faktenfinder
Nach dem Angriff Israels und der USA auf Iran verbreiteten iranische Staatsmedien, dass eine Mädchenschule getroffen worden sein soll. Im Netz kursieren seitdem viele verschiedene Versionen – doch die Lage ist unübersichtlich.
165 Tote meldet die iranische Staatsagentur IRNA mit Verweis auf den Gouverneur der Stadt Minab im Süden des Landes – so viele Menschen seien angeblich bei einem Luftangriff auf eine Mädchenschule gestorben. Die Meldung des vermeintlichen Angriffs verbreitete sich nur kurze Zeit nach dem israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran, der am Wochenende begann. Israel wies den Vorwurf zurück. “Zu diesem Zeitpunkt sind uns keine israelischen oder amerikanischen Angriffe dort bekannt. Ich weiß, dass die Amerikaner nachprüfen, ich weiß, dass wir nachprüfen”, sagte der israelische Militärsprecher Nadav Schoschani.
In den sozialen Netzwerken tauchten bereits kurz nach der Meldung verschiedene Versionen und Vorwürfe auf. Zudem kursieren Bilder und Videos, die mit dem vermeintlichen Angriff im Zusammenhang stehen sollen. Doch vieles davon ist falsch oder nicht belegt.
Iranische Staatsmedien gelten nicht als vertrauenswürdig
Ein grundsätzliches Problem bei der unübersichtlichen Lage ist die mangelnde Pressefreiheit in Iran. In fast keinem anderen Land der Welt werden die Medien derart zensiert, die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen stuft Iran in der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 176 von 180 ein. “Da die Medien des Landes weitgehend vom Regime kontrolliert werden, stammen die wichtigsten Informationen von im Ausland ansässigen Medien”, schreibt Reporter ohne Grenzen. Iranische Staatsmedien gelten nicht als vertrauenswürdige Quellen.
Zudem hat das Regime im Zuge der landesweiten Proteste das Internet und Telefonleitungen abschalten lassen, so dass es noch schwieriger wurde, an Informationen zu gelangen. Somit ist es nur schwer möglich, die Angaben zu dem vermeintlichen Angriff auf die Schule unabhängig zu überprüfen. Die einzigen offiziellen Quellen sind die iranischen Staatsmedien. Es gibt zudem die Möglichkeit, Bilder und Videos, die zu dem Angriff kursieren, zu verifizieren.
KI-Chatbot von X liegt falsch
Schon kurz nach den Meldungen über den mutmaßlichen Angriff auf die Schule kursierten Bilder und Videos im Netz, die die Folgen des Angriffs zeigen sollen. So gibt es Aufnahmen iranischer Staatsmedien, die das getroffene Gebäude zeigen sollen. Wie Satellitenbilder und Kartendienste zeigen, handelt es sich bei dem Gebäude tatsächlich um eine Grundschule für Mädchen in der iranischen Stadt Minab. Das Schulgelände liegt neben dem Gelände einer Kaserne der Islamischen Revolutionsgarde. Weitere Aufnahmen zeigen, dass auch ein Gebäude an der Basis neben dem Schulgelände getroffen wurde.
Auf der Plattform X verbreitete sich jedoch schnell die Behauptung, dass die Bilder alt und gar nicht in Iran entstanden seien. Grundlage für diese Falschbehauptung war ein Posting des KI-Chatbots Grok der Plattform X. Dieser hatte auf die Frage eines Nutzers, ob die Bilder alt seien, die unter anderem das ZDF ausgestrahlt hatte, geantwortet: “Ja, die Bilder von ZDF/ZDFheute zur ‘Bombardierung der Mädchenschule’ sind alt. Das Video mit zerstörtem Gebäude, Rauch, Schutt und Menschenmenge stammt exakt vom Taliban-Angriff auf die Army Public School in Peshawar (Pakistan) am 16.12.2014 – frame-für-frame identisch mit NBC-News-Material.”
Die Behauptung des KI-Chatbots Grok ist falsch.
Das Posting von Grok ging daraufhin viral. Allerdings lag der KI-Chatbot falsch. Das Videomaterial, auf das sich Grok bezieht, unterscheidet sich deutlich von dem, was aktuell kursiert. Es zeigt die Folgen eines Taliban-Angriffs auf eine Schule in Pakistan aus dem Jahr 2014 des US-amerikanischen Senders NBC.
Auf den Fehler hingewiesen, korrigierte Grok seine ursprüngliche Einschätzung und postete in einem weiteren Beitrag: “Die anfängliche Einschätzung zu den ZDF-Bildern war falsch – nach erneuter Prüfung sind die Aufnahmen der zerstörten Mädchenschule in Minab aktuell und verifiziert (Satellitenbilder, Reuters, Al Jazeera, BBC).”
Foto zeigt nicht fehlgeleitete Rakete in Minab
Während die iranischen Staatsmedien Israel und die USA für den Angriff auf die Schule verantwortlich machen, tauchte in den sozialen Netzwerken eine andere Vermutung auf. So wurde behauptet, dass eine fehlgeleitete Rakete der Islamischen Revolutionsgarde die Schäden verursacht habe. Als vermeintlicher Beweis dafür wurde ein Bild verbreitet, dass die Spuren der Rakete zeigen soll, wie sie kurz nach dem Start wieder in Richtung Boden fliegt. Allerdings ist dieses Bild nicht in der Nähe der Schule entstanden.
Das rechte Bild entstand etwa 1.300 Kilometer von der Schule entfernt.
So lässt sich unter anderem anhand des Funkmastes, das auf dem Bild zu sehen ist, und des schneebedeckten Gebirges im Hintergrund herausfinden, dass das Foto in Zandschan im Nordwesten des Landes aufgenommen wurde – gut 1.300 Kilometer entfernt von Minab.
Kein offizielles Schuldeingeständnis von Iran
Auch ein Screenshot eines iranischen Telegram-Kanals wurde als vermeintlicher Beweis dafür verbreitet, dass Iran selbst für den Angriff auf das Schulgebäude verantwortlich sei. So hieß es mit Verweis auf den Screenshot, dass das iranische Regime offiziell bestätigt habe, versehentlich eine Schule bombardiert und dabei viele Kinder getötet zu haben. Doch das stimmt nicht. Denn bei dem Telegram-Kanal, der als vermeintlicher Beweis angeführt wird, handelt es sich nicht um einen offiziellen Kanal des iranischen Regimes oder eines deren Mitglieder.
Bei den Screenshots handelt es sich nicht um einen offiziellen Kanal des iranischen Regimes.
Wer für den Angriff auf die Schule verantwortlich ist, bleibt somit bislang unklar. Das gilt auch für die genauen Opferzahlen. Die Angaben der Kriegsparteien dazu lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

