Millionen Menschen sind in Deutschland von Typ-2-Diabetes betroffen. Eine Studie zeigt: Tageslicht wirkt sich messbar auf den Stoffwechsel von Betroffenen aus – und das schon in hellen Innenräumen.
Der Wecker zeigt sieben Uhr an – für unsere innere Uhr kann es aber noch mitten in der Nacht sein. Was da helfen kann, ist Tageslicht. Es synchronisiert unsere innere Uhr wieder mit dem Tag-Nacht-Rhythmus draußen in der Natur.
Eine neue Studie im Journal Cell Metabolism hat nun den ersten direkten Beweis geliefert, dass Tageslicht auch den Stoffwechsel beeinflussen kann.
Tageslicht stabilisiert Blutzucker
Die Forscher der Universitäten Genf und Maastricht sowie des Deutschen Diabetes-Zentrums in Düsseldorf haben untersucht, wie sich mehr Tageslicht auf den Stoffwechsel von Menschen mit Typ-2-Diabetes auswirkt. Das Besondere an der Studie: Die Teilnehmenden hielten sich nicht draußen auf oder bewegten sich mehr, sondern saßen einfach in einem Raum mit großen Fenstern und erledigten von Montag bis Freitag ganz normale Büroarbeit.
Das Tageslicht, das durch die Fenster hereinkam, reichte bereits aus, um einen Unterschied zum künstlichen Licht zu zeigen: Der Blutzucker der Patienten war stabiler, die Fettverbrennung wurde angekurbelt und die innere Uhr – etwa in den Muskelzellen – besser an den Tag-Nacht-Rhythmus angepasst, also gewissermaßen zurückgesetzt.
Typ-2-Diabetes
Der Großteil der Diabetes-Patienten ist an Typ 2 erkrankt: Das sind insgesamt mehr als neun Millionen Menschen in Deutschland – Tendenz steigend. Jährlich erkranken etwa 450.000 Erwachsene neu an Diabetes. Viele Menschen könnten nicht einmal wissen, dass sie betroffen sind: Hierzulande wird von einer Dunkelziffer von zwei Millionen Menschen ausgegangen.
Typ-2-Diabetes beginnt meist schleichend. Als Ursache gelten neben einer erblichen Veranlagung auch Übergewicht und Bewegungsmangel. Außerdem können eine unausgewogene (ballaststoffarme, fett- und zuckerreiche) Ernährung und Rauchen die Entstehung von Typ-2-Diabetes begünstigen.
Quellen: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), Bundesministerium für Gesundheit
Warum Tageslicht stärker wirkt als Lampen
Lampen können das zwar auch, aber: “Tageslicht ist potenter darin, diesen Rhythmus zu resetten”, erklärt Studienautor Jan-Frieder Harmsen. “Einfach dadurch, dass das natürlich evolutionär unsere Lichtquelle über Jahrmillionen war.” Künstliches Licht sei erst mit dem Feuer gekommen und damit kein integraler Bestandteil der Entwicklung unseres Metabolismus gewesen.
Der Vorteil von Tageslicht liege laut Harmsen zum einen daran, dass es deutlich heller sei als die meisten künstlichen Lichtquellen. Zum anderen spielten auch die UV- und Infrarotanteile des Tageslichts eine Rolle, die trotz der Fensterscheiben noch in ausreichender Menge in den Raum gelangen.
An einem großen Fenster zu arbeiten, scheint also besser zu sein als unter künstlichem Licht – zumindest für Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Ergebnisse nur begrenzt übertragbar
Denn verallgemeinern lassen sich die Ergebnisse nicht. Die Effekte wurden bislang nur bei Menschen mit Diabetes untersucht und lassen sich nicht ohne Weiteres auf Gesunde übertragen. Dass bei gesunden Personen der gleiche Effekt auf den Blutzucker zu beobachten wäre, hält Harmsen für eher unwahrscheinlich.
Das betont auch Manuel Spitschan vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, der nicht an der Studie beteiligt war: “Diese Studie zeigt nicht, dass Tageslicht bei allen Personen und bei allen Erkrankungen einen positiven Effekt hat. Also das muss man ganz klar sagen, da gibt es eine relativ enge Interpretation.” Da die Studie mit Typ-2-Diabetes-Patienten mit einem Durchschnittsalter von 70 Jahren durchgeführt wurde, könne man nur begrenzt Aussagen über die allgemeine Bevölkerung treffen.
Konsequenzen für den Alltag?
Dennoch empfiehlt Studienautor Harmsen allen Menschen, sich möglichst viel Tageslicht auszusetzen, etwa durch einen Arbeitsplatz am Fenster oder in der Mittagspause rauszugehen – am besten sogar beides.
Auch wenn also noch nicht erwiesen ist, dass Tageslicht bei gesunden Menschen den Stoffwechsel verbessert: Es kann uns auf jeden Fall dabei helfen, unsere innere Uhr besser mit der Tageszeit in Einklang zu bringen – damit wir morgens wieder etwas leichter mit dem Wecker klarkommen.
