Warum die Handschrift trotz Digitalisierung wichtig bleibt

Warum die Handschrift trotz Digitalisierung wichtig bleibt

In einer Grundschule arbeitet ein Schüler in einem Heft.

Stand: 26.01.2026 15:38 Uhr

Schreiben per Hand wird immer seltener, zeigen Studien. Viele Schülerinnen und Schüler können nicht mehr ohne Ermüdung längere Texte schreiben. Laut Fachleuten hilft das Schreiben mit der Hand als Lern- und Denkwerkzeug.

Von Philipp Wundersee, WDR

Buchstabe für Buchstabe schreibt Melissa Hoffmann das Wort “Entwicklung” mit einem dicken Filzstift auf einen rosa Zettel. Gut leserlich in Schönschrift für ein Plakat im Biologie-Unterricht. “Es sieht schön aus und kommt von Herzen. Es ist ein wenig persönlicher mit der Hand”, sagt die Neuntklässlerin der Gesamtschule in Kempen.

Neben ihr auf der Schulbank sitzt Mitschülerin Jessica. Auch sie schreibt gerne mit der Hand und legt dafür bewusst das Handy weg. “Ich mag es, neue Designs auszuprobieren beim Schreiben. Ich liebe es, wenn ich richtige Briefe schreibe, über die ich mir Gedanken machen kann”, erzählt sie. “Ich mag es einfach, frei zu schreiben.”

Doch der Alltag der Schülerinnen und Schüler hier in Kempen am Niederrhein ist immer digitaler: Handy, Tablet, Konsole. Schüler Samuel hat eigentlich keine Lust auf Handschrift und findet digitales Schreiben deutlich effektiver. “Ich bin besser mit dem Computer, da kann man einfach schneller schreiben”, sagt er. “Es ist nicht so anstrengend für die Hände. Für meine Handschrift habe ich noch nie ein Kompliment bekommen.”

Kein wirkliches Lernen per Tastatur

Necle Bulut lehrt an der Universität Münster und hat zur Rechtschreibentwicklung von Grundschulkindern promoviert. “Wenn man beide Prozesse miteinander vergleicht, Hand- und Tastaturschreiben, dann fällt auf, dass wir per Tastatur nahezu wörtlich mitschreiben können”, sagt sie. “Das ist eine ganz andere Geschwindigkeit als beim Handschreiben.”

Und eine ganz andere Belastung: Laut einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung kann in weiterführenden Schulen nicht einmal die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler länger als eine halbe Stunde ohne Verkrampfungen oder Ermüdung schreiben. Denn Handschrift bedeutet auch Übung – und die fehlt in der digitalen Welt immer häufiger.

Dabei hilft es beim Lernen, mit der Hand zu schreiben. “Wenn wir mit den Händen über die Tastatur flitzen, dann lernen wir nicht wirklich”, sagt Necle Bulut. Beim Handschreiben hingegen wähle man bewusst aus, welche Informationen festgehalten werden. Dadurch könnten Menschen Dinge nachhaltiger aufbewahren und sich erinnern.

“Beim Handschreiben muss ich jeden einzelnen Buchstaben nachziehen. Diese Bewegungen sind Spuren, die im Gehirn hinterlassen werden”, erklärt die Forscherin. “Studien zeigen, dass sich Grundschulkinder Buchstaben besser merken können, wenn sie mit der Hand geschrieben wurden.”

Von der Hand in den Kopf

Auch an der Gesamtschule in Kempen sieht man den hohen Stellenwert der Handschrift. “Es gibt diesen Spruch: von der Hand in den Kopf. Beim Vokabellernen ist es wichtig, dass die Vokabeln geschrieben werden, dass man auch komplexere Dinge in höheren Jahrgängen besser memorieren kann, weil man sie wirklich geschrieben hat”, sagt Lehrerin Verena Schepan. Es gehe nicht mehr ohne digitales Lernen – aber eben auch nicht ohne analoge Methoden.

Um die Handschrift zu fördern, wird an der Schule in Kempen bis zur neunten Klasse bewusst auf Tablets im Unterricht verzichtet. Verena Schepan setzt sich für einen Mittelweg ein: “Wir legen an dieser Schule Wert auf Handschrift, aber wir arbeiten auch mit Tablets”, sagt sie. “Die Kinder sind häufig hybrid unterwegs. Sie schreiben mit der Hand, haben parallel aber das iPad zur Verfügung, um Wissen zu recherchieren.”

Handschrift geht auch digital: Einige Schülerinnen und Schüler nutzen ihr Tablet auch, um mit einem dafür passenden Stift darauf zu schreiben.

Handschrift ist Gehirnsport

So eine Mischung, wenn Kinder zum Beispiel mit der Hand und sogenannten Smartpens auf ein Tablet schreiben, sieht auch Forscherin Necle Bulut positiv: “Da zeigen einzelne Studien, dass die Oberfläche des Tablets glatter ist als Papier und deshalb muss das Ganze kontrollierter ausgeführt werden”, sagt sie. Für Schüler, bei denen die Handschrift weitestgehend automatisiert ist, stelle das gewöhnlich kein großes Problem dar. Wenn sie sich noch im Entwicklungsprozess befinden, sei es sinnvoll, das zunächst zu lernen.

Handschreiben bietet laut Fachleuten einen enormen Mehrwert für die Bildung: Wer regelmäßig zum Stift greift, macht weniger Rechtschreibfehler, liest flüssiger und kann sich Inhalte besser merken. Allein beim Halten und Führen eines Stiftes würden zahlreiche Muskeln, Gelenke und Hirnregionen aktiviert.

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