Fünf Tage ohne Strom, Heizung und warmes Wasser: In Berlin hat die Aufarbeitung begonnen, wird heute auch Thema im Bundestag sein. Viele Bürgerinnen und Bürger suchen nach privaten Notstromlösungen.
Bei Christian Rahn stand das Telefon in der ersten Januarwoche kaum still. Er ist Fachhändler für Balkonkraftwerke und Mini-PV-Anlagen in Berlin. Durch den Stromausfall im Südwesten der Stadt sei das Interesse an einer autarken Stromversorgung sprunghaft gestiegen. Seit dem Ausfall am 3. Januar hätten sich viele Menschen konkret nach Lösungen erkundigt. “Das war ein ganz klarer Peak, den wir in Berlin hier gesehen haben”, sagt der Fachhändler.
Viele Kundinnen und Kunden wollten wissen, ob ein Balkonkraftwerk im Ernstfall überhaupt Strom liefern kann. Entscheidend ist dabei ein zusätzlicher Speicher mit Notstromfunktion. Mit ihm lassen sich zumindest wichtige Geräte weiter betreiben. “Es ist nicht die perfekte Lösung, aber es ist auf jeden Fall eine Lösung, die dem Thema Notstrom entgegenkommt”, sagt Rahn. So könnten etwa Handys geladen, der Internetrouter betrieben oder einzelne Heizungen für eine gewisse Zeit aufrechterhalten werden.
Senatorin fordert mehr Personal im Verfassungsschutz
Der Blackout, der rund 100.000 Menschen betraf, dauerte in einigen Haushalten bis zu fünf Tage. Ausgelöst worden war die Störung durch einen mutmaßlich linksextremistischen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Zehlendorf. Die politische und technische Aufarbeitung läuft inzwischen auf mehreren Ebenen. Der Senat rief bereits eine Arbeitsgruppe ins Leben, um Vorschläge zu erarbeiten, wie Berlin widerstandsfähiger gemacht werden kann.
Die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg forderte im rbb24 Inforadio mehr Personal für den Verfassungsschutz, um stärker gegen Linksextremismus vorzugehen. Nötig seien aber auch mehr Befugnisse, so die CDU-Politikerin. So müssten IP-Adressen länger gespeichert werden und die Sicherheitsbehörden brauchten Tools, um automatisch im Internet nach Fotos von Verdächtigen suchen zu können.
Linksextremistische Szene “keine homogene Gruppe”
In einem von der Polizei als authentisch eingestuften Text bekannte sich eine linksradikale Gruppe zu dem Anschlag und gab als Ziel unter anderem den Kampf gegen Kapitalismus und “die Reichen” an. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat die Ermittlungen übernommen.
“Das ist keine feste, keine homogene Gruppe”, sagte die Berliner Justizsenatorin zu den Ermittlungen. “Die linksextremistische Szene zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sie themenbezogen, beziehungsweise aktionsbezogen zusammenkommt”, so Badenberg. “Darum ist die Aufklärung schwieriger als bei anderen Phänomenbereichen.”
Warnung vor ähnlichen Taten
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte als Reaktion auf den Anschlag mehr Personal für den Verfassungsschutz angekündigt, um stärker gegen Linksextremismus vorzugehen. Heute befasst sich auch der Bundestag mit dem Anschlag, die AfD hatte eine Aktuelle Stunde beantragt.
Im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses warnte Innensenatorin Iris Spranger am Montag vor ähnlichen Taten. “Mit ihrem Ziel, Bevölkerung und Gesellschaft zu verunsichern, sind die Terroristen klar gescheitert”, sagte die SPD-Politikerin. “Das heißt nicht, dass sie es nicht wieder versuchen könnten.”
“Nicht zu 100 Prozent schützbar”
Nach Einschätzung von Stromnetz Berlin ist das Netz trotz umfangreicher Schutzmaßnahmen nicht vollständig sicher. “Eine so verzweigte und im gesamten Stadtgebiet sichtbare Infrastruktur ist nicht zu 100 Prozent schützbar”, sagte der Geschäftsführer von Stromnetz Berlin, Erik Landeck, am Montag im Berliner Innenausschuss.
Die betroffene Kabelbrücke über den Kanal in Zehlendorf sei bereits physisch geschützt gewesen. Zudem habe Wachpersonal auf Streife sie regelmäßig im Blick gehabt, sagte Landeck. Man werde die Schutzmaßnahmen aber weiter steigern. Die Stromnetze seien in der Vergangenheit “nicht auf derartige Anschläge ausgelegt, sondern sollten im Wesentlichen technische Störungen handhabbar machen”. Künftig werde das Thema Sicherheit eine größere Rolle spielen bei Genehmigungen und Ausgaben. Alle Netzknoten würden überwacht und bis Anfang Februar würden auch 100 Prozent der Umspannwerke überwacht. Damit sei man in Berlin im Vergleich sehr weit vorne.
Polizei-Hundertschaften sichern Stromnetz
So kündigte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) an, man wolle die Videoüberwachung an neuralgischen Punkten des Stromnetzes erhöhen. Im Berliner Senat wurde am Dienstag auch über die Rolle der Polizei gesprochen. Sie sichert in Folge die Stromnetze mit mehreren Hundertschaften ab.
Das sei “politisch motivierte Hyperaktivität”, welche die Berliner Polizei an ihre Belastungsgrenze bringe, erklärte die Gewerkschaft der Polizei daraufhin. Wegner versicherte am Dienstag, es werde daran gearbeitet, einen privaten Wachschutz zu finden, der diese Aufgaben mit übernimmt.
Die Berliner Regierung steht für ihr Krisenmanagement in der Kritik, unter anderem, weil sie die Großschadenslage erst am Nachmittag des zweiten Tages nach dem Angriff auf das Stromnetz ausgerufen hatte. Der Senat will nun rasche Konsequenzen ziehen. Innerhalb der kommenden zwei Wochen wolle man eine Liste erstellen, die aufzeigt, was Berlin aus dem Brandschlag und seinen Folgen lernen könne.

