Selenskyjs ehemalige Comedy-Truppe tritt weiterhin auf – ohne den ukrainischen Präsidenten. Das wird zunehmend heikler, denn die Schauspieler machen auch Witze über führende Politiker. Den Präsidenten sparen sie weitgehend aus.
Die Konzerthalle füllt sich bis auf den letzten Platz. Zwei Freundinnen machen es sich in ihren Sitzen bequem. Sie hätten zum ersten Mal Karten ergattert für ihre Lieblings-Neujahrsshow, die hier aufgezeichnet wird. Die vom “Kwartal 95”, der wohl bekanntesten ukrainischen Stand-up-Comedy-Truppe. Sie wurde einst von Präsident Wolodymyr Selenskyj mitgegründet.
Die beiden Freundinnen, 28 und 30 Jahre alt, haben in etwa den gleichen Geschmack: “Witze über Beziehungsgeschichten sind uns am liebsten”, sagt eine von ihnen. “Über den Krieg bitte nicht, der ist nicht zum Lachen. Wir hatten heute wieder einige Stunden Stromausfall. Politik? Wenn es sein muss, aber ich kenne mich da schlecht aus.”
“Auch über Krieg muss man Witze machen”
Etwas anders sieht es Wolodymyr Kontschytz, ein Soldat, dessen Einheit an der Front kämpft. Wie einige Kameraden ist er vom “Kwartal” eingeladen worden: “Auch über den Krieg muss man Witze machen können”, sagt er. “Die Soldaten tun das auch, an der Front, und das zeigt, dass ihre Psyche normal funktioniert. Ein Problem wird es eher, wenn sie alles ins ich hineinfressen.”
Krieg und Politik – um diese Themen kommt die Show heute nicht herum. Denn sie ist selbst ein Politikum: Einige Künstler haben abgesagt, wegen eines Korruptionsskandals. Tymur Minditsch, Miteigentümer von “Kwartal 95” und Freund von Selenskyj, hatte Einfluss auf verschiedene Ministerien – das fanden Korruptionsermittler heraus. Er zweigte Geld ab, das im Krieg fehlt.
Show wird zum Politikum
Gleich zu Beginn: Ein gespielt betrunkener Comedian tritt auf die Bühne und ist erbost: “Als ich 2019 zum ‘Kwartal’ gestoßen bin, hat man mir gesagt, ich würde einer der wichtigsten Schauspieler. Aber niemand hat mir gesagt, dass ich ein zweites Maul brauche, um diese ganze Scheiße zu schlucken.” Dann beklagt er sich, dass alle ihn mit diesem Minditsch in Verbindung bringen – den er doch gar nicht kenne.
Minditsch, der sich inzwischen ins Ausland abgesetzt hat, ist hier der Bösewicht, wie es der führende Kopf des Kollektivs Jewhen Koschowyj in der Show zuspitzt. “Ich wende mich an dich, Minditsch”, ruft er. “Ich hoffe sehr, dass dir dieses Geld die Seele wärmt. Und dass du dann Brandnarben bekommst und nicht mehr auf dem Hintern sitzen kannst. Denn genau da sitzt bei dir die Seele.“
Präsident Selenskyj wir weitgehend geschont
Präsident Selenskyj kommt bei der Show glimpflich davon. Der sei schlau: Er habe sich 2019 rechtzeitig vom “Kwartal” verabschiedet, als er Präsident wurde. Ließ Selenskyj Minditsch gewähren? Wollte der Präsident nicht die Antikorruptionsbehörden entmachten? Dazu fällt hier kein Wort.
Die Künstler, die wegen “Mindisch-Gate” nicht auftreten wollten – das seien eben keine echten Freunde des “Kwartals” gewesen. Denn das gab es, gibt es und werde es immer geben, meint Koschowyj.
Viele der Fans sind einverstanden. “Selenskyj hat mit der Korruption nichts zu tun”, sagt der 35-Jährige Radiotechniker Oleh. “Wenn er gewusst hätte, wie alles kommt, wäre er nie Präsident geworden. Er hatte doch schon vorher viel Geld, alle haben ihn gekannt. Er hat das alles nicht nötig gehabt.”
Der Krieg in Sketchen
Um den Krieg geht es dann auch an diesem Abend in einigen Sketchen. Ein älteres Paar versucht verzweifelt Sex zu haben – dick in Jacken gepackt, weil wegen der russischen Luftangriffe die Heizung ausgefallen ist. Mal lehnt er sich dabei über den Ölradiator, mal sie.
Der einzige Politiker, der wirklich sein Fett wegbekommt, ist der ehemalige Bürgermeister von Odessa, Hennadij Truchanow. Selenskyj hat ihm vor kurzem die Staatsbürgerschaft entzogen, weil er auch die russische besitzen soll.
Gleich zurück in den Krieg
Eigentlich nicht lustig, meint der Soldat Wolodymyr Kontschytz, denn das sei seit Langem bekannt gewesen. Mit Selenskyj habe ihm “Kwartal 95” besser gefallen. “Er ist ein guter Schauspieler, das kann ihm keiner nehmen”, sagt der Soldat. “Trotzdem haben wir uns hier ein bisschen erholt, wir nehmen eine positive Stimmung mit.” Denn für die Soldaten, die eingeladen waren, ging es danach unmittelbar zurück in den Krieg.

