Wie könnte die politische Zukunft Irans aussehen? Diese Frage wird heiß diskutiert in der Diaspora. Zwei Exil-Iranerinnen erklären ihre unterschiedlichen Perspektiven auf die Lage im Land.
Beide wurden in Iran geboren, wuchsen in Deutschland auf und sind hörbare Stimmen der iranischen Diaspora: die Grünen-Politikerin Mayram Blumenthal und die Journalistin Gilda Sahebi. Doch sie vertreten unterschiedliche Positionen, wenn es um mögliche Wege zu einem politischen Wandel in Iran geht. Im Gespräch mit WDRforyou zeigen sich schon bei der ersten Frage Unterschiede: Kann sich Iran aus eigener Kraft von den Mullahs befreien?
Maryam Blumenthal, Hamburgs Wissenschaftssenatorin, argumentiert, dass die iranische Bevölkerung einem massiv bewaffneten Staat gegenüberstehe und deshalb Unterstützung von außen brauche. Die Protestbewegungen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass ein ungleiches Kräfteverhältnis zwischen Bevölkerung und Regime bestehe. Ein Regimewechsel sei deshalb kaum ohne externe Hilfe denkbar. “Wir haben leere Hände – und uns gegenüber steht ein Regime, das bis an die Zähne bewaffnet ist”, sagt Blumenthal.
Journalistin Gilda Sahebi formuliert ihre Perspektive vorsichtiger. Sie beschreibt die widersprüchliche Stimmung in Iran so: “Weil die Islamische Republik ein Meer an Straflosigkeit ist, haben viele Menschen jetzt das Gefühl, dass es ein kleines bisschen Gerechtigkeit gibt.” Gleichzeitig hätten viele Menschen Angst vor Krieg, Zerstörung und davor, dass die islamischen Mullahs selbst das bloße Überleben eines militärischen Konflikts als politischen Sieg verkaufen könnten. Am Ende könnten dann erneut die Menschen in Iran den Preis zahlen.
Zur Person
Mayram Blumenthal wurde in der iranischen Hauptstadt Teheran geboren. 1987 kam sie im Kindesalter mit ihrer Familie als Geflüchtete nach Deutschland. Seit 2025 ist sie Wissenschaftssenatorin in Hamburg. Zuvor führte sie als Vorsitzende den Landesverband von Bündnis 90/Die Grünen.
Zur Person
Gilda Sahebi, geboren in Teheran, floh als Dreijährige mit ihrer Familie aus Iran. In Deutschland studierte sie Medizin und Politikwissenschaft. Als freie Journalistin befasst sich Sahebi unter anderem mit den Schwerpunkten Frauenrechte und Naher Osten. Auch für die ARD hat sie bereits gearbeitet.
Die Frage nach dem Tag danach
In vielen Debatten der iranischen Diaspora verschiebt sich der Fokus schnell von der aktuellen Realität in Iran zu Szenarien über den “Tag danach”. Wer könnte eine Übergangsfigur sein? Welche politischen Modelle wären denkbar?
Dabei rückt eine Figur besonders stark in den Mittelpunkt: Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs. Blumenthal beschreibt eine persönliche Entwicklung. Lange habe sie Pahlavi nicht als politische Option betrachtet. In Gesprächen mit Familienmitgliedern in Iran sei sie immer wieder aufgefordert worden: “Nenn mir doch eine Alternative!” Pahlavi könne möglicherweise eine Rolle im Übergang spielen – nicht als Monarch, sondern als Symbolfigur für einen politischen Wandel.
Diese Argumentation ist typisch für einen Teil der Diaspora: Die Unterstützung für Pahlavi wird oft nicht ideologisch begründet, sondern pragmatisch. Er erscheint als sichtbare Figur in einem ansonsten fragmentierten Oppositionsfeld – und ist inzwischen zum Synonym für den Regimewechsel geworden. Sein Name wird bei den Protesten der letzten Wochen in Iran, aber auch im Ausland, oft gerufen.
Braucht es eine zentrale Figur?
Sahebi betont, dass viele Iraner zwar Pahlavi als möglichen Faktor im Sturz des Regimes betrachten, ihn aber keineswegs als zukünftigen politischen Führer sehen. Für viele gehe es vor allem darum, endlich frei wählen zu können, welches System sie überhaupt wollen – Republik, konstitutionelle Monarchie oder eine andere Form der Demokratie.
Dieser Unterschied wirkt klein, ist aber politisch entscheidend. Während die einen in der Diaspora nach Führungspersonen suchen, betonen andere, dass gerade das Fehlen einer zentralen Figur Ausdruck einer möglichen demokratischen Zukunft sein könnte.
Der Übergang zur Demokratie
Blumenthal äußert Zweifel daran, dass eine Gesellschaft nach fast fünf Jahrzehnten Diktatur sofort in ein demokratisches System übergehen könne. Demokratie müsse regelrecht gelernt und institutionell aufgebaut werden. “Das ist ja nicht mit so einem Fingerschnippen gemacht. Zack, ihr schlaft ein und wacht morgen in einer Demokratie auf”, sagt die Hamburger Grünen-Politikerin.
Sahebi sieht das anders. Ihrer Ansicht nach haben die Protestbewegungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass viele Menschen in Iran ein sehr klares Verständnis von Freiheit und politischer Selbstbestimmung besitzen. Entscheidend seien weniger pädagogische Prozesse als vielmehr politische Strukturen, die demokratische Teilhabe ermöglichen.
Diese Differenz verweist auf eine grundlegende Kontroverse: die Frage, ob die iranische Gesellschaft als politischer Akteur betrachtet wird – oder eher als Objekt eines zukünftigen Transformationsprozesses.
Debatte über Iran polarisiert
Die politischen Diskussionen innerhalb der iranischen Diaspora verlaufen dieser Tage stark polarisiert. Kritik – gleich welcher Art – kann schnell zu heftigen Reaktionen führen, besonders in den sozialen Medien. Sahebi bestätigt diese Beobachtung, relativiert sie jedoch zugleich. Die lautesten Stimmen in sozialen Medien repräsentierten nicht unbedingt die Mehrheit. Viele Iraner im Exil seien differenzierter und vor allem auf das Wohl der Menschen in Iran fokussiert. Blumenthal beschreibt ähnliche Erfahrungen.
Interessant ist dabei, dass beide Gesprächspartnerinnen eine ähnliche Diagnose stellen: Die lautesten Konflikte der Diaspora entstehen häufig in sozialen Medien – weniger im direkten Austausch. Das zeigt auch die Art, wie sie das Gespräch führen, bemüht um einen konstruktiven Meinungsaustausch. Gerade weil sie wissen, wie angespannt die Debatten zwischen Iranerinnen und Iranern in Deutschland derzeit geführt werden.
