Immer mehr Industriekonzerne weiten ihr Dienstleistungsangebot aus. Die Auswirkungen sind enorm, auch für Beschäftigte. Ökonomen fordern daher, Industrie neu zu denken.
Das Dienstleistungsangebot von Industrieunternehmen ist enorm. Längst geht es nicht mehr nur darum, einzelne Produkte zu verkaufen, sondern ganzheitliche Lösungen anzubieten. Beratung, Montage und Wartung gehören dazu, auch über längere Zeiträume hinweg.
Das hat viel damit zu tun, dass industriell gefertigte Waren immer komplexer, technisch anspruchsvoller und beratungsintensiver werden. “Der Umsatzanteil von klassischen Industrieunternehmen verschiebt sich von der reinen Produktion der Hardware immer stärker zur Beratung und letzten Endes auch der Instandhaltung der Produkte”, sagt der Ökonom Martin Lück von Makro Monkey im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr
Maschinenbauer sind nach einer Studie des Münchner ifo Instituts weit vorne, wenn es darum geht, produktbegleitende Dienstleistungen anzubieten. Auch Fahrzeugbauer und Unternehmen aus dem Bereich Elektroindustrie gehören dazu.
Im Prinzip sind das vor allem Betriebe, die von den sich verändernden weltweiten Handelsbeziehungen massiv betroffen sind. Alte Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr. Erschwerend kommen der strukturelle Wandel, die zunehmende Digitalisierung und die Dekarbonisierung hinzu. Neue Konkurrenten drängen auf den Markt.
Timo Wollmershäuser, Konjunkturforscher beim ifo Institut, spricht zudem von unfairen Handelspraktiken. “Es gibt eine neue Zollwelle, vor allem in den USA. Die verändert und verzerrt den Wettbewerb. Und China auf der anderen Seite agiert mit Subventionen.” Das mache es vielen deutschen Unternehmen schwer.
Gefragt sind neue Strategien
Der Umsatzanteil von produktbegleitenden Dienstleistungen habe in den vergangenen zehn Jahren in allen Industriezweigen zugenommen, so das Ergebnis der ifo-Studie. Dabei kamen Unternehmen mit Forschung und Entwicklung auf durchschnittlich 7,8 Prozent. Setzen sie Künstliche Intelligenz (KI) ein, lag der Anteil bei 8,6 Prozent.
“Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen der Innovationstätigkeit eines Unternehmens und seinem Umsatz mit produktbegleitenden Dienstleistungen”, sagt ifo-Forscher Stefan Sauer.
Das führt dazu, dass immer mehr von der klassischen Produktion ins Ausland verlagert wird, dorthin, wo das Arbeiten billiger ist. Im Gegenzug werden die Abteilungen Entwicklung, Service und Planung immer größer.
“Industrie muss neu gedacht werden”
Martin Lück plädiert dafür, Industriebetriebe nicht mehr als große Gebäudekomplexe mit rauchenden Schloten zu sehen, sondern mehr und mehr als Großraumbüros, “in denen die Computer glühen und die Menschen die Köpfe zusammenstecken und beste Lösungen im Sinne der Kunden finden und erarbeiten”.
Ob solche Konzepte auf lange Sicht hin aufgehen werden, ist aber noch keine ausgemachte Sache. “Zumindest versucht die Industrie Antworten auf die Herausforderungen zu geben”, so Wollmershäuser vom ifo Institut. In einer globalen Weltordnung könne das Modell eines ganzheitlichen Unternehmens gut funktionieren.
Doch die Basis für eine weltweite Arbeitsteilung wird immer brüchiger. Der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater, denkt in eine andere Richtung. “Die bessere Alternative wäre eigentlich, die Produktionsbedingungen am Standort Deutschland wieder zu verbessern, dass die Unternehmen mit der Produktion hier bleiben in Deutschland.” Aber so weit sei der politische Erkenntnisprozess noch nicht vorangeschritten.

