Chor der Hollywoodstimmen | tagesschau.de

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Der Chor der Hollywoodstimmen.

Stand: 19.12.2025 14:58 Uhr

Deutsche schauen Filme und Serien am liebsten synchronisiert. Im KI-Zeitalter ist die Sprecherbranche aber zunehmend gefährdet. Die setzt auf mehr Sichtbarkeit – für den Berufszweig, aber auch für den guten Zweck.

Von P. Bastian Welte, rbb

Nass ist es draußen, als Santiago Ziesmer mit einem verschmitzten Lächeln die Epiphanien-Kirche im Berliner Westend betritt. Bei seinem Hallo in die Runde wird klar: Diese Stimme kennen im deutschsprachigen Raum fast alle. Ziesmer ist Synchronsprecher, seine prominenteste Rolle ist die Zeichentrickfigur Spongebob Schwammkopf.

Hier trifft er auf Cameron Diaz, Renée Zellweger, Burt Reynolds – beziehungsweise deren deutsche Synchronstimmen. Gemeinsam proben sie für ein Benefiz-Konzert. Als “Chor der Hollywoodstimmen” sammeln sie Geld für die Kältehilfe, die Suppenküche oder die Jugendförderung.

Mehr Rechte an der eigenen Stimme

Mit vereinter Stimme für mehr Sichtbarkeit – diese Idee steckt auch hinter einem Video, das dieses Jahr viral ging. Unter dem Hashtag #DeineStimmeFürEchteStimmen haben Betroffene für eine Petition des Verbands Deutscher Sprecher:innen (VDS) geworben. Das Ziel: mehr Rechte an der eigenen Stimme in Zeiten von Künstlicher Intelligenz. Es geht um Selbstbestimmung – und die Sicherheit ihrer Jobs.

“Alles, was die KI kann, ist illegal eingefüttert worden. Ohne Zustimmung, ohne dafür zu bezahlen”, erklärt Ranja Bonalana. Sie hat die prominenten Stimmen für den Clip zusammengetrommelt: “Wir wollten mit dem Video darauf aufmerksam machen, was da passiert, und was das Publikum auch riskiert, zu verlieren.” Als Sprecherin leiht sie Renée Zellweger oder Tick, Trick und Track ihre Stimme. Vor der Chorprobe steht sie mit ihrem Kollegen Matti Klemm im Synchronstudio in Babelsberg. KI ist auch hier Thema.

Forderung von geeigneten Rahmenbedingungen

Ranja Bonalana ist besorgt angesichts der großen Investitionen von Tech-Milliardären und Firmen wie Netflix in die Weiterentwicklung von KI-Systemen für den Kreativbereich. Sie fordert daher von den politisch Verantwortlichen, rechtzeitig für geeignete Rahmenbedingungen zu sorgen. Mittelfristig aber zeigt sich die Synchronsprecherin trotz der künstlichen Konkurrenz überraschend gelassen. KI-Lösungen im professionellen Bereich hinken in puncto Perfektion und Effizienz noch den Erwartungen hinterher, so ihre Beobachtung: “Ich glaube nicht mehr, dass hier in den nächsten Jahren alles ersetzt wird. Das rechnet sich noch nicht.” Matti Klemm nickt bestätigend: “Allein, wenn so ein ganzer Film mit einer generativen KI auf Deutsch gerechnet würde – was das an Strom kostet!”

Trotzdem macht KI der Branche schon jetzt das Leben schwer, zum Beispiel durch Stimmenklau für Videos auf YouTube und in Sozialen Medien. Klemm vergleicht die Situation mit Identitätsdiebstahl im realen Leben: “So fühlt sich das für uns an, wenn wir auf einmal unsere Stimme hören, die etwas sagt, das wir nicht gesagt haben.” Seine Kollegin pflichtet ihm bei und verweist auf Manfred Lehmann, besser bekannt als Stimme von Bruce Willis.

Etappensieg für den Sprecher von Bruce Willis

Lehmann hatte geklagt, weil eine KI seine Stimme imitierte und diese von einem rechten YouTuber genutzt wurde – ungefragt und unentgeltlich. Lehmann bekam am Landgericht Berlin in erster Instanz Recht. Ein Etappensieg für eine Zunft, die der KI die menschliche Komponente entgegensetzt. Texte mit KI-Stimme blieben bei vielen Menschen nicht so gut im Gedächtnis und erzeugten ein intuitives Störgefühl, erklärt Bonalana: “Da fehlt einfach diese Emotionsebene.”

Dabei ginge es in ihrem Beruf darum, gerade das Empfinden einer Rolle fürs Publikum in Sprache umzusetzen, ergänzt ihr Kollege: “Das ist eine Art Emotions-Domino – ein bisschen wie beim Witzeerzählen: Lass zehn Leute den gleichen Witz erzählen und es gibt wahrscheinlich nur einen, bei dem du wirklich lachst.”

Die großen Fußstapfen von Benjamin Blümchen

Klemm vertont nicht nur Superheld Aquaman, sondern seit vergangenem Jahr auch Benjamin Blümchen. Er folgte auf den 2023 verstorbenen Jürgen Kluckert, der fast drei Jahrzehnte die Stimme des sprechenden Elefanten war. Ein schweres Erbe? “Bei einem Elefanten kann man ja nur in große Fußstapfen treten”, sagt Klemm. Seinen Vorgänger nachzuahmen, war dabei nicht sein Ziel. Er wollte der Rolle sein eigenes Timbre mitgeben: “Der Benjamin muss ja weiterleben.”

Eine Figur nach dem Tod des Sprechers fortzuführen, geht eben auch ohne KI. So wie bei den neuen Pumuckl-Produktionen, die auf eine Kombination aus Sprecher und KI setzen, hätte sich Klemm seine Arbeit nicht vorstellen können: “Jürgen Kluckert ist ein großer Freund des Echten gewesen. Das war auch sein Vermächtnis. Dass Stimmen eine Sterblichkeit haben, ist ja auch was Wertvolles. Wenn man eine Stimme immer weiter klont und dem Algorithmus übergibt, wäre das auch eine gewisse Entwertung und Beliebigkeit.”

Geliebte Figuren leben weiter

Die Produktionsfirma von Benjamin Blümchen vertraut voll und ganz auf das Können des neuen Sprechers. Und das zu Ende gehende Jahr hat mehr Sichtbarkeit und Rechte für eine Branche gebracht, die oft unsichtbar bleibt, sich aber doch Gehör verschaffen kann. Erfolge, die jedoch nur eine Verschnaufpause für die deutsche Synchronlandschaft sind, die trotz zurückgehender Aufträge noch immer eine der größten weltweit ist. Bei nachfolgenden Generationen, so die Befürchtung, könne eine zunehmende Desensibilisierung stattfinden, weil sie bereits mit KI-Stimmen aufwachsen. Wer braucht da noch echte Emotionen?

Beim Chor der Hollywoodstimmen spielt KI an diesem Abend keine Rolle. “Wir sind froh, wenn wir von dem Thema mal kurz weg sind”, erklärt Susanna Bonaséwicz, die unter anderem Bibi Blocksberg und Prinzessin Leia ihre Stimme leiht. “Für uns ist es eine Erholung, in diesem Chor einfach nur zu singen und Spaß zu haben.” Dieser Funke springt beim Auftritt auch aufs Publikum über, das sich aus Gemeindeangehörigen und teils weit angereisten Fans der Hollywoodstimmen zusammensetzt. Der Schlussapplaus ist groß, die Spendenbereitschaft ebenso.

Die “KI-Ära” – unlängst zum Wort des Jahres gekürt – mag eingeläutet sein, das Erlebnis dieses Live-Konzerts kann sie aber unmöglich ersetzen.

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