analyse
Nach der Sperrung der Straße von Hormus und der gestoppten LNG-Lieferungen aus Katar steigen die Preise für Öl und Gas. Wie realistisch sind Engpässe? Und was würde ein längerer Krieg für die Konjunktur bedeuten?
Ein längerer Krieg im Nahen Osten könnte die Inflation in der Eurozone anheizen und die Wirtschaft ausbremsen. Das sagte Philipp Lane, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), heute der Financial Times. “Ein Anstieg der Energiepreise übt tendenziell Inflationsdruck aus, insbesondere kurzfristig.” Das könne sich auch negativ auf die Konjunktur auswirken, so der Top-Ökonom.
Öl ist erst einmal noch vorhanden
Der Iran hatte auf die Angriffe durch die USA und Israel mit Gegenangriffen reagiert und den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus gesperrt, ein Nadelöhr des weltweiten Energiehandels. Das trieb zuletzt die Ölpreise um mehr als zehn Prozent in die Höhe. Zwar ist der Anteil des Nahen Ostens an den europäischen Rohölimporten mit rund fünf Prozent vergleichsweise gering.
Doch gleichzeitig gehen ein Fünftel des weltweiten Menge durch die Meerenge, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman, dem Arabischen Meer und dem Indischen Ozean im Osten verbindet. Wäre sie dauerhaft nicht mehr passierbar, könnten die Golfstaaten kein Öl mehr exportieren. Noch reichen die Vorräte Fachleuten zufolge weltweit.
Für zwölf bis 15 Tage gäbe es genug Reserven für den globalen Ölverbrauch auf Tankern auf See, sagt Stefan Kemper im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. “Daneben gibt es die großen strategischen Reserven, die auch freigegeben werden können.” Öl sei erstmal noch vorhanden. Auch die Bundesregierung erwartet vorerst keine Knappheiten. “Wir beziehen bei Rohöl nur sehr geringe Mengen aus der Region”, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Und trotzdem steigen die Preise – auch hierzulande.
Gaspreise steigen noch stärker
“Im Markt spielt im Augenblick eher die Angst eine Rolle, dass eine Knappheit in der Zukunft entstehen kann”, erklärt Kemper. Wie häufig gehe es an der Börse auch immer um Emotionen. Einige Analysten rechnen in den kommenden Tagen mit noch höheren Preisen von über 100 Euro pro Barrel. Die Experten der ING verweisen dabei neben den Bedenken hinsichtlich der Ölflüsse auf potenzielle Angriffe auf die Energieinfrastruktur in der Region, die zu weiteren Ausfällen führen könnten. Am Montag hatte etwa Saudi-Arabien nach einem Drohnenangriff seine größte Raffinerie im Inland geschlossen.
Noch stärker zeigt sich diese Entwicklung am europäischen Gaspreis. Der als Referenzwert betrachtete niederländische TTF-Kontrakt hat sich innerhalb von nur zwei Tagen zeitweise fast verdoppelt – auf den höchsten Stand seit Februar 2023. Ein Fünftel des weltweiten Handels mit verflüssigtem Erdgas (LNG) wird über Hormus abgewickelt. Der wichtigste LNG-Produzent ist Katar, und der Staat setzte die Produktion am Montag nach iranischen Drohnenangriffen vorerst aus. Auch hier erwartet das Wirtschaftsministerium aber vorerst keine Knappheiten.
Verschärfter Wettbewerb um LNG
Deutschland bezieht das meiste Flüssiggas aus den USA, Kanada oder Angola. Auf den ersten Blick scheine auch ganz Europa nur begrenzt von Katar abhängig zu sein, erklärt Andreas Schröder vom Energiemarktforscher ICIS. “Der Marktanteil Katars ist von 37 Prozent im Jahr 2017 auf etwa acht Prozent im letzten Jahr gesunken.” Am stärksten betroffen seien Italien, Polen und Belgien. “Dennoch wird die Schließung der Straße von Hormus die europäischen Gasmärkte insgesamt ebenso stark beeinträchtigen wie die asiatischen Märkte.”
Mehr als 80 Prozent der Exporte aus Katar gehen laut ICIS nach Ost- und Südasien. Die Blockade bedeute, dass wichtige Importeure wie China und Indien nicht mehr mit LNG versorgt werden können, sagt Schröder. Außerdem sorge die Einstellung der Gasförderung aus israelischen Offshore-Feldern für mehr Nachfrage aus Ägypten und Jordanien. Dadurch werde es zu einem hohen globalen Wettbewerb um knappe LNG-Vorräte kommen – und damit zu steigenden Preisen, so der Leiter der Energieanalyse.
Nach Einschätzung von Marktbeobachtern suchen gerade Kunden aus Asien fieberhaft nach Alternativen für ausfallende Gaslieferungen. “Obwohl Europa weniger direkt von den LNG-Exporten aus Katar abhängig ist als China und andere asiatische Kunden”, werde der Stillstand des Verkehrs in der Straße von Hormus den weltweiten Wettbewerb um die verbleibenden LNG-Lieferungen verschärfen, fasst Analyst Jonathan Schroer von UniCredit zusammen. Die faktische Sperrung der Straße von Hormus habe große Auswirkungen auf den Preis, heißt es auch aus dem Wirtschaftsministerium.
Teurere Befüllung der Gasspeicher
Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verweist in dem Zusammenhang auch auf die leeren Gasspeicher in Deutschland und befürchtet höhere Kosten für deren Befüllung. “Die Speicher sind formal im Rahmen der Vorgaben, aber auf vergleichsweise niedrigem Niveau”, sagte die Energieexpertin gegenüber Reuters. Aktuell sind sie zu knapp 21 Prozent gefüllt – deutlich unter dem EU-Schnitt von 30 Prozent.
“Das ist kein akuter Notstand, zeigt jedoch eine strukturelle Verwundbarkeit”, so Kemfert. Die Iran-Krise erhöhe nun das Risiko zusätzlich. Kommt es an der Straße Hormus zu Störungen, steigen danach die Preise schnell und damit auch die Kosten für die Befüllung der Speicher. “Energieunsicherheit entsteht dort, wo wir auf fossile Importe angewiesen bleiben. Geopolitische Krisen treiben die Preise binnen Tagen.”
Auswirkungen abhängig von Dauer des Konflikts
Der Anstieg der Öl- und Gaspreise wirke sich “direkt auf die Handelsbilanzen, die Inflationserwartungen und den Druck auf die Währung aus”, sagt Analyst Stephen Innes mit Blick auf die Konjunktur. Entscheidend für die weitere Entwicklung ist vor allem die Dauer des Krieges und der Sperrung. Man müsse abwarten, wie lange der Konflikt anhalte, so das Wirtschaftsministerium. “Derzeit gibt es ja feste Verträge, und das ist jetzt etwas, worauf sich die Unternehmen zunächst erst einmal stützen können.”
Die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die deutsche Wirtschaft seien sehr abhängig von der Dauer des Konflikts, betont auch Regierungssprecher Stefan Kornelius. Bleibe es bei einem kürzeren Konflikt, seien die wirtschaftlichen Folgen begrenzt, meint Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank. Das Risiko läge in einem deutlichen Ölpreisanstieg bei einem länger andauernden Konflikt. “In diesem Falle wären die wirtschaftlichen Folgen signifikant.”
Die EZB beobachtet die Lage nach Worten ihres Chefvolkswirts Lane genau. Die Zentralbank neigt dazu, über kurzfristige, energiepreisbedingte Schwankungen hinwegzusehen. Dies gilt, solange die längerfristigen Inflationserwartungen nicht beeinträchtigt werden und die Teuerung nicht für Zweitrundeneffekte sorgt – also auch andere Waren sowie Dienstleistungen verteuert. Die Geldpolitik wirkt zudem mit großer Verzögerung und gilt als weitgehend wirkungslos gegen kurzfristige Preisschwankungen.
Benzinpreise auf höchstem Stand seit drei Jahren
Lane verwies auf frühere Analysen der Währungshüter. Diesen zufolge würde ein längerer Krieg und dauerhaft geringere Energielieferungen aus der Region zu einem “deutlichen Anstieg” der energiepreisbedingten Inflation und einem “starken Rückgang” der Wirtschaftsleistung führen. Eine Berechnung aus dem Dezember deutet darauf hin, dass ein dauerhafter Ölpreisanstieg in dieser Größenordnung die Inflation um 0,5 Prozentpunkte anheben und das Wachstum um 0,1 Prozentpunkte dämpfen könnte.
Zuvor hatten bereits Ökonomen gewarnt, dass sich ein über Wochen oder gar Monate hinziehender Krieg auf die Verbraucherpreise durchschlagen könnte. “In einem solchen Risiko-Szenario würde die Inflationsrate im Euroraum schätzungsweise um mehr als einen Prozentpunkt steigen, also von zuletzt 1,7 auf knapp drei Prozent”, sagte etwa Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. “Das wäre ein spürbarer Verlust an Kaufkraft für die Konsumenten.” Und auch die Unternehmen dürften durch höhere Produktionskosten belastet werden.
Besonders abhängig ist Europa bei Kraftstoffen: Daten des Analysehauses Kepler zufolge ist die Region der wichtigste Lieferant von Mitteldestillaten, zu denen Diesel und Kerosin gehören. Zu Wochenbeginn stiegen die Preise an den Tankstellen in Deutschland kräftig. Superbenzin der Sorte E10 war um 7,3 Cent teurer als am Freitag, wie der ADAC mitteilte. Bei Diesel waren es sogar 8,1 Cent. Schon am Sonntag hatten die Kraftstoffe die höchsten Werte seit Frühjahr 2024 erreicht.

