Durchsuchung bei Andrew: Großbritannien unter Epstein-Schock

Durchsuchung bei Andrew: Großbritannien unter Epstein-Schock

Polizisten stehen vor einem Tor der Royal Lodge in Windsor

Stand: 20.02.2026 • 15:09 Uhr

Die britische Polizei durchsucht weiter den früheren Wohnsitz von Ex-Prinz Andrew in Windsor. Währenddessen diskutiert das Land, wie groß der Schaden für das Königshaus noch werden könnte.

Gabi Biesinger

Das unglückliche Paparazzi-Foto von Andrew Mountbatten-Windsor auf dem Rücksitz eines Autos, als er nach mehr als elf Stunden Haft von einer Polizeiwache nach Hause gefahren wird und sich vor den Fotografen zu verstecken versucht, prangt heute auf fast allen Titelseiten: “Ausgemergelt, beschämt und gequält” titelt die Boulevardzeitung Daily Mail.

Die Hausdurchsuchung in Andrews ehemaligem Wohnsitz Royal Lodge wird heute weiter fortgesetzt und es könnte noch eine Weile dauern, bis die Polizei das 30-Zimmer-Anwesen durchkämmt hat.

Währenddessen ist Andrew gegen Auflagen wieder auf freiem Fuß und wird sich wohl gedulden müssen, bis er erfährt, wie es mit ihm weitergeht, erklärte der Jurist Joshua Rozenberg in der BBC. So lange die Polizei noch keine Anklage gegen ihn erhoben habe, könne Andrew seinem Alltag weiter nachgehen. Die Polizei werde dann ihre Ermittlungsergebnisse mit der Staatsanwaltschaft abstimmen, ob die Beweise reichen, um eine Anklage für ein Gerichtsverfahren zu formulieren. Das könnte im Zweifel mehrere Monate dauern.

Schwierige Beweisführung

Der Vorwurf des Amtsmissbrauchs, den die Polizei verfolgt, wiegt schwer und kann je nach konkretem Vergehen mit lebenslanger Haft bestraft werden. Bei Andrew dürfte es darum gehen, dass in den jüngst veröffentlichten Epstein-Akten Hinweise gefunden wurden, dass er in seiner Zeit als Handelsgesandter des Vereinigten Königreichs vertrauliche Berichte über offizielle Besuche in diversen Ländern an den Finanzier Epstein weitergegeben haben soll.

Doch Amtsmissbrauch wirklich nachzuweisen, sei schwierig, erläutert Rozenberg. Die rechtliche Beschreibung von Amtsmissbrauch sei vage, und es müsse nachgewiesen werden, dass der Betroffene wusste, dass er Regelverstoß begeht. In Andrews Fall ließe sich deshalb argumentieren, dass durch die Weitergabe der Dokumente gute Geschäftsmöglichkeiten für britische Firmen hätten eröffnet werden können und dass es somit in Andrews Ermessen als Handelsattaché gelegen hätte, ob er solche Informationen weitergibt.

Wie groß ist der Schaden fürs Königshaus?

Abgesehen von Andrews persönlichem Schicksal wird in Großbritannien heftig diskutiert, wie groß der Schaden für den Rest der Königsfamilie nun ist. König Charles hatte sich gestern in einer Erklärung noch einmal von seinem Bruder distanziert und erklärt, die Gerechtigkeit werde jetzt ihren Weg finden. Doch manch ein Beobachter meint, der König habe gerade mal das Nötigste getan.

Peter Hunt war früher Royal Correspondent der BBC und sieht es äußerst kritisch, dass Andrew noch immer auf Platz acht der Thronfolge steht und dass die Königsfamilie bisher immer nur spät reagiert habe. Dabei müssten die Royals eigentlich gezwungen werden preiszugeben, wer wann was gewusst habe über Andrews mögliche Vergehen.

Auch die Medien müssten ihren Umgang mit der Königsfamilie ändern, so Hunt, und Fragen stellen, die bisher tabu gewesen seien. So hätten in jüngster Zeit etwa Thronfolger William oder Königin Camilla über Themen wie Missbrauch und psychische Gesundheit gesprochen, ohne dass Medienvertreter in diesem Zusammenhang nach dem Andrew-Skandal gefragt hätten.

Lob von Virginia Giuffres Familie

Von anderer Seite gibt es aber auch Lob für König Charles. Sky Roberts, der Bruder der verstorbenen Virginia Giuffre, die Andrew vorwarf, sie drei Mal sexuell missbraucht zu haben und deren Hartnäckigkeit auch mit zur Veröffentlichung der Epstein-Akten beitrug, zollt dem König von seinem Wohnsitz in den USA aus Respekt. Giuffre beging im vergangenen Jahr Suizid.

“Das vermissen wir von der Regierung hier in den USA, dass sie Verantwortung übernimmt”, sagt Roberts “Dass der König die Ermittlungen öffentlich begrüßt, dass sich die Königsfamilie öffentlich auf die Seite der Opfer stellt, dafür sage ich danke. Dass niemand über dem Gesetz steht, das sehen wird gerade im Vereinigten Königreich.”

Was sind die Epstein-Files?

Die sogenannten Epstein-Files bezeichnen eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, Zeugenaussagen und Gerichtsunterlagen rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Der US-Multimillionär soll über Jahre hinweg ein Netzwerk zum sexuellen Missbrauch junger Frauen und Minderjähriger aufgebaut haben. Epstein wurde 2019 erhängt in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte.

Im Mittelpunkt der Epstein-Files stehen Gerichtsakten aus Zivilprozessen, vor allem aus einem Verfahren der Epstein-Vertrauten Ghislaine Maxwell, die 2021 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verurteilt wurde. Viele dieser Unterlagen waren lange unter Verschluss. Anfang 2024 ordnete ein US-Gericht an, zahlreiche Dokumente öffentlich zugänglich zu machen. Es folgten weitere Veröffentlichungen.

Die Akten enthalten unter anderem Aussagen von Opfern und Zeugen, E-Mails, Fotos, Videos sowie Namen von Personen, die mit Epstein in Kontakt standen. Darunter finden sich Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die bloße Nennung eines Namens bedeutet keine Schuld. Zahlreiche Personen werden lediglich erwähnt, ohne dass ihnen strafbares Verhalten vorgeworfen wird.

Die Akten belegen, wie weitreichend Epsteins Kontakte waren und wie er offenbar seinen Reichtum und Einfluss nutzte, um sich und andere Beteiligte zu schützen. Zugleich zeigen sie, dass Justizbehörden schon früh Hinweise auf mögliche Straftaten Epsteins hatten. So meldeten sich bereits Anfang der 2000er-Jahre mehrere junge Frauen bei Polizei und Staatsanwaltschaft, ohne, dass es zu einer umfassenden Strafverfolgung kam. Eine vollständige Aufarbeitung steht bis heute aus.

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