Wie tief Ex-Prinz Andrew in den Fall Epstein verstrickt ist

Wie tief Ex-Prinz Andrew in den Fall Epstein verstrickt ist

Andrew Mountbatten-Windsor (Archivbild: 16.09.2025)


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Stand: 21.02.2026 • 11:29 Uhr

Die Ermittlungen gegen Andrew Mountbatten-Windsor erschüttern Großbritannien. Was ist über die Freundschaft des Ex-Prinzen zu Sexualstraftäter Epstein bekannt? Welche Vorwürfe werden ihm nun gemacht? Ein Überblick.

Steffi Clodius, Wirtschaft ARD-aktuell

Was wird Andrew konkret vorgeworfen?

Bei der Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor und den Durchsuchungen seiner Anwesen geht es um den Vorwurf, dass er vertrauliche Informationen an Jeffrey Epstein weitergeleitet haben soll. Dieser Vorgang hat nicht unmittelbar mit dem Skandal um Menschenhandel und sexuellen Missbrauch zu tun, sondern mit Andrews Position innerhalb der britischen Regierung: Zwischen 2001 und 2011 bekleidete der damalige Prinz den Posten eines Sondergesandten Großbritanniens für internationalen Handel und Investitionen.

Andrew missbrauchte den jetzt erhobenen Vorwürfen zufolge sein Amt, um seinen Freund Epstein, der als Investmentbanker tätig war, mit Insider-Informationen zu versorgen. Konkret soll er im Jahr 2010 vertrauliche Regierungsdokumente an Epstein weitergegeben haben, und zwar Berichte über Vietnam, Singapur und andere Orte, die Andrew auf offiziellen Reisen besucht hatte. Der britische Politologe Anthony Glees sprach im NDR davon, dass die Polizei dies ernst nehmen müsse. Andrews mutmaßliches Handeln sei gegen die nationalen Interessen Großbritanniens gewesen.

Sollte dies tatsächlich nachgewiesen werden, handelte es sich um Amtsmissbrauch. Die Polizei erklärte, dieser Vorwurf berge “besondere Komplexitäten”: Es handle sich um ein Delikt des “Common Law”, das nicht durch ein geschriebenes Gesetz geregelt ist. Der Straftatbestand des Amtsmissbrauchs – “misconduct in public office” – bezieht sich im britischen Recht auf Amtsträger, die ihre öffentliche Stellung vorsätzlich missbrauchen oder vernachlässigen.

Wer war Jeffrey Epstein?

Jeffrey Epstein war ein US-amerikanischer Finanzmanager und Multimillionär, der vor allem durch den Aufbau eines massiven Missbrauchsnetzwerks bekannt wurde. Er wurde 1953 in Brooklyn, New York, geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Epsteins Eltern gehörten der Mittelschicht an. Sein Vater arbeitete für die Stadt New York, seine Mutter war Hausfrau.

Nach einem Studium ohne Abschluss arbeitete Epstein in den 1970er-Jahren als Lehrer an einer Elite-Privatschule in Manhattan. Über Kontakte wechselte er später in den Finanzsektor. Dort machte er rasch Karriere, zunächst bei einer Investmentbank. Wie genau er sein Vermögen aufbaute, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Bekannt ist, dass er als Vermögensverwalter für wohlhabende Kunden tätig war. Er pflegte einflussreiche Netzwerke zu Spitzenpolitikern, Unternehmern, Wissenschaftlern und Prominenten.

Zu seinem Besitz gehörten mehrere Luxusimmobilien, darunter auch eine Privatinsel auf den Virgin-Islands, bekannt als “Little Saint James”. Nach Aussagen von Opfern soll die Insel ein zentraler Ort für die sexuellen Übergriffe gewesen sein. Eine wichtige Rolle dabei spielte Epsteins Vertraute Ghislaine Maxwell, die ihm half, junge Frauen und Minderjährige für ihn anzuwerben, zu kontrollieren und zu missbrauchen.

Bereits in den 1990er-Jahren gab es erste strafrechtliche Beschwerden gegen Epstein wegen sexueller Übergriffe. 2008 wurde er als Sexualstraftäter verurteilt. Er hatte sich vor einem US-Gericht unter anderem schuldig bekannt, eine Minderjährige zur Prostitution angestiftet zu haben. Er erhielt eine 18-monatige Haftstrafe, von der er etwa 13 Monate verbüßte. Durch einen umstrittenen Deal konnte er die meiste Zeit davon außerhalb des Gefängnisses verbringen.

2019 wurde Epstein wegen schwerer Vorwürfe erneut verhaftet. Kurz danach wurde er erhängt in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte.

Wie kamen die Ermittler auf Andrew?

Die Festnahme des Ex-Prinzen folgt auf die jüngste Veröffentlichung von Ermittlungsakten in den USA zum Fall Epstein. Die britische Thames Valley Police hatte daraufhin Anfang des Monats mitgeteilt, sie prüfe Vorwürfe, wonach Andrew vertrauliche Regierungsdokumente an Epstein weitergegeben haben soll.

Mutmaßlich haben die Ermittler also Hinweise von US-Behörden erhalten oder aber eigenständig ermittelt, dass Andrew jenseits der bereits länger bestehenden Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in den Epstein-Skandal verstrickt sein könnte – und zwar indem er seinen Freund mit Insider-Informationen versorgte.

Inwiefern ist Andrew ansonsten in den Skandal verstrickt?

Die bisherigen Vorwürfe gegen den Ex-Prinzen sind nicht neu und haben mit Epsteins Rolle als Sexualstraftäter zu tun. Bereits nach Epsteins Tod in einer Gefängniszelle im Jahr 2019 versuchte Andrew in einem TV-Interview, seine seit Jahren bekannte Freundschaft zu dem verurteilten Sexualstraftäter herunterzuspielen.

Bei diesem Interview kam auch der Vorwurf zur Sprache, Andrew habe die damals minderjährige US-Amerikanerin Virginia Giuffre vergewaltigt. Der Ex-Prinz bestritt das. Im August 2021 dann reichte Giuffre eine Zivilklage gegen Andrew ein. Sie warf ihm sexuellen Missbrauch bei drei Anlässen vor – unter anderem auch in Epsteins Villa.

Die Londoner Polizei prüfte die Vorwürfe daraufhin abermals. Andrews Anwalt nannte die Anschuldigungen Giuffres “unbegründet, nicht haltbar und potenziell rechtswidrig”. Ungeachtet dessen wurde der Rechtsstreit mit Giuffre später gegen Zahlung einer nicht bekannten Summe durch eine außergerichtlichen Einigung eingestellt.

Als 2024 mehr als 900 Seiten der Gerichtsunterlagen im Fall Epstein veröffentlicht wurden, entdeckten Ermittler darin Dutzende Male Andrews Namen. Auch Giuffres Vorwurf der Vergewaltigung wurde darin erwähnt. 2025 nahm sich Virginia Giuffre im Alter von 41 Jahren in Australien das Leben. Nach ihrem Tod erschienen ihre Memoiren, deren Inhalt den Druck auf Andrew noch einmal erhöhten.

Was sind die Epstein-Files?

Die sogenannten Epstein-Files bezeichnen eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, Zeugenaussagen und Gerichtsunterlagen rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Der US-Multimillionär soll über Jahre hinweg ein Netzwerk zum sexuellen Missbrauch junger Frauen und Minderjähriger aufgebaut haben. Epstein wurde 2019 erhängt in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte.

Im Mittelpunkt der Epstein-Files stehen Gerichtsakten aus Zivilprozessen, vor allem aus einem Verfahren der Epstein-Vertrauten Ghislaine Maxwell, die 2021 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verurteilt wurde. Viele dieser Unterlagen waren lange unter Verschluss. Anfang 2024 ordnete ein US-Gericht an, zahlreiche Dokumente öffentlich zugänglich zu machen. Es folgten weitere Veröffentlichungen.

Die Akten enthalten unter anderem Aussagen von Opfern und Zeugen, E-Mails, Fotos, Videos sowie Namen von Personen, die mit Epstein in Kontakt standen. Darunter finden sich Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die bloße Nennung eines Namens bedeutet keine Schuld. Zahlreiche Personen werden lediglich erwähnt, ohne dass ihnen strafbares Verhalten vorgeworfen wird.

Die Akten belegen, wie weitreichend Epsteins Kontakte waren und wie er offenbar seinen Reichtum und Einfluss nutzte, um sich und andere Beteiligte zu schützen. Zugleich zeigen sie, dass Justizbehörden schon früh Hinweise auf mögliche Straftaten Epsteins hatten. So meldeten sich bereits Anfang der 2000er-Jahre mehrere junge Frauen bei Polizei und Staatsanwaltschaft, ohne, dass es zu einer umfassenden Strafverfolgung kam. Eine vollständige Aufarbeitung steht bis heute aus.

Welche Folgen hat das für Andrew, die Monarchie und das Land?

Im Zuge des Epstein-Skandals und der offenbar bestehenden Verstrickung Andrews entzog dessen Mutter, Königin Elizabeth II., ihrem Sohn 2022 alle militärischen Dienstgrade und royalen Schirmherrschaften. Vergangenes Jahr dann entzog Andrews älterer Bruder Charles, der nach dem Tod der Mutter inzwischen den britischen Thron bestiegen hatte, ihm den Prinzentitel.

Allerdings gibt Politologe Glees zu bedenken, dass Andrew sein Status nie ganz weggenommen werden könne: “Er ist ein Prinz, er ist der Bruder des Königs, er liegt in achter Stelle auf der Thronfolge. Der ganze Begriff von Monarchie ist auf Blutsverbindung aufgebaut.” Das britische Staatsoberhaupt werde “durch Blut ermittelt”, so Glees. Die Affäre, so seine Einschätzung, könne einen “Todesstoß für die Monarchie” bedeuten.

In jedem Falle dürfte die Festnahme des früheren Prinzen als unrühmliches Kapitel in die Geschichte des britischen Königshauses eingehen: Er ist erst das dritte hochrangige Mitglied der Königsfamilie, das von der Polizei festgenommen wurde. Zuvor gab es solche Vorfälle nur im Jahr 1554 mit Elizabeth Tudor, der späteren Königin Elizabeth I., sowie König Charles I. im Jahr 1647.

“Wir sind in Großbritannien in einer Krise – seit zehn Jahren, seit der Brexit-Wahl”, konstatiert der britische Politologe Glees. “Das einzige, was wir wirklich hatten, war die Festigkeit unserer Monarchie.” Was Andrew der Königsfamilie, aber auch Großbritannien insgesamt angetan habe, werde “sehr schwer zu überleben” sein.

Wer in Großbritannien ist sonst noch in den Epstein-Skandal verwickelt?

Für Aufsehen sorgte jüngst auch der Fall des früheren britischen Botschafters in den USA, Peter Mandelson. Auch er war mit Epstein befreundet, auch er soll vertrauliche Dokumente an ihn weitergegeben haben. Denn während der Finanzkrise 2008/2009 war Mandelson britischer Wirtschaftsminister – und als solcher könnte er dem Investmentbanker Epstein den Vorwürfen zufolge geholfen haben.

Obwohl Mandelsons Freundschaft mit Epstein bekannt war, ernannte ihn Premierminister Keir Starmer erst vor gut einem Jahr zum Botschafter in den USA. Wegen des Epstein-Skandals musste Mandelson dann bereits im September 2025 zurücktreten. In der Folge der Enthüllungen um Mandelson nahmen auch mehrere Vertraute Starmers ihren Hut. Starmer gilt seither als politisch angeschlagen; Kritiker des Premiers zweifeln an dessen Urteilsvermögen.

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