Wenn kleine Lebensmittelgeschäfte schließen, trifft das vor allem ländliche Regionen. Ein Dorf in Mecklenburg zeigt, wie es anders geht. Dort läuft der Laden weiter – getragen von einer Genossenschaft.
Um 6.30 Uhr brennt Licht im Dorfladen in Bernitt. Offiziell öffnet er erst um sieben. Doch wenn eine der Mitarbeiterinnen schon da ist, bleibt die Tür nicht verschlossen. Der erste Kunde kauft Brötchen. “Bevor die zur Tanke fahren, können die das Geld lieber hier lassen”, sagt Verkäuferin Petra Bahr.
Im Dorfladen von Bernitt kann man auch seine Pakete abgeben oder ein Mittagessen bekommen.
Der nächste Supermarkt liegt rund zehn Kilometer entfernt. Bernitt ist eine Großgemeinde mit 14 Ortsteilen, zwischen Schwerin und Rostock. In das nahegelegene Bützow sind es mit dem Auto fast 20 Minuten. Für viele hier ersetzt der Dorfladen den Supermarkt – er sichert die Grundversorgung. Hartmut Bendorf ist Stammkunde und “fast jeden Tag” hier. Die Auswahl in großen Märkten sei zwar größer, sagt er. “Aber letzten Endes kann man sich hier gut eindecken.”
Dorfladen als Gemeinschaftsprojekt
Der Dorfladen feiert in diesem Jahr Jubiläum: Seit 2016 wird er als Bürgergenossenschaft geführt. Rund 50 Menschen sind Mitglied; ein Genossenschaftsanteil kostet einmalig 200 Euro. Sechs Mitarbeiterinnen sind Teil des festen Teams im Verkauf oder in der Küche – teils in Teilzeit, teils auf Minijobbasis. Außerdem helfen Ehrenamtliche regelmäßig aus.
Der Laden ist mehr als ein Geschäft: Pakete werden angenommen und Mittagessen gekocht. Wer einen Behördenbrief nicht versteht, kann ihn mitbringen. Gemeinsam seien hier schon Wohngeldanträge ausgefüllt worden, erzählen die Mitarbeiterinnen.
Warum es anderswo gescheitert ist
Nur wenige Kilometer entfernt, im Nachbarort Warnow, musste der Dorfladen schließen. 15 Jahre lang führte eine Betreiberin das Geschäft weitgehend allein.
Die Gemeinde habe sie unterstützt, etwa durch reduzierte Miete, sagt Bürgermeister Lutz Ritter. Doch als Fördermittel des Landes ausliefen, blieb die finanzielle Belastung bei der Kommune. Einen Dorfladen wünsche er sich trotzdem zurück – “gerade für die ältere Bevölkerung”, sagt Ritter.
Burger gegen das Winterloch
In Bernitt trägt vor allem der Mittagstisch zum Umsatz bei. Auf der Karte stehen Gerichte wie Grünkohleintopf mit Kasseler oder Nudeln mit Tomatensoße und Jagdwurst: ein Gericht, das hier viele noch aus DDR-Zeiten kennen.
Doch gerade zu Jahresbeginn wird weniger eingekauft. Um diese Phase auszugleichen, organisiert die Genossenschaft einmal im Jahr einen Burger-Abend. Rund 200 Burger sind vorbestellt – bei rund 1.500 Einwohnern in der Gemeinde. In der Küche schneiden Genossenschaftsmitglieder und Ehrenamtliche Salat, braten Fleisch, rufen Bestellnummern auf.
Trotz minus acht Grad stehen Menschen vor dem Laden. Petra Marx wärmt sich mit einem Glühwein. “Wenn wir das nicht unterstützen, dann läuft sich das irgendwann tot”, sagt sie. “Und so kommt man zusammen.” Torsten Jürgen, selbst Mitglied der Genossenschaft, sieht das ähnlich. “Und jeder, der sagt, im Dorf ist nichts los, naja, der kann sich ja beteiligen, wenn er will.”
Gemeinschaft als Geschäftsmodell
Dorfläden verschwinden vielerorts. In Bernitt hingegen wurde 2024 der Dorfladen sogar erweitert. Rund 300.000 Euro EU-Mittel flossen in den Anbau. Die Verkaufsfläche wuchs von 80 auf knapp 150 Quadratmeter.
Doch Fördergeld allein sichere keinen Dorfladen, sagen die Engagierten. “Nur wir als Gemeinschaft – das ist das Geheimrezept”, sagt Genossenschaftsmitglied Anne Jürgen.
Dorfläden verschwinden nicht nur wegen fehlender Kundschaft. Oft fehlt es an tragfähigen Strukturen. In Bernitt verteilt sich die Verantwortung auf viele Schultern – bisher mit Erfolg.
