Wie Apps wie Letterboxd & Co. das Hobby zum Hustle machen

Wie Apps wie Letterboxd & Co. das Hobby zum Hustle machen

Eine Frau blättert in einem Buch.

Stand: 29.01.2026 05:57 Uhr

Selftracking ist bekannt aus Fitness-Apps. Doch viele messen inzwischen nicht nur Schritte und Pulsfrequenz. Auch Bücher, Filme und Musik werden zunehmend in Statistiken erfasst. Entsteht so neuer Leistungsdruck bei Hobbys?

Der Abspann läuft noch gar nicht. Doch ein paar Reihen weiter vorn diskutieren zwei Kinobesucher schon, wie viele Sterne sie dem Psychothriller in ihrer Filmbewertungs-App geben wollen. Solche Szenen hat Lennert Rothenberg schon erlebt. Unter dem Pseudonym “Lennysleeps” dokumentiert er seine Kino-Besuche und Filmabende in der App Letterboxd.

Insgesamt hat er über 1.700 Filme gesehen. Allein im Januar sind bislang 26 Filme dazugekommen. Darunter sind Kassenschlager wie der Oscar-Kandidat “Sentimental Value”, aber auch Klassiker wie eine 1922 gedrehte Schwarz-weiß-Version von “Aschenputtel”.

“Ich mag das einfach gerne, Statistiken zu haben”, sagt Lennert Rothenberg. Was ihn daran interessiere? Zum Beispiel die Frage, ob er alte Filme eher gut oder schlecht bewerte oder warum er keine Filme von vor 1974 möge.

Digitaler Spiegel des Kulturgeschmacks

Plattformen wie Letterboxd, Lovelybooks oder Discogs laden Nutzerinnen und Nutzer dazu ein, ihr Rezeptionsverhalten sichtbar zu machen und die Community an eigenen Gedanken teilhaben zu lassen. Wann habe ich welchen Film gesehen? Wie schnell habe ich den neuen Roman von Caroline Wahl gelesen? Was sind meine Gedanken dazu? Und catcht mich das neue Album von Robbie Williams?

Es gibt Wettbewerbe, die die User zusätzlich motivieren sollen. Bei Lovelybooks wird man belohnt, wenn man den “SuB” abbaut, den Stapel ungelesener Bücher. Für jedes gelesene Buch bekommt man einen Punkt. Besonders dicke Schinken werden stärker gewichtet. Comics und Mangas zählen nur die Hälfte.

Gamification der eigenen Leseerfahrung

Sabine Brünler aus Chemnitz nimmt regelmäßig an solchen Challenges teil. Sie gehört zu den aktiven Leserinnen auf der Plattform Lovelybooks, der nach eigenen Angaben größten Online-Lese-Community in Deutschland. Mit zwei kleinen Kindern und einem Job in der Kommunalpolitik hat Sabine Brünler eigentlich wenig Freizeit. Doch die Wettbewerbe betrachtet sie nicht als zusätzlichen Stress, im Gegenteil: “Dadurch habe ich die Motivation, eher meinem Lieblingshobby nachzugehen als abends vorm Fernseher zu versacken oder das Internet durchzuscrollen.”

Wenn eine Plattform mit Punkten, Ranglisten und Abzeichen arbeitet, um ihre Nutzerinnen und Nutzer zu aktivieren, spricht man von Gamification. Der Wirtschaftsinformatiker Benedikt Morschheuser von der Universität Bamberg untersucht, wie solche Mechanismen wirken: “Diese Plattformen bieten mir die Möglichkeiten, mich zu messen und auch ein bisschen in gewisser Weise gegen mich selbst anzutreten, mich zu optimieren.”

Selbstoptimierung bis in den Schlaf

Dabei gelten Filmeschauen, Lesen oder Musikhören eigentlich als Tätigkeiten, die sich einer unmittelbaren Verwertungslogik entziehen. Als wohltuende Rückzugsräume in einer Gesellschaft, die sich bis in den Schlaf hinein zu optimieren versucht.

Dass den Nutzern durch die Quantifizierung der Spaß an der Rezeption genommen wird, glaubt Benedikt Morschheuser nicht. “Ich spiele nur, wenn ich das freiwillig mache”, sagt der Wissenschaftler. Seiner Erfahrung nach ist Gamification nur erfolgreich, wenn Apps und Plattformen die Nutzer bei ihren Zielen unterstützen. Würden Ziele zu viel Druck ausüben oder unrealistisch wirken, wendeten sich die Nutzer ab.

Logik der Effizienz – ein Gegensatz zur Kultur?

Den 27-jährigen Studenten Lucas Bender hat das ständige Bewerten bei Letterboxd abgeschreckt. “Die Leute wollen fast schon angeben damit, wie cool und extravagant ihr Filmgeschmack ist. Das wollte ich nicht.” Trotzdem hat auch er eine komplexe Excel-Tabelle eingerichtet, seine persönliche Watchlist. Sie gehört ihm allein. Hier dokumentiert er in wenigen Sätzen seine Eindrücke und vergibt Noten.

Doch lassen sich kulturelle Erfahrungen überhaupt sinnvoll quantifizieren? Die Digitalphilosophin und Autorin Sabria David warnt davor, Quantität mit Qualität gleichzusetzen. “Mehr ist ja nicht automatisch mehr”, sagt sie.

Sie begründet das mit einem persönlichen Leseeindruck. Nach einem Satz wie “You have to kill the angel in the house” von Virginia Woolf könne man nicht einfach weiterlesen. “Da muss man erst mal innehalten und nachdenken.” Das Erlebte wirken zu lassen, ist demnach wichtiger, als den Bücherstapel abzuarbeiten.

Die Watchlist als Zeitfresser

Lennert Rothenberg glaubt, dass ihm die Film-App Letterboxd dabei geholfen hat, eigene Sehgewohnheiten und Vorlieben besser zu verstehen. Er genießt, dass er dort auf ähnlich filmbegeisterte Leute trifft. Obwohl er selbst als Regisseur und Cutter arbeitet, unter anderem für den WDR, findet er immer wieder Filme, von denen er noch nie gehört hat und die vom Feuilleton übersehen wurden. Was ihn interessiert, speichert er auf seiner Watchlist. Von dieser Erinnerungsstütze können auch seine Freunde profitieren.

Das Bedürfnis nach Gemeinschaft kann die Digitalphilosophin Sabria David gut nachvollziehen. Sich auf den Apps oder Seiten auszutauschen, entspreche jedoch nicht dem eigentlichen Interesse der Betreiber. “Die wollen ja nicht, dass wir als Nutzende ein möglichst inspirierendes Erlebnis haben. Deren Geschäftsmodell ist die Verweildauer auf der Plattform.”

Und diese Verweildauer auf den Apps zum Selftracking wirkt dann doch wieder kontraproduktiv. Insbesondere bei dem Versuch, den Stapel ungelesener Bücher abzuarbeiten.

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