Die 112 ist die einheitliche Notfallnummer in der gesamten EU. Das System der Notfallrettung in Deutschland stößt aber an seine Grenzen: Rettungsdienste sprechen von Überlastung und Fehlalarmen.
Jan Sommer steht hinten im Rettungswagen und kontrolliert seine Ausrüstung. Der Notfallsanitäter ist immer bereit, wenn jemand schnell Hilfe braucht. In Düsseldorf fährt er Rettungseinsätze für den Arbeiter-Samariter-Bund – und immer wieder auch Einsätze, bei denen ein Rettungswagen eigentlich nicht rausfahren müsste.
“Der Klassiker ist: Ich habe seit zwei Wochen Rückenschmerzen. Ich kriege keinen Termin beim Facharzt”, erzählt Sommer. “Dann rufen manche Menschen an in der Hoffnung, dass sie dann schneller im Krankenhaus behandelt werden. Und wir kommen immer.”
Notruf europaweit vereinheitlicht
In Estland heißt Notruf “Hädaabi”, in Finnland “Hätätilanne” und in den Niederlanden “Noodoproep”. Aber die Nummer ist überall dieselbe: 112. Im Jahr 1991 beschlossen die damaligen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, dass Notrufmeldungen vereinheitlicht werden sollen, um es den Menschen einfacher zu machen. Seitdem gilt die 112 in der EU als einheitliche Notrufnummer.
Und die wird immer häufiger auch dann gewählt, wenn es eigentlich gar nicht nötig wäre. “Auch so ganz banale Dinge wie Fieber sind für manche Leute schon Gründe, uns zu rufen”, berichtet Notfallsanitäter Jan Sommer. Bei einigen Menschen fehle das Verständnis für den Notruf. “Sie wissen nicht, wie sie mit Fieber umgehen sollen.”
Daten des Robert Koch-Instituts belegen das: Die allgemeine Gesundheitskompetenz sinkt. Menschen seien demnach schlechter darin geworden zu deuten, ab wann sie sich wegen ihrer Symptome sorgen sollten und was sie selbst dagegen tun können. Ein Großteil der Deutschen sei laut RKI mit der Verantwortung für die eigene Gesundheit überfordert.
Die 116117 ist oft die sinnvollere Nummer
“Es besteht Nachbesserungsbedarf”, sagt Christian Reuter, Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes. Er wünscht sich eine Reform der Notfallversorgung und begrüßt, dass die Bundesregierung das Thema angeht. Denn: “Die Einsatzzahlen sind in den letzten 20 Jahren rund um zwei Drittel gestiegen.”
Das liegt auch daran, dass die 112 zu oft bei kleineren medizinischen Fällen gewählt wird und Unwissenheit über das dreigliedrige Notfallsystem besteht: die ambulante Versorgung durch die Vertragsärzteschaft, die Notfallversorgung in Krankenhäusern und den Rettungsdienst. Dieser hilft unter der Notrufnummer 112 vor allem bei lebensbedrohlichen Notfällen. In vielen anderen Fällen ist das Angebot der Terminservicestelle 116117 die sinnvollere Nummer.
“Alle Akteure müssen besser zusammenarbeiten”, wünscht sich Notfallsanitäter Jan Sommer. “Man muss den Patienten die Entscheidung in der Not abnehmen, an wen sie sich wenden. Das ganze System muss einfach besser gesteuert werden.” Christian Reuter vom Deutschen Roten Kreuz ergänzt: “Es muss sichergestellt werden, dass die Ausstattung und Struktur der Notfallversorgung nach den vorhandenen Bedarfen und Erfordernissen erfolgt.”
Viele Leerfahrten, hohe Kosten
Jeden Tag rücken Kranken-, Rettungs- und Notarztwagen in Deutschland aus. Etwa jeder vierte Einsatz ist mittlerweile eine so genannte Leer- oder Fehlfahrt. Solche Fahrten fallen immer dann an, wenn ein Rettungswagen zum Einsatzort gerufen wird, aber der Patient letztlich nicht in ein Krankenhaus mitgenommen werden muss.
Städte und Landkreise diskutieren, ob Patienten an den Kosten solcher Leerfahrten beteiligt werden sollten. Denn die Krankenkassen wollen diese Fahrten nicht mehr komplett übernehmen. Der Konflikt zwischen Krankenkassen und Kommunen schwelt schon länger. In Bottrop in Nordrhein-Westfalen wurde jetzt beschlossen, dass es bis Ostern eine Übergangslösung geben soll und kein Patient zur Kasse gebeten wird.
“Niemand soll Angst haben, den Krankenwagen zu rufen”, sagt Michael Duckheim von der Bottroper Feuerwehr. Gleichzeitig fordert er eine Reform der Notfallversorgung. Momentan gebe es noch krasse Fehler im System. Er nennt einen Extremfall: “Wir kommen irgendwo an und ein Patient muss reanimiert werden. Wir versuchen wirklich zwei Stunden vor Ort alles, es werden Medikamente gegeben”, beschreibt Michael Duckheim die Situation. “Am Ende stirbt der Patient leider vor Ort. Nach Ansicht der Kostenträger ist das dann eine Fehlfahrt. Das heißt: Es wird nicht refinanziert.”
Patientenschützer gegen Gebühr für Leer- und Fehlfahrten
Dieses Finanzierungsproblem dürfe nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden, fordern Patientenschützer. Gebühren für den Rettungsdienst lehnt die Deutsche Stiftung Patientenschutz ab. Vorstand Eugen Brysch sieht die Kommunen in der Pflicht, sich energisch für eine komplette Kostenübernahme einzusetzen. Die Bereitstellung eines Rettungsdienstes gehöre eindeutig zum Bereich der kommunalen Daseinsvorsorge.
Sollte der Rettungsdienst Geld kosten, könnte das laut Brysch dazu führen, dass einige nicht die 112 wählen, obwohl sie in Not sind. “Kreise und Städte haben eine Verpflichtung, sich um Bürgerinnen und Bürger zu kümmern. Das ist kein Wirtschaftsmodell, wo wir am Ende auf Profit aus sind”, sagt Brysch. “Es ist wichtig, beim Rettungsdienst eine Vorsorge vorzuhalten – selbst dann, wenn sie nicht gegenfinanziert wird.”
Krankenkassen fordern digitale Vernetzung
Patientenschützer und Krankenkassen wollen den Notdienst effizienter gestalten und so die Zahl der Fehlfahrten reduzieren. Die Krankenkassen fordern unter anderem, die Zahl der Rettungsleitstellen zu senken. Außerdem sollten die Leitstellen des Rettungsdienstes und des ärztlichen Bereitschaftsdienstes digital vernetzt werden. Dadurch könnten Patientinnen und Patienten zielgerichteter auf die passende Versorgungsebene gesteuert werden.
Die Stadt Bottrop und viele andere Kommunen hoffen jetzt auf eine bundesweite Reform. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet an einem Gesetz für die Notfallversorgung. Es soll noch im ersten Quartal des Jahres ins Kabinett eingebracht werden. Bis zum Sommer soll dann der Bundestag darüber beraten.

