analyse
Die Wahl im Südwest-Bundesland zeigt: Wahlkämpfe können viel bewegen, auch wenn das Ergebnis vorher scheinbar feststand. Der Kandidatenfaktor ist meist entscheidend – und eine Partei muss besonders in sich gehen.
1. Wahlkampf kann wirken
Dieser Wahlabend ist eine gute Nachricht für alle Wahlkämpfenden, von denen viele nebenbei und ehrenamtlich mithelfen: Ein Wahlkampf kann einen Unterschied machen – gerade die zwei bis vier Wochen vor der Wahl können scheinbar längst entschiedene Wahlen nochmals deutlich drehen.
Die grüne Partei lag noch im Herbst deutlich hinten, aber konnte gerade auf den letzten Metern mehr als zehn Prozent zulegen. Im Oktober 2025 lagen die Grünen in einer repräsentativen Studie von Infratest dimap mit 20 Prozent noch weit hinter der CDU mit 29 Prozent.
Schaute man auf die Frage an die Wahlberechtigten, wen sie sich zum Ministerpräsidenten wünschen, lag Özdemir schon länger deutlich vorne. Dass es zumindest knapp werden könnte, sei keine Überraschung, sagte Wahlforscher Stefan Merz von Infratest dimap im Gespräch mit tagesschau.de kurz vor der Wahl.
Die Erfahrung zeige bei einer Wahlkampf-Zuspitzung auf zwei Kandidaten, dass sich auch die Umfragewerte für die Parteien annähern. Dies sei ein “typisches Muster” schlicht deswegen, weil sich die Wählerinnen und Wähler eher erst kurz vor einer Wahl mit den Kandidierenden beschäftigten.
Auch CDU-Kandidat Manuel Hagel konnte in der Schlussphase des Wahlkampfes seine Werte deutlich verbessern – und damit mit seiner Partei besser als seine Vorgänger abschneiden. Auch die Linkspartei nimmt für sich die Erfahrung mit, dass sie es mit ihrem Wahlkampf-Trio fast zum ersten Mal in den Landtag geschafft haben.
2. Der Kopf ist manchmal wichtiger als die Partei
Bei der Bundestagswahl vor einem Jahr lagen die Grünen bei 13,6 Prozent der Zweitstimmen. Nun holte ihr Spitzenkandidat bei der Landtagswahl mehr als das Doppelte. Die Grünen gewannen auch in großem Umfang aus dem Lager der Nichtwähler mit 115.000 Stimmen.
Der amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann konnte sich gleich drei Mal mit wesentlich besseren Ergebnissen als die Bundespartei im Amt profilieren – das zeigt, dass für die Wahlentscheidung die Person im Vordergrund stehen kann. Der Kandidatenfaktor war bei Özdemir schon länger hoch, in der Vorwahlumfrage hätten sich 50 Prozent der Wählenden bei einer Direktwahl für ihn als Ministerpräsidenten entschieden.
Kann die Kandidatin oder der Kandidat überzeugen, funktioniert dies auch bei einer ansonsten schwächelnden Bundespartei, wie nicht nur das jüngste Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt. SPD-Ministerpräsidentin Anke Rehlinger im Saarland oder Daniel Günther in Schleswig-Holstein: Beide holten für ihre Parteien 2022 rund 43 Prozent der Stimmen. Daraus lernen müssen alle Parteien, größeres Augenmerk auf die Kandidatenauswahl zu setzen.
3. Die Menschen gehen wählen, wenn es wichtig wird
Wenn es um etwas geht, gehen die Menschen zur Wahl, das zeigt Baden-Württemberg. Die Wahlbeteiligung ist die höchste seit 1988.
Dies liegt auch daran, dass offenbar gleich mehrern Parteien überdurchschnittlich stark mobilisieren konnten. Grüne und CDU holten mehr als 100.000 Menschen an die Wahlurnen, die zuvor nicht wählen gegangen waren – die AfD sogar knapp 200.000 Bürgerinnen und Bürger.
4. Je schlechter die Stimmung im Land, desto eher profitiert die AfD
Die in Baden-Württemberg als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführte AfD ist in einiger Hinsicht eine Ausnahme. Trotz eines wenig populären Kandidaten konnte sie bei dieser Landtagswahl ihr Ergebnis aus dem Jahr 2021 fast verdoppeln.
Laut Wahlforschung hat das verschiedene Gründe: Zum einen profitiert die Partei von der schlechten Gesamtstimmung im Land und von den Sorgen, die sich die Menschen um Europa, Sicherheit und wirtschaftliche Lage machten. Sie kann diejenigen einsammeln, die sich von der Regierungspolitik tief enttäuscht zeigen, ihre Wählenden haben im Vergleich die meisten Ängste und Sorgen.
Zum anderen wird schon bei einigen Landtagswahlen der Effekt beobachtet, dass AfD-Wählerinnen und -Wähler auf Landesebene weniger schauen, was die AfD im Landtag vollbracht oder im Wahlprogramm formuliert hat, sondern wie sie in der Bundespolitik dasteht.
5. Die SPD muss sich neu erfinden
Vor einiger Zeit konnte die SPD Niederlagen mit der Knarzigkeit von Kanzler Scholz und der Kompliziertheit der Ampelkoalition erklären. Man hatte dann ja auch Konsequenzen gezogen, die Parteispitze teils neu besetzt, mit Tim Klüssendorf einen sehr jungen Generalsekretär geholt – und sich von ihrer eigenen Bürgergeld-Reform hin zur Grundsicherung bewegt.
Doch mit diesem Wahlergebnis in Baden-Württemberg, mit dem sie fast aus dem Landtag rutschte, muss die einstige Volkspartei eigentlich in ein größeres Umdenken gehen.
Zwar war ihre Ausgangslage historisch nie die beste im Südwest-Bundesland und diesmal verlor sie weitere Stimmen an den Zweikampf von CDU und Grünen. Aber ein derart bitteres einstelliges Ergebnis, verbunden mit der Einsicht, dass nur vier Prozent der Arbeiter sie noch wählen, muss die Partei wachrütteln – auch wenn in zwei Wochen der amtierende SPD-Ministerpräsident Alexander Schweitzer sein Amt bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz verteidigen mag.
Bei ihrem Kompetenzwert “soziale Gerechtigkeit” erreichte die SPD dieses Mal laut Infratest dimap vor einer Landtagswahl den schlechtesten Wert, der je vor einer Landtagswahl gemessen wurde. Und mehr als die Hälfte der Befragten – darunter auch viele SPD-Anhänger, sagen, die Partei kümmere sich mehr um Bürgergeldempfänger als um Menschen, die arbeiteten und wenig verdienten, die Partei habe die arbeitende Mitte nicht mehr im Blick. Die Partei wird sich radikal neu erfinden müssen.

