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Seit der Veröffentlichung der Epstein-Akten posten prorussische Akteure über angebliche Verbindungen zu hochrangigen westlichen Politikern wie Macron oder Selenskyj. Doch viele der Inhalte sind falsch.
In den kürzlich vom US-Justizministerium veröffentlichten Epstein-Akten tauchen die Namen zahlreicher Politiker und Prominenter auf, darunter der frühere britische Wirtschaftsminister Peter Mandelson, der französische Ex-Kulturminister Jack Lang und Norwegens Ex-Ministerpräsident Thorbjörn Jagland. Allerdings mischen sich unter die echten Inhalte auch viele Falschbehauptungen und manipulierte Bilder. So versuchen beispielsweise prorussische Akteure in den sozialen Netzwerken, die Epstein-Akten für ihre Propaganda zu nutzen.
“Für russische Desinformation und Propaganda war die Veröffentlichung der Epstein-Files der perfekte Anlass, um alte Falschbehauptungen wieder neu zu verbreiten”, sagt Julia Smirnova, Senior Researcherin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). Die Epstein-Akten würden sich dazu gut eignen, weil es ein sehr emotional geladenes Thema und der Datensatz so riesig sei. “Genau weil die Flut an den Meldungen über die Epstein-Files so groß ist, ist das Kalkül dahinter, dass die Menschen das gar nicht alles überprüfen. Es soll bei ihnen der Eindruck entstehen, dass alle westlichen Politiker und westlichen Eliten Teil dieser Verschwörung sind.”
Vorwürfe des Menschenhandels
So behauptet die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass, dass die Dokumente beweisen können, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj “in den Handel mit Frauen und Kindern verwickelt ist”. Auch andere russische Medien verbreiten die Behauptung, der ukrainische Präsident sei gemeinsam mit Epstein in Menschenhandel verwickelt gewesen. So schreibt der russische TV-Sender 5TV auf seiner Website, Selenskyj habe sich in den Epstein-Akten “als Förderer des dunklen Geschäfts in der Ukraine” erwiesen.
Er sei in den Transit von Models aus der Ukraine in den Westen verwickelt gewesen, heißt es weiter. “Aus den neuen Dokumenten geht hervor, dass er nicht nur an solchen Machenschaften in Bezug auf Mädchen, sondern auch auf Kinder beteiligt war.” Doch das stimmt nicht.
Zwar wird Selenskyj in den veröffentlichten Epstein-Akten mehrfach erwähnt. Doch zum einen beweist eine Erwähnung in den Akten noch keine Beteiligung an einer Straftat oder Mitwisserschaft bezüglich der Taten des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein. Zum anderen geht es dabei meist um Schlagzeilen oder Erwähnungen in Artikeln, wie auch eine Analyse der staatlichen ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform zeigt. Im Zusammenhang mit Selenskyj gibt es in den Dokumenten “keine Hinweise auf Menschenhandel”, schreibt Ukrinform .
Prorussische Kanäle verbreiten bereits seit Jahren die Falschbehauptung, dass Russland die Kinder in der Ukraine eigentlich schützen würde und die Ukraine Kinderhandel betreibe. Diese Desinformation werde nun wieder neu verbreitet, sagt Smirnova. So wurde beispielsweise schon länger die Stiftung der ukrainischen First Lady Olena Selenska, die sich für im Krieg betroffene Kinder einsetzt, ins Visier russischer Propaganda genommen. Prorussische Kanäle hatten behauptet, die Stiftung würde Kinder aus der Ukraine unter anderem nach Deutschland, Großbritannien und Frankreich bringen, um sie an Pädophile zu vermitteln. Beweise dafür wurden jedoch nicht vorgelegt.
Manipulierte Bilder im Netz
Mehrere Accounts in den sozialen Netzwerken haben zudem ein Bild verbreitet, das zeigen soll, wie Epstein einen jungen Selenskyj umarmt. Auf dem Foto steht Selenskyj vor Epstein, der seinen Arm um ihn gelegt hat. Der ukrainische Präsident trägt ein bunt gemustertes Kleid und einen auffälligen Ring am Finger.
Dieses Bild von Epstein und Selenskyj ist ein Fake.
Allerdings existiert dasselbe Foto mit Epstein und seiner Vertrauten Ghislaine Maxwell, das von einem US-amerikanischen Gericht freigegeben und von vielen Medien verwendet wurde, etwa in einem Artikel der Bild-Zeitung. Es zeigt dieselbe Szene etwas weiter herausgezoomt: Epstein umarmt Maxwell von hinten, im Hintergrund sind dieselben Details zu erkennen. Er trägt denselben Pullover wie auf dem vermeintlichen Bild mit Selenskyj, und Maxwell ist mit dem Ring und dem Kleid zu sehen. Das lässt darauf schließen, dass das Bild mit Selenskyj manipuliert wurde.
Zu der Einschätzung kommt auch Philipp Dewald, Geschäftsführer des auf Deepfake-Erkennung spezialisierten Unternehmens Detesia. “Bei dem verbreiteten Bild von Selenskyj und Epstein handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine gezielte digitale Manipulation. Unsere visuelle Analyse zeigt deutliche Inkonsistenzen in Lichtführung, Übergängen und Gesichtsproportionen.” Eine Rückwärtssuche belege zudem, dass das Originalfoto Maxwell und Jeffrey Epstein zeige; das Gesicht sei nachträglich ersetzt worden. “Es liegen keine Hinweise auf eine vollständige KI-Neugenerierung des gesamten Bildes vor, sondern auf eine partielle Gesichtsmanipulation.”
Was sind die Epstein-Files?
Die sogenannten Epstein-Files bezeichnen eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, Zeugenaussagen und Gerichtsunterlagen rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Der US-Multimillionär soll über Jahre hinweg ein Netzwerk zum sexuellen Missbrauch junger Frauen und Minderjähriger aufgebaut haben. Epstein wurde 2019 erhängt in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte.
Im Mittelpunkt der Epstein-Files stehen Gerichtsakten aus Zivilprozessen, vor allem aus einem Verfahren der Epstein-Vertrauten Ghislaine Maxwell, die 2021 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verurteilt wurde. Viele dieser Unterlagen waren lange unter Verschluss. Anfang 2024 ordnete ein US-Gericht an, zahlreiche Dokumente öffentlich zugänglich zu machen. Es folgten weitere Veröffentlichungen.
Die Akten enthalten unter anderem Aussagen von Opfern und Zeugen, E-Mails, Fotos, Videos sowie Namen von Personen, die mit Epstein in Kontakt standen. Darunter finden sich Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die bloße Nennung eines Namens bedeutet keine Schuld. Zahlreiche Personen werden lediglich erwähnt, ohne dass ihnen strafbares Verhalten vorgeworfen wird.
Die Akten belegen, wie weitreichend Epsteins Kontakte waren und wie er offenbar seinen Reichtum und Einfluss nutzte, um sich und andere Beteiligte zu schützen. Zugleich zeigen sie, dass Justizbehörden schon früh Hinweise auf mögliche Straftaten Epsteins hatten. So meldeten sich bereits Anfang der 2000er-Jahre mehrere junge Frauen bei Polizei und Staatsanwaltschaft, ohne, dass es zu einer umfassenden Strafverfolgung kam. Eine vollständige Aufarbeitung steht bis heute aus.
Angebliches Mittagessen mit Epstein
Auch die von der EU sanktionierte prorussische deutsche Bloggerin Alina Lipp verbreitet Behauptungen über angebliche Verbindungen zwischen Epstein und Selenskyj. In ihrem Telegram-Kanal schreibt Lipp, Selenskyj habe sich “zum Mittagessen mit Epstein” direkt nach seinem Wahlsieg getroffen. Dazu veröffentlichte sie Screenshots von Chatverläufen, die die Behauptungen beweisen sollen.
Der in den Screenshots gezeigte Chatverlauf stammt tatsächlich aus den vom US-Justizministerium veröffentlichten Akten. Er zeigt einen Ausschnitt aus einem Chatverlauf aus Apples Messenger-App iMessage zwischen zwei Personen, die sich zum Essen verabreden wollen. Eine Nachricht vom 10. Juni 2019 lautet: “Übrigens: Ich treffe diesen Donnerstag Selenskyj.”
Im Original-Dokument sind die beiden Teilnehmer des Chats zwar geschwärzt. Aus weiteren Unterlagen geht laut Informationen der Nachrichtenagentur dpa hervor, dass es sich bei dem orangefarbenen Chatteilnehmer wohl um Epstein handelt. Der violette Chatteilnehmer, der “am Donnerstag Selenskyj” trifft, geht aus den Protokollen nicht direkt hervor. Es handelt sich dabei aber offensichtlich nicht um Epstein – sondern vermutlich um den slowakischen Ex-Außenminister Miroslav Lajcak.
Ein Beweis für ein direktes Treffen oder Mittagessen zwischen Selenskyj und Epstein ist dieser Chatverlauf also nicht. Es lassen sich auch keinerlei Hinweise oder Medienberichte über ein Treffen von Epstein und Selenskyj nach der Präsidentschaftswahl 2019 finden.
Fakes über Frankreichs Präsident Macron
Auch der französische Präsident Emmanuel Macron ist erneut ins Visier russischer Desinformation geraten. So kursiert in den sozialen Netzwerken ein Video, das wie ein vermeintlicher Nachrichtenbeitrag aufgemacht ist. In dem Video wird behauptet, dass aus den Epstein-Akten hervorgehe, dass Macron auf “kleine Jungs” stehen würde. Doch das Video ist nicht echt, und die Behauptungen sind falsch.
Dieses Video eines vermeintlichen Nachrichtenbeitrags über Macron und Epstein ist ein Fake.
Wie die französische Viginum-Behörde mitteilte, die Cyberattacken und -propaganda aus dem Ausland abwehren soll, gibt es eine Verbindung zur russischen Gruppe Storm-1516. Diese ist dafür bekannt, Falschinformationen über Politiker zu verbreiten, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Wie bereits bei früheren Kampagnen von Storm-1516 gab es zudem einen gefälschten Nachrichtenartikel, der dieselbe Desinformation enthielt. Er war im Stile der französischen Zeitung France Soir gebaut. France Soir dementierte, einen solchen Artikel veröffentlicht zu haben, und prangerte den Missbrauch ihrer Marke an.
Durch solche Fakes solle der Eindruck erweckt werden, dass die gesamte westliche Elite in die Machenschaften des Sexualstraftäters Epstein verwickelt gewesen sei, sagt Smirnova. So verbreitete die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, das Narrativ in einer Rede. Sacharowa sagte unter anderem mit Blick auf die Epstein-Akten: “Jetzt wissen wir, wie die westliche Elite zu Kindern steht, auch zu ihren eigenen Kindern. Im Großen und Ganzen ist es ihnen nun offenbar egal, was sie mit ihnen machen.”
Die westlichen Staatschefs sind schon lange Ziel solcher Kampagnen. Neben Macron waren auch andere westliche Politiker wie Bundeskanzler Friedrich Merz bereits öfter im Fokus.


