Pendler können für den Arbeitsweg nun schon ab dem ersten Kilometer 38 Cent bei der Steuer geltend machen. Viele freut das, aber es gibt auch deutliche Kritik. Wie gerecht ist die neue Pendlerpauschale?
Es ist ein kalter Dezembermorgen, 6:30 Uhr. Auf dem Autohof bei Wörrstadt in Rheinhessen herrscht reger Betrieb. Pendler, die über die A63 auf dem Weg ins Rhein-Main-Gebiet oder in die Rhein-Neckar-Region sind, tanken noch schnell oder holen sich einen Kaffee.
Iris Schornicke lebt in Ilbesheim im Donnersbergkreis und arbeitet bei einer Bank in Mainz. Zur Arbeit fährt sie mehr als 40 Kilometer, fast jeden Tag. Dass die Pendlerpauschale erhöht wird, empfindet sie als “Erleichterung”. Früher habe sie eine nette Fahrgemeinschaft gehabt, erzählt Schornicke, inzwischen sei es aber schwieriger, sich zusammentun: “Weil jeder auch mal im Homeoffice ist und man sich nicht mehr so gut koordinieren kann.”
Für den Weg zur Arbeit nicht das Auto, sondern den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, kommt für die Mutter nicht in Frage: “Der ÖPNV bei uns auf dem Land ist ein Witz”, sagt sie und lacht. “Da brauche ich zwei Stunden für einen Weg.” Auch Markus Schneider, der gerade seinen Wagen auf dem Autohof vollgetankt hat, findet, die Erhöhung der Pendlerpauschale sei das richtige Signal: “Finde ich sehr positiv, es wurde Zeit, weil sich alle Kosten erhöhen und wir ja in der Inflation sind.”
Die meisten Deutschen nutzen das Auto
Laut Statistischem Landesamt fahren im Flächenland Rheinland-Pfalz mehr Menschen mit dem Auto zur Arbeit als im Bundesdurchschnitt: Rund drei Viertel der rheinland-pfälzischen Erwerbstätigen nutzten demnach im Jahr 2024 das Auto. Öffentliche Verkehrsmittel nutzten dagegen nur 8,6 Prozent.
Doch auch deutschlandweit fahren die meisten Menschen mit dem Auto zu ihrer Arbeitsstelle. Laut Statistischem Bundesamt waren es im vergangenen Jahr 65 Prozent der Erwerbstätigen. Den öffentlichen Nahverkehr dagegen nutzten bundesweit nur 16 Prozent, das Fahrrad sogar nur zehn Prozent der Erwerbstätigen.
Und so dürften sich Millionen Pendler in Deutschland freuen, dass sie ab dem 1. Januar 2026 mehr Geld für die einfache Wegstrecke zur Arbeit bei der Einkommenssteuererklärung abrechnen können. Bislang konnten Pendler für die ersten 20 Kilometer 30 Cent pro Kilometer geltend machen, ab dem 21. Kilometer 38 Cent. Nun können sie schon ab dem ersten Kilometer 38 Cent abrechnen.
Und nicht nur Autofahrer können den Steuervorteil nutzen: Die so genannte Entfernungspauschale gilt auch für Fußgänger, Radfahrer und Menschen, die den öffentlichen Nahverkehr nutzen.
“Gerechtigkeit zwischen Stadt und Land”
Das Bundesfinanzministerium rechnet vor: Wer einen Arbeitsweg von zehn Kilometern hat, kann bei einer Fünf-Tage-Woche jährlich 176 Euro zusätzliche Werbungskosten abrechnen, bei 20 Kilometern Fahrtweg 352 Euro. Selbst wer nur fünf Kilometer von der Arbeit entfernt wohne, könne eine Pauschale von 418 Euro ansetzen, dies seien 88 Euro mehr als bisher.
Voraussetzung: Die übrigen Werbungskosten müssen den Arbeitnehmer-Pauschbetrag bereits überschreiten. Dies sorge “für mehr Gerechtigkeit zwischen Stadt und Land und bedeutet eine spürbare Entlastung gerade für Leistungsträger im ländlichen Raum”, heißt es in einer Pressemitteilung der Bundesregierung.
Für Pendler in der Eifel, im Westerwald oder dem Hunsrück sei die Pendlerpauschale eine deutliche Entlastung, sagt Mirco Hillmann vom ADAC Mittelrhein e.V.: “Sie sind von steigenden Kosten besonders betroffen: Energie ist teurer geworden, Fahrzeuge kosten deutlich mehr. Die Pendlerpauschale ist ein wichtiger Schritt, um die Pendler steuerlich zu entlasten und die Mobilität bezahlbar zu halten.”
Fraunhofer-Institut: Vorteil nur für Besserverdienende
Sven Stöwhase vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) sieht die Pendlerpauschale dagegen kritisch, weil sie auch der Steuerprogression unterliegt.
Sie entlaste vor allem Menschen mit höheren Einkommen, meint der Volkswirt, der sich mit der Mikrosimulation von Steuergesetzen befasst: “Wenn Sie ein sehr wohlhabender Mensch sind, der den Spitzensteuersatz zahlt, dann bringen Ihnen diese 38 Cent, die sie pro Kilometer bekommen, eine Steuerentlastung von 18 Cent. Wenn sie aber ein niedriges Einkommen haben und gerade so Steuern zahlen müssen, dann liegt ihre Steuerentlastung nur bei 5 Cent pro Kilometer – und da sieht man die Krux der ganzen Geschichte.”
Wer mehr verdiene, werde bei gleicher Entfernung also aufgrund der Steuerprogression steuerlich deutlich stärker entlastet. Hinzu komme, dass ohnehin nur derjenige steuerlich entlastet werde, der die Werbungskostenpauschale von 1.230 Euro überschreite. Menschen mit geringem Einkommen hätten aber oft gar keinen Vorteil, weil sie den Werbungskostenpauschbetrag eben nicht überschreiten oder kaum Einkommenssteuer zahlen, erklärt Stöwhase.
Der Wissenschaftler findet: “Die Pendlerpauschale kostet relativ viel Geld, und die Frage, ob das effizient eingesetzt ist, ist nicht geklärt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass es einen großen wirtschaftlichen Impuls gibt.”
Mobilitätsforscher: “Aus der Zeit gefallen”
Andreas Knie ist Verkehrsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Auch er kann der Erhöhung der Pendlerpauschale wenig abgewinnen und findet: “Sie war und ist aus der Zeit gefallen.” Es handele sich dabei vielmehr um eine “Zersiedelungsprämie”, die den höheren und mittleren Einkommen nutze und das weite Fahren mit Autos unterstütze. “Da bekommen Menschen Steuergeschenke, die sie gar nicht brauchen”, so Knie.
Der Verkehrsforscher sagt, die Bundesregierung sende mit der Pendlerpauschale auch verkehrs- und umweltpolitisch das falsche Signal. Während sie gleichzeitig das Deutschlandticket teurer gemacht habe, schaffe sie mit der Pendlerpauschale Anreize, weite Wege mit dem Auto zu fahren. Stattdessen sollten Arbeitgeber und Politik flexible Homeoffice-Regelungen unterstützen, so der Forscher. Der ÖPNV müsse auch auf dem Land besser werden. Bis dahin, schlägt Knie vor, könnten die Menschen etwa Taxi oder Mietwagen nutzen, um “die letzte und erste Meile” zu überbrücken.
Zurück auf dem Autohof an der Autobahn 63 bei Wörrstadt. Inzwischen ist es hell geworden. Matthias Uhlig steht an der E-Ladestation und wartet darauf, dass sein Auto wieder fahrbereit ist.
Er wohnt 27 Kilometer von seiner Arbeit im hessischen Rüsselsheim entfernt: “Ich mache die Kilometer schon immer steuerlich geltend und finde es natürlich gut, dass man als Besserverdiener jetzt noch mehr Geld zurückbekommt. Aber natürlich wäre es auch gut, wenn es auch einfache Lösungen für Menschen mit weniger Einkommen gäbe.”

