interview
Das Ende des “New START”-Vertrags hat vor allem mit Chinas nuklearer Aufrüstung zu tun, erklärt der Sicherheitsexperte Krause. Peking verweigere darüber aber den Dialog. Im Interview erläutert er, was das für Europa bedeutet.
tagesschau24: Welche konkreten Konsequenzen hat das Auslaufen des “New START”-Vertrags für uns alle?
Joachim Krause: Es hat erstmal keine großen Konsequenzen. Der immer wieder beschworene neue Ausbruch des Wettrüstens wird so nicht stattfinden, weil weder die Amerikaner noch die Russen und auch nicht die Chinesen die Kapazitäten dafür haben.
Wir hatten ein Wettrüsten in den 1950er- und 1960er-Jahren – da hatten die USA und die Sowjetunion die entsprechenden industriellen Kapazitäten. Die haben sie heute nicht mehr.
Was wir erleben, ist das Ende der verhandelten Abrüstung der Amerikaner und der Russen bei den strategischen Nuklearwaffen, weil China als neue dritte strategische Nuklearwaffenmacht auftritt und die bisherigen Stabilitätsgleichungen dann nicht mehr gelten. Hier fängt eine neue Ära an, von der noch keiner so richtig weiß, wie sie ausgehen wird.
tagesschau24: Wagen wir eine Prognose. Glauben Sie, dass es ein trilaterales Abkommen geben könnte? Zwischen den USA, Russland und China?
Krause: Das haben die USA schon zur ersten Amtszeit von Donald Trump gefordert. Aber die Chinesen haben das abgelehnt mit der Begründung, weit weniger Atomwaffen als die Russen und die Amerikaner zu haben. Das stimmt wohl, aber inzwischen hat China dahingehend nachgelegt, und zwar jedes Jahr mit ungefähr 100 zusätzlichen Sprengköpfen.
Langsam nähern sich die Chinesen den Größenordnungen der Russen und der Amerikaner an. Das dauert noch ungefähr zehn Jahre, aber der Trend ist zu erkennen und von daher ist es notwendig, sich rechtzeitig Gedanken zu machen. Dazu aber braucht es den Dialog mit China, und der wird derzeit verweigert.
Zur Person
Prof. Dr. Joachim Krause ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft. Er war bis 2022 der Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.
“Eine noch relativ begrenzte Anpassungsoperation”
tagesschau24: Wie lange würden die drei Atommächte solch einen Rüstungswettlauf wirtschaftlich aufrecht erhalten?
Krause: Es ist kein Rüstungswettlauf abzusehen. Was die Amerikaner jetzt machen werden, ist, dass sie ihre landgestützten Interkontinentalraketen, die bisher nur einen Sprengkörper hatten, mit drei unabhängig lenkbaren Sprengköpfen ausrüsten. Das wird ungefähr das wettmachen, was die Chinesen in den vergangenen zwei, drei Jahren aufgebaut haben.
Das ist aber nicht so eine riesige Dimension, dass man sagen muss, hier fängt ein Rüstungswettlauf an. Es ist vielmehr eine noch relativ begrenzte Anpassungsoperation, die zeigen soll, dass die USA davon ausgehen, dass Russland und China gegen sie stehen und dass sie die beiden in ihren Kalkulationen zusammenrechnen müssen. Mehr ist es im Augenblick noch nicht.
Kein Ersatz für Verteidigungspolitik
tagesschau24: Müssen wir uns in Europa künftig deshalb sorgen – wenn es jetzt gar keine Abrüstungskontrolle mehr gibt? Einerseits sind wir auf den Schutzschirm durch die Amerikaner angewiesen – und Russland liegt geographisch gesehen doch eher nah.
Krause: Das ist richtig. Aber wir sollten aufhören, Rüstungskontrolle als ein Instrument der Sicherheit zu sehen. Rüstungskontrolle macht dann Sinn, wenn beide Seiten Interessen daran haben. Aber sie ersetzt keine Verteidigungspolitik, das haben die vergangenen Jahre gezeigt.
Wir sind ja auch einer strategischen Bedrohung mit Atomwaffen durch Russland ausgesetzt, und da hat uns die Rüstungskontrolle überhaupt nicht geholfen. Rüstungskontrolle muss man immer in Relation sehen. Es ist kein Instrument per se.
Auch Deutschland sichert sich
tagesschau24: Welche Rolle spielen dann künftig Raketenabwehrsysteme, etwa solche wie der Golden Dome?
Krause: Das ist zumindest in den USA ein ganz wichtiger Punkt. Schon der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan sagte, die gegenseitig gesicherte Zerstörungsfähigkeit als Stabilitätselement bedeute, dass die eigene Bevölkerung in nukleare Geiselhaft genommen wird. Das wollte er eigentlich mit der Strategic Defense Initiative (SDI) beseitigen. Das ist ihm nicht gelungen.
US-Präsident Trump geht jetzt den gleichen Weg. Ob das technisch dieses Mal besser möglich ist als seinerzeit mit SDI, das wird sich zeigen. Auch wir Europäer gehen in die Richtung. Wir beschaffen uns das Raketenabwehrsystem Arrow aus Israel welches in der Lage ist, Mittelstreckenraketen abzuhalten, die auf Deutschland gezielt werden.
Wir haben auch auf den Weg eingeschlagen und stellen Verteidigungsfähigkeit gegen Raketen her, um uns vor nuklearen Bedrohungen zu schützen.
Das Gespräch führte Bernd Rasem für tagesschau24. Für die schriftliche Version wurde es angepasst.
