Erneuerungsbewegungen – “Toxische Spiritualität” | tagesschau.de

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Mehr-Konferenz in Augsburg.


exklusiv

Stand: 17.12.2025 07:00 Uhr

Sie werden von Bischöfen hofiert, schulen Heranwachsende in Jüngerschaftsschulen: Charismatische Erneuerungsbewegungen sind bundesweit auf dem Vormarsch. Aussteiger und Insider üben Kritik.

Von Andreas Herz und Ralph Gladitz, BR

Simone Coring ist nervös. “Ich habe mich in den Bann ziehen lassen. Und das hat mich ein bisschen erschreckt.” Sie ist auf dem Weg zu einem Vortrag von Johannes Hartl, dem Gründer des Augsburger Gebetshauses. Sie möchte mit ihm sprechen, über das, was sie im Gebetshaus erlebt hat.

Hartl ist ein Star der charismatischen christlichen Erneuerungsbewegungen, die im ganzen deutschsprachigen Raum auf dem Vormarsch sind. Der Theologe ist belesen, ein brillanter Redner. Im Gebetshaus betreibt er eine Jüngerschaftsschule.

“Faszinierende Welt”

“Es ist eine Welt, die ich sehr faszinierend fand. Wo ich etwas gesucht habe”, sagt Coring heute. Sie hat im Gebetshaus ein Volontariat gemacht. 2017 war das, nach ihrem Theologiestudium. Coring lenkt ihr Auto auf einen Parkplatz vor der Veranstaltungshalle. Johannes Hartl hat einem kurzen Gespräch im Backstage-Bereich zugestimmt.

Coring berichtet Hartl, dass in seinem Gebetshaus Gehorsam eingefordert worden sei, auch entgegen eigener Moralvorstellungen. Dass es um den Kampf gegen Dämonen gegangen sei – was Hartl bestreitet. Dann berichtet Coring von einem Video-Vortrag des Gebetshauses. Darin sei empfohlen worden, bei Krebserkrankungen nach “sündhaften Verstrickungen in der Familie” zu forschen.

“Das halte ich für extrem gefährlich”, sagt Coring. Krebskranken Menschen werde damit “selbst die Schuld für die Erkrankung gegeben. Oder den Eltern oder Großeltern”. Coring spricht von “Formen toxischer Spiritualität”.

Zunächst sagt Gebetshaus-Gründer Hartl, dass er die Krebs-Thematik so “natürlich überhaupt nicht unterschreiben” würde, spricht von einer “seltsamen” Aussage. Dann fragt Hartl jedoch: “Wo sehen Sie da die Gefahr, wenn man zum Beispiel sagen würde, es gibt Verstrickungen, die krank machen. Es gibt ja auch Psychosomatik.”

Vortrag “Der Kampf um Europa”

Hartl sieht sich durch solche Kritik in ein falsches Licht gerückt. Vor allem, wenn man ihn auf seinen Vortrag “Der Kampf um Europa” anspricht, den Hartl in der Anfangszeit des Gebetshauses gehalten hat.

Darin sagt Hartl, eine Familie könne “nie aus einem gleichgeschlechtlichen Paar bestehen, eine Ehe kann nie ein gleichgeschlechtliches Paar sein”. Alles, was früher “böse, verwerflich, sträflich, schändlich genannt wurde”, werde nun als erlaubt angesehen, erregte sich Hartl.

Sexualaufklärung durch die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung bezeichnete Hartl als Merkmal eines “totalitären Regimes”.

Einige Aussagen “unterkomplex”

Über seine damaligen Aussagen zu berichten sei “Framing”, kritisiert Hartl. Man wolle ihm “sektenhafte Sachen” und “krude Zitate” unterstellen. Sein Vortrag sei elf Jahre alt und inzwischen von seinen Plattformen gelöscht. Mehr als 100 andere Vorträge von ihm seien online frei verfügbar. Einige Aussagen würde er aber so nicht wiederholen, räumt Hartl auf Nachfrage ein – besonders jene zu homosexuellen Paaren, Ehe und Familie seien “unterkomplex”.

Hartl ist inzwischen Beststeller-Autor. Wenn sein Gebetshaus zur “Mehr-Konferenz” lädt, kommen mehr als 10.000 Gläubige, kirchliche Würdenträger inklusive: Der katholische Augsburger Bischof Bertram Meier stand schon mehrfach auf der Bühne. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sandte Grußbotschaften. Zuletzt reiste Kardinal Christoph Schönborn aus Wien an.

Kritik von Theologin

Im ganzen deutschsprachigen Raum sind Bewegungen wie das Gebetshaus auf dem Vormarsch – Jüngerschaftsschulen inklusive, sagen Expertinnen wie die Theologin Maria Hinsenkamp. Junge Menschen würden gezielt angesprochen, “weil sie noch prägsam und beeinflussbar sind”. Sie kritisiert, dass bei den Bewegungen “private Dinge ganz stark zum Schauplatz geistlicher Kämpfe gemacht werden”.

Auch der katholische Passauer Bischof Stefan Oster arbeitet eng mit solchen Bewegungen zusammen. Der “Loretto Gemeinschaft” aus Österreich stellte er eine Immobilie bereit, die der Bischöfliche Stuhl zuvor für rund fünf Millionen Euro sanieren ließ. Auch dort wird nun eine Jüngerschaftsschule betrieben.

Den US-Missionaren der FOCUS-Bewegung hat Oster ebenfalls die Türen geöffnet. Die “Fellowship of Catholic University Students” wird wie ein Unternehmen geführt. Eng angebunden an ein Netzwerk ultrakonservativer US-Katholiken.

Einfluss von US-Missionaren

Teile der Passauer Theologie-Studierenden beklagen den Einfluss der US-Missionare. Maria-Theresia Ebner, die frühere Pastoralreferentin der katholischen Studentengemeinde, beschäftigt besonders ein Fall: Eine Studentin habe sich ihr anvertraut, weil sie sich von den FOCUS-Missionaren habe lösen wollen. Daraufhin sei sie aus deren Umfeld bedrängt worden, “noch mehr zu beten und noch mehr Buße zu tun”. Die Studentin hätte Suizid-Gedanken geäußert, berichtet Ebner.

FOCUS erklärt schriftlich, Studierenden mit Suizid-Absichten nicht zu mehr Gebeten aufzufordern. Stattdessen würde qualifizierte und professionelle Hilfe vermittelt. Ihre Missionare seien trainiert zu erkennen, wenn jemand solche Hilfe oder seelischen Beistand benötige.

Die FOCUS-Missionare boten Studierenden nach BR-Recherchen auch “die Befreiung von sexuellen Sünden” an: “Wir sind fest überzeugt, dass Jesus auch für Sexualität einen Plan hat”, sagt James Harrison, Europachef von FOCUS.

Interner Untersuchungsbericht

Nachdem Kritik daran laut wird, wird das Wirken der FOCUS-Missionare untersucht, und zwar vom kirchlichen Ansprechpartner für geistlichen Missbrauch in Passau. Der interne Bericht liegt dem BR vor.

FOCUS würde “katastrophierend” behaupten, dass Porno-Konsum und Selbstbefriedigung “per se unfrei machende Verhaltensweisen” seien, was “wissenschaftlich keinesfalls haltbar” sei, kritisiert der Bericht.

FOCUS biete sogar Übungen an, die in die Kategorie “Therapie” gehörten. Die Missionare würden vorgeben, “Gedanken zu ändern und Triebe umzuleiten” und von “Befreiung” sprechen. Dafür seien sie aber “psychologisch und therapeutisch nicht qualifiziert”.

Eindeutigen Empfehlung

Der Bericht endet mit einer eindeutigen Empfehlung an die Bistumsleitung: FOCUS den Auftrag für das Programm “Befreiung von sexuellen Sünden” zu entziehen.

Wie hat Bischof Oster darauf reagiert? Seine Pressesprecherin antwortet, dass es sich nicht um ein “Programm” von FOCUS handele, sondern um ein “Handout” eines Missionars. Darin habe dieser seine persönlichen Gedanken zum “Umgang mit ‘Sexuellen Sünden’ festgehalten”.

Trotzdem hätten alle im Bistum tätigen FOCUS-Missionare an einer Präventionsschulung teilnehmen müssen, in der körperlicher und geistlicher Missbrauch thematisiert worden seien. FOCUS selbst erklärt, keinerlei Therapie durchzuführen. Und auch keine Programme, die sich auf eine psychologische oder medizinische Behandlung beziehen.

Wenige Tage vor Veröffentlichung dieser Recherchen kündigte das Bistum Passau an, dass die FOCUS-Missionare ihre Arbeit in Europa einstellen werden – und damit auch an der Passauer Uni. Grund sei eine “strategische Neuausrichtung” der Organisation. 

Die ARD-Story “Die hippen Missionare – mit Jesus gegen die Freiheit?” sehen Sie in der ARD Mediathek.

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