reul (CDU), Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen

Stand: 01.02.2026 17:10 Uhr

Im Streit um Mietforderungen des Landesbaubetriebs für ein Polizeigelände ist die Staatsanwaltschaft Düsseldorf eingeschaltet. Der Verdacht: Mögliche Veruntreuung von Steuermitteln.

Von Daniela Becker, Henrik Hübschen und Martina Koch

Herbert Reul (CDU) ist beliebt, seit 2017 leitet er das Innenministerium NRW. Auch bei vielen Polizistinnen und Polizisten genießt der Minister einen guten Ruf. Doch in seinem Ministerium hat er offenbar Porzellan zerschlagen. Es gibt hausinterne Anzeigen gegen ihn, die Innenrevision wurde eingeschaltet, wie das WDR-Magazin Westpol exklusiv recherchiert hat.

Streit um mögliche Wuchermiete für Polizeigelände in Wuppertal

Als Auslöser für die hausinternen Prüfungen gelten die Verhandlungen über die Sanierung der Polizeiliegenschaft Müngstener Straße in Wuppertal. Das Gelände gammelt seit vielen Jahren vor sich hin. Dort sind wichtige Einheiten der Polizei untergebracht. Vermieter ist der landeseigene Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB). Derzeit ist eine Jahresmiete von rund 4 Millionen Euro im Jahr dafür fällig. Der BLB will das Gelände jetzt umfassend auf Vordermann bringen. Danach soll die Jahresmiete allerdings fast 30 Millionen Euro betragen. Polizei und Innenministerium haben diese hohen Forderungen bisher zurückgewiesen, der BLB drohte deshalb sogar mit Kündigungen der Mietverträge.

Deal mit dem Finanzminister?

NRW-Finanzminister Marcus Optendrenk

Innenminister Herbert Reul und Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) wollen wohl nun mit einer Absichtserklärung, einem Letter of Intent, zwischen Innenministerium und BLB nach Monaten der Verhandlungen aus der Sackgasse kommen. „Dann haben der Finanzminister und ich entschieden, dass wir einen neuen Weg wählen, nämlich dass wir uns selber einbringen: Einmischen, auf Deutsch gesagt“, sagt Reul im Interview mit dem WDR-Magazin Westpol. Nach Westpol-Recherchen hat Optendrenk angeboten, dem Innenministerium ab 2030 1 Milliarde Euro für die Polizei zur Verfügung zu stellen. Aber nur, wenn Reul zusichert, dass davon 650 Mio. Euro zurück an den BLB fließen., für die Sanierung des Polizeigebäudes in Wuppertal. So steht es in internen Unterlagen, die Westpol einsehen konnte.

Optendrenk will dazu kein Interview geben, sein Ministerium verweist auf laufende Verhandlungen.

Das Vorpreschen von Reul sorgt im Innenministerium für Widerstand. Kritiker werfen dem Minister vor, an der Fachabteilung vorbei verhandelt zu haben und dem Finanzminister zu weit entgegen gekommen zu sein.

Verdacht: Mögliche Veruntreuung von Steuermitteln?

Hintergrund: Die Fachleute im Innenministerium hatten sich immer auf ein anwaltliches Gutachten berufen, wonach die Sanierung des Wuppertaler Polizeigeländes nach Jahren in der Summe maximal 173 Millionen Euro kosten dürfe und nicht die 650 Millionen Euro, die der BLB durch Mieten einnehmen möchte. Dennoch soll – laut Unterlagen, die Westpol einsehen konnte – Reul dem Landesbetrieb die überhöhte Summe zugesichert haben. Inzwischen ist die Innenrevision des Ministeriums eingeschaltet, der Vorwurf gegen Reul: mögliche Veruntreuung zulasten der Polizei. Auch die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ist mit der Sache befasst, wie sie auf Anfrage bestätigt. Es würden in dem Zusammenhang weiter Eingaben eingehen, „die jeweils im Hinblick auf das Vorliegen eines Anfangsverdachts überprüft werden“, so die Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Juristisch dürfte die Frage spannend werden, ob hier wirklich der Straftatbestand der Untreue vorliegen könnte. Denn beim BLB handelt es sich um einen landeseigenen Betrieb, dessen Vermögen schlussendlich dem Land NRW gehört.

Innenminister will Untersuchung abwarten

Herbert Reul im Westpol Interview

Herbert Reul reagiert im Westpol-Interview auf die weitreichenden Vorwürfe aus seinem eigenen Haus. Dass geprüft werde, sei für ihn in Ordnung: „Man weiß nie, ob man nicht auf der Strecke auch mal Fehler mach. Das kann man ja nie ausschließen, denn ich habe mich persönlich eingemischt in die normalen Abläufe,“ so Reul. Ob rechtlich relevante Verfahrensfehler gemacht worden seien, werde man sehen. Er sei kein Jurist, kein Verwaltungsexperte, kein Liegenschaftsexperte. Und: “Ich will das Problem lösen“, sagt Reul.

Opposition spricht von „Geldwäsche“ und fordert Aufklärung

Henning Höhne, Fraktionsvorsitzender FDP NRW

FDP-Fraktionsvorsitzender Henning Höne spricht von sehr ernsten Vorwürfen. Das Finanzgebaren von Finanzministerium und BLB erwecke den Eindruck von politischer Geldwäsche: „Irgendwie entsteht da ein Geldkreislauf, von überhöhten Mieten an den BLB und von Auszahlung des BLB wieder zurück an den Finanzminister“, erklärt Höne. Dieser Vorgang sei intransparent. Das Problem: Der Landtag hat zwar die Kontrolle über den Landeshaushalt, aber nicht über den BLB, weil der als so genanntes Sondervermögen ausgegliedert ist.

Verstoß gegen BLB-Gesetz?

Philipp Sprengel, Bund der Steuerzahler

Philipp Sprengel verfolgt als Haushaltsexperte beim Bund der Steuerzahler schon seit längerem das Agieren des BLB, auch im Fall der Wuppertaler Polizei-Liegenschaft. Für ihn sind die überhöhten Mietforderungen Ausdruck eines grundsätzlichen Problems beim BLB. Eigentlich sei in der Landeshaushaltsordnung und auch im BLB-Gesetz vorgeschrieben, dass der BLB wirtschaftlich arbeiten müsse. “Und das ist derzeit scheinbar nicht der Fall“, so Sprengel.

Lösung für marodes Polizeigelände in weiter Ferne

Kaputtes Polizeigebäude an der Müngstener Straße in Wuppertal

Die Polizei in Wuppertal muss derweil weiter in maroden Gebäuden arbeiten. Eine Sanierung ist weiter nicht in Sicht und auch Reul will jetzt wohl erst einmal die rechtliche Prüfung abwarten. Eine Vereinbarung mit dem BLB zu unterschreiben, wäre in der derzeitigen Lage riskant für Reul: „Ich weiß nur – der, der unterschreibt, muss natürlich bereit sein, ein gewisses Risiko zu gehen“. Ob der Innenminister diesen Schritt trotzdem wagen wird, lässt er in dieser Woche noch offen. Laut BLB gebe es ein grundsätzliches Einvernehmen aller Beteiligten. Letzte Details würden derzeit noch besprochen. Zu den konkreten Vorwürfen äußerte sich der BLB nicht.

Unsere Quellen:

  • Eigene Recherche
  • NRW-Innenministerium
  • BLB
  • Staatsanwaltschaft Düsseldorf
  • Bund der Steuerzahler NRW

Sendung: WDR Aktuell Hörfunknachrichten, 01.02.026, 17.00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 01.02.2026, 19.30 Uhr
Sendung: Aktuelle Stunde, 01.02.2026, 18:45 Uhr

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