Wenn über Wissenschaft berichtet wird, sind es häufig Männer, deren Expertise gefragt ist. Aktuelle Forschung zeigt: Das liegt an der ungleichen Aufmerksamkeit, die sie im Laufe ihrer Karriere erzielen.
Heute am Tag des Internationalen Frauenstreiks sind weltweit Frauen auf die Straße gegangen, um für Gleichberechtigung und Gehör zu kämpfen. Ein Bereich, in dem Frauenstimmen besonders oft überhört werden, ist die Wissenschaft. Trotz wachsender Präsenz von Frauen in der Forschung sind sie in der medialen Berichterstattung und öffentlichen Wahrnehmung weiterhin stark unterrepräsentiert.
Gender-Gap der Aufmerksamkeit
Das bestätigt auch Kommunikationsforscherin Melanie Leidecker-Sandman vom Karlsruher Institut für Technologie: “In unserer eigenen Studie kamen wir auf einen Frauenanteil von 18 Prozent”, sagt sie mit Blick auf Wissenschaftlerinnen in der Medienberichterstattung. “Das ist natürlich sehr weit weg von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis.” In ihrer Forschungsarbeit analysierte sie 4.860 wissenschaftsbezogene Artikel aus Deutschland, die in den vergangenen 30 Jahren veröffentlicht wurden.
Laut Leidecker-Sandmann spielt das Geschlecht der Forschenden selbst bei der journalistischen Auswahl eine untergeordnete Rolle. Stattdessen seien Faktoren wie hierarchische Positionen, Publikationen und Zitationen entscheidend. Und da weibliche Wissenschaftler einfach seltener hochrangige akademische Positionen bekleiden, da sie weniger publizieren und zitiert werden, tauchen sie auch in der Wissenschaftsberichterstattung seltener auf”, so Leidecker-Sandmann.
Der Matthäus-Effekt: Im Licht der Aufmerksamkeit
Das grundlegende Prinzip für die Ungleichheit in der Wissenschaft ist der sogenannte Matthäus-Effekt. Die Soziologen Robert Merton und Harriet Zuckerman beschrieben das Phänomen so: Forschende, die bereits bekannt sind und häufig zitiert werden, erhalten noch mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung. “Wer hat, dem wird gegeben”, ist das biblische Zitat nach dem der Effekt benannt wurde. Das heißt: Je mehr Zitationen man bereits hat, umso stärker wächst auch der Anstieg der Zitationen im Zeitverlauf. Denn so wird Forschung sichtbar, andere Forschende lesen und zitieren diese Forschung häufiger und das erhöht die Sichtbarkeit weiter.
“Das ist ein Spiralprozess”, erläutert Leidecker-Sandmann. Der Nachteil: Forschende, die es nicht schaffen, Anerkennung und Aufmerksamkeit für ihre Arbeit zu erhalten, bleiben oft außen vor – und das betrifft häufiger Frauen.
Der Matilda-Effekt: Die Schattenseite
Dieses Karrierehindernis für Frauen in der Wissenschaft nennt man den sogenannten Matilda-Effekt. 1993 beschrieb Wissenschaftshistorikerin Margaret Rossiter die Folgen für jene, die nichts haben und durch die Folgen des Matthäus-Effekt auch noch mehr verlieren. Rossiter benannte den Matilda-Effekt nach der US-amerikanischen Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage.
Wissenschaftliche Leistungen von Frauen werden laut Leidecker-Sandmann “häufiger übersehen, weniger anerkannt oder gewürdigt oder auch einfach Männern zugeschrieben”. Es gebe zum Beispiel Experimentalstudien, bei denen identische Konferenzbeiträge schlechter beurteilt worden sind, wenn der Autor eine Frau war. Besonders deutlich sei dieser Effekt in männerdominierten Forschungsfeldern, so die Kommunikationsforscherin.
Vergessene Namen wieder entdeckt: Meitner und Franklin
Historische Beispiele verdeutlichen diesen Effekt: Lise Meitner entdeckte zusammen mit Otto Hahn die Kernspaltung, doch nur Hahn erhielt den Nobelpreis. Rosalind Franklin konnte als Erste die doppelsträngig gewundene DNA-Struktur darstellen, doch ihre Arbeit wurde von Watson und Crick übernommen, die dafür den Nobelpreis erhielten. Sie alle sind um die Anerkennung für ihrer bedeutenden wissenschaftlichen Entdeckungen gebracht worden und erhielten erst viele Jahre später Aufmerksamkeit für ihr Lebenswerk.
Dies wirkt bis heute nach – wie Leidecker-Sandmann und ihr Team mit ihrer aktuellen Forschung zeigen konnten. “Frauen neigen dazu, zum Beispiel Medienanfragen häufiger abzulehnen als Männer. Die scheinen sich hier selbst auszusortieren und zu überlegen, bin ich jetzt wirklich die beste Expertin oder könnte nicht vielleicht mein Kollege XY mehr dazu sagen als ich”, sagt die Forscherin. Deswegen empfiehlt sie den Frauen in der Wissenschaft, “die eigene Tendenz zur strikteren Selbstselektion ein Stück weit zu reduzieren”.
