Wie die unterschiedlichen Todeszahlen über die Proteste in Iran zustande kommen

Wie die unterschiedlichen Todeszahlen über die Proteste in Iran zustande kommen

Menschen stehen vor brennenden Autos in der Nacht


faktenfinder

Stand: 20.01.2026 16:27 Uhr

Über die Opferzahlen im Zusammenhang mit den Protesten in Iran kursieren viele verschiedene Angaben. Wie die Daten ermittelt werden und wie schwierig es ist, an verlässliche Informationen zu kommen.

Pascal Siggelkow, SWR

Mindestens 2.000 bis hin zu 18.000 Tote: Die Spannweite der mutmaßlichen Opferzahlen bei den Protesten in Iran variiert je nach Quelle sehr stark. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine gewichtige Rolle spielt dabei das iranische Regime. Denn in fast keinem anderen Land der Welt werden die Medien derart zensiert, die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen stuft Iran in der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 176 von 180 ein.

“Da die Medien des Landes weitgehend vom Regime kontrolliert werden, stammen die wichtigsten Informationen von im Ausland ansässigen Medien”, schreibt Reporter ohne Grenzen. Unabhängige Journalisten und Medien seien im Iran tagtäglich Repressionen in Form von willkürlichen Verhaftungen und harten Strafen ausgesetzt, die nach äußerst unfairen Verfahren von den Revolutionsgerichten verhängt würden.

Zudem hat das Regime im Zuge der landesweiten Proteste das Internet und Telefonleitungen abschalten lassen, so dass es noch schwieriger wurde, an Informationen zu gelangen. “Der totale Internetblackout macht die Arbeit auch für verlässliche Organisationen extrem schwer”, sagt die politische Analystin Barbara Mittelhammer. Dazu kämen noch Faktoren wie die Verschleierungstaktik des iranischen Regimes. “Dem Regime ist natürlich daran gelegen, die Zahlen möglichst gering zu halten.”

Außerdem seien viele Krankenhäuser überlastet und Protestierende müssten zudem mit Repressalien rechnen, weshalb nicht immer medizinische Hilfe überhaupt in Anspruch genommen werden könne, so Mittelhammer. “All diese Faktoren machen es wahnsinnig schwer, belastbare Zahlen zu bekommen – zusätzlich zu den erschwerten Bedingungen, die wir sonst in Iran ohnehin immer haben.”

Menschenrechtsorganisationen dokumentieren jeden einzelnen Fall

Mehrere Organisationen versuchen dennoch, die Opferzahlen in Iran möglichst genau zu dokumentieren. Eine oft zitierte Quelle ist die in den USA ansässige Nichtregierungsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA).

Nach Angaben von HRANA sind bislang 4.029 Todesfälle bestätigt, 9.049 weitere Todesfälle werden noch geprüft. HRANA dokumentiert neben den Opferzahlen unter anderem auch die Zahl der Schwerverletzten (5.811) und die Zahl der Festnahmen (26.015). Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben wie auch die anderer Organisationen und Medien aufgrund der aktuellen Lage im Land nicht. Bei früheren Protesten hatte die Organisation, die sich auf ein Netzwerk von Aktivisten in Iran stützt, aber verlässliche Zahlen geliefert.

“Angesichts der strengen Kommunikationsbeschränkungen, der vorherrschenden Sicherheitslage und des fehlenden freien Zugangs zu Informationen könnten die tatsächlichen Zahlen höher sein als die oben aufgeführten”, heißt es in dem Bericht von HRANA. “Die hier vorgestellten Statistiken basieren ausschließlich auf eingegangenen individuellen Meldungen und Fällen, die überprüft werden konnten.”

“Zahl der Toten könnte höchste Schätzungen übersteigen”

Auch die in Norwegen ansässige Nichtregierungsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) dokumentiert die Opferzahlen in Iran im Zusammenhang mit den Protesten. Demnach wurden mindestens 3.428 Demonstranten getötet. Allerdings schreibt die Organisation in ihrem Bericht, dass diese Zahl “deutlich unter den Angaben von Augenzeugen und der eigenen Einschätzung der Organisation hinsichtlich der wahrscheinlichen tatsächlichen Zahl der Todesopfer” liege.

Zudem schreibt IHRNGO, dass es “angesichts des Ausmaßes dieser Verbrechen und der strengen Kommunikationsbeschränkungen” derzeit nicht möglich sei, genaue Opferzahlen gemäß den Standards der IHRNGO zu veröffentlichen, “die eine mehrstufige Überprüfung und Bestätigung durch mindestens zwei unabhängige Quellen erfordern”. “Aus diesem Grund wird die Organisation davon absehen, tägliche Statistiken zu veröffentlichen, bis ausreichende Unterlagen vorliegen.”

“Informationen von Augenzeugen, Familienangehörigen und anderen Bürgern sowie weitere verfügbare Beweise deuten darauf hin, dass die Zahl der getöteten Demonstranten sogar die höchsten Schätzungen der Medien übersteigen könnte”, so der Direktor der IHRNGO, Mahmood Amiry-Moghaddam.

NGOs werten unter anderem Videos und Fotos aus

Auch große Hilfsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch haben Angaben zu den Todeszahlen veröffentlicht – wenn auch deutlich weniger detailliert und regelmäßig wie beispielsweise HRANA. So hat Amnesty International in einem Bericht vom 14. Januar von mindestens 2.000 Toten geschrieben. HRW schreibt in einem Bericht, dass davon ausgegangen wird, dass “Tausende Protestierende und unbeteiligte Passant*innen getötet wurden, während drastische Kommunikationsbeschränkungen seitens der Regierung das wahre Ausmaß der Gräueltaten verschleiern”.

“Amnesty International stützt sich bei der Erhebung auf eine Kombination aus sorgfältiger Quellenanalyse und direktem Kontakt zu Betroffenen, Augenzeug*innen und Angehörigen”, schreibt Theresa Bergmann, Iran-Expertin bei Amnesty International in Deutschland. “Journalist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen, die sich im Ausland befinden, teilen beispielsweise Screenshots oder Sprachnachrichten von Personen, die sich in Iran befinden, mit uns. Es besteht außerdem eingeschränkt direkter Kontakt zu Personen in Iran, darunter medizinisches Fachpersonal und Demonstrierende.”

Ein wichtiger Bestandteil der Datenerhebung sei die Auswertung von Video- und Fotomaterial, so Bergmann. “Unsere Iran-Expert*innen verifizieren zahlreiche Aufnahmen aus unterschiedlichen Städten und Provinzen, um Geschehnisse, Verletzungen und Einsatzmuster der Sicherheitskräfte zu verifizieren. Unterstützt werden sie hier auch von einem Pathologen, der auf Grundlage der vorliegenden Bilder und Videos tödliche oder schwere Verletzungen analysiert und die wahrscheinlichen Todesursachen einordnet.”

“Die detaillierte Dokumentation der einzelnen Fälle ist eine sehr aufwändige Arbeit und benötigt dementsprechend Zeit – besonders unter den aktuellen Umständen”, sagt Mittelhammer. Das wahre Ausmaß der Gräueltaten werde daher vermutlich erst in einiger Zeit genau einzuschätzen sein. Ziel von Organisationen wie HRANA sei es, die Menschenrechtsverletzungen so faktenorientiert wie möglich aufzuarbeiten, damit alles genau belegt werden könne.

Bericht von bis zu 18.000 Toten

Es kursieren jedoch bereits deutlich höhere Zahlen mit Blick auf die Toten und Verletzten in Iran. Oft zitiert wird zum Beispiel ein Bericht der Sunday Times. Diese schreibt am 17. Januar bereits von mindestens 16.500 bis 18.000 getöteten Demonstranten und 330.000 bis 360.000 Verletzten. Die Zeitung beruft sich dabei auf Mitarbeiter von acht großen Augenkliniken und 16 Notaufnahmen im ganzen Land, die die Daten zusammengetragen hätten.

Und auch der TV-Sender Iran International mit Sitz in London berichtete bereits am 13. Januar von mindestens 12.000 Toten mit Verweis auf hochrangige Regierungs- und Sicherheitsquellen.

Unabhängig überprüfen lassen sich diese Zahlen aktuell aufgrund der Kommunikationsblockade nicht. Auch lässt sich nicht sagen, welche Zahlen glaubwürdiger sind. “Eine Menschenrechtsorganisation, deren Rolle es ist, Dokumentationsarbeit zu leisten, kann nicht in der gleichen Art und Weise Hochrechnungen oder Schätzungen aufstellen wie Medien oder Aktivisten”, sagt Mittelhammer. Denn das sei nicht ihre Aufgabe.

Angesichts der unübersichtlichen Situation und den erschwerten Bedingungen müsse man Verständnis dafür haben, dass es derzeit diese unterschiedlichen Angaben gibt, so Mittelhammer. “Ich denke, was wir auf jeden Fall sehen können, ist, dass das Ausmaß nicht nur absolut erschütternd ist, sondern auch auf jeder Ebene in extremsten Ausmaßen Verletzungen von Menschenrechten sind.”

Iran spricht von mindestens 5.000 Toten

Selbst das iranische Regime spricht inzwischen von mindestens 5.000 Toten. Diese Angaben sind nach Ansicht von Experten jedoch mit Vorsicht zu genießen. “Wenn allerdings schon offizielle Stellen der Islamischen Republik von Tausenden Toten sprechen, steht zu befürchten, dass die tatsächliche Zahl um ein Vielfaches höher liegt”, so Bergmann von Amnesty International.

Die Islamische Republik betont jedoch, dass “Terroristen und bewaffnete Randalierer” für die Tötung “unschuldiger Iraner” verantwortlich seien. Zudem befinden sich iranischen Angaben zufolge etwa 500 Einsatzkräfte unter den Toten. Diesem Narrativ widersprechen Menschenrechtsorganisationen und Experten deutlich.

“Es gibt Berichte über erzwungene Geständnisse, dass getötete Protestierende beispielsweise eigentlich Mitglieder der Milizen waren”, sagt Mittelhammer. “Es gibt Berichte von Menschenrechtsorganisationen, dass Familienangehörige die Leichname ihrer getöteten Familienmitglieder nur abholen konnten, nachdem sie unterschrieben haben, dass diese eigentlich Mitglieder der Milizen waren.” Es sei der Versuch des Regimes, mit solchen erzwungenen Geständnissen das eigene Narrativ irgendwie aufrechtzuerhalten.

Nach Angaben von HRANA sind unter den bestätigten Todesfällen bislang 180 Einsatzkräfte des Regimes, zudem gibt es 167 dokumentierte Fälle von erzwungenen Geständnissen.

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