Die Konkurrenz aus China fordert den deutschen Mittelstand auch technologisch heraus. Heimische Standort-Sorgen führen dazu, dass Firmen Produktion nach Fernost verlagern.
Dröhnen und Hammerschläge sind in der Werkshalle der Firma Aura in Germersheim zu hören. Arbeiter schrauben an Anlagen, die später Prozesswärme liefern. Die Maschinen werden in der Industrie verwendet – etwa für Pressen oder Backöfen. Alles scheint wie immer, aber zuletzt hat sich für den Mittelständler aus dem Süden von Rheinland-Pfalz vieles verändert.
Geschäftsführer Patric Burkhart prüft einen sogenannten Heizkörper, der in den kommenden Tagen exportiert wird. “Das ist eine Einzelkomponente, die wir hier Germersheim speziell für die Wünsche des Kunden entwickelt und gebaut haben. Dieses Teil geht nach China, wird dann in eine große Anlage verbaut und dort dann auch verkauft. Die Endmontage findet also nicht mehr hier, sondern in China statt.”
Wettbewerbsfähig nur durch Fernost
Burkhart erzählt, dass der Betrieb vor etwa drei Jahren erste einzelne Produkte – etwa Pumpen – aus China gekauft, dann in die Anlagen in Germersheim eingebaut und wieder exportiert hat. Mittlerweile aber entwickelt der Betrieb hochkomplexe Einzelteile an seinem Standort Deutschland, schickt sie nach China, wo sie dann mit anderen Komponenten zu einer Anlage zusammengebaut werden.
“Wir stehen unter einem zunehmenden globalen Wettbewerbsdruck”, sagt der Geschäftsführer. “Wo können wir was entwickeln, herstellen und endfertigen? Ohne diese Arbeitsteilung könnten wir bei den Kosten in Deutschland international nicht mehr mithalten.”
Früher sei China ein reines Absatzland für deutsche Maschinenbauer gewesen. Heute dagegen seien chinesische Firmen zunehmend Konkurrenten, da sie auch qualitativ hochwertige Anlagen auf dem Markt anböten, so Burkhart. “Die chinesische Konkurrenz produziert Massenware. Unser Betrieb bietet aufgrund unserer Expertise individuelle Lösungen für Kunden mit speziellen Wünschen an. Das ist derzeit unsere Marktnische”, so Burkhart.
Vom Absatzmarkt zum Konkurrenten
Die Entwicklung in Germersheim zeigt sich auch in Chinas Außenhandel. Nach Angaben des chinesischen Zolls ist der Handelsüberschuss im vergangenen Jahr auf 1,2 Billionen Dollar gestiegen. Die Exporte gingen nach Asien, Europa und Lateinamerika. Und: Die Investitionen deutscher Unternehmen in China sind zuletzt deutlich gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Wirtschaftsinstituts IW Köln. Danach haben deutsche Unternehmen 2025 rund sieben Milliarden Euro neu in China investiert. Der Zuwachs liegt über dem der beiden Vorjahre.
Die Gründe laut IW: Unternehmen nutzen China, um dort ihre internationale Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen. Zudem wollen sie sich vor möglichen Handelskonflikten schützen und verlagern immer mehr Geschäftsbereiche nach Fernost, um so krisenfester zu werden.
China das bessere Deutschland?
“China verfügt inzwischen über sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte und hat im Gegensatz zu Deutschland günstige Energie. Peking betreibt eine sehr konsequente Industriepolitik, die gerade auch die Ansiedelung deutscher Firmen fördert”, erklärt der Wirtschaftsexperte Daniel Stelter. Zunächst seien die großen Konzerne nach China gegangen, etwa die Automobilindustrie, dann deren Zulieferer. “Jetzt geht der Mittelstand. Das folgt der Strategie Pekings, insbesondere deutsche Industriesektoren zu erobern. Nach Automobil- folgen jetzt die Chemiebranche und die Maschinenbauer. China möchte, wie ich finde, das bessere Deutschland bauen. Bislang machen sie das erfolgreich”, so Stelter.
Als Lösung fordert der Strategieberater die Bundesregierung zu grundlegenden Reformen auf: “Wir müssen uns ehrlich machen und nüchtern feststellen, dass die Energiewende nicht zu günstigerer, sondern zu teurer Energie führt. Daher müssen wir auch politische Tabus infrage stellen – Stichwort Kernenergie.”
Zudem müssten die Arbeitskosten fallen. Hier sollten aber nicht Löhne gekürzt, sondern der Sozialstaat reformiert werden. Laut Stelter drängt die Zeit massiv: “50 Prozent der in China tätigen deutschen Unternehmen sagen, dass China in fünf Jahren die Technologieführerschaft in vielen Branchen übernehmen wird. Das sind sehr schlechte Perspektiven für den deutschen Standort.”
“Irgendwie wettbewerbsfähig bleiben”
Patric Burkhart muss sich täglich mit den aus seiner Sicht schlechten Standortbedingungen herumschlagen. Das sind hohe Energiepreise, hohe Löhne und hohe Steuerlast. Der Geschäftsführer erklärt die Lage seines Unternehmens in einem Bild: “Wir sind bei einem 400-Meter-Lauf. Aber während unsere Konkurrenz an der Startlinie losläuft, starten wir hundert Meter hintendran. Noch kommen wir unter die ersten zehn, aber es wird immer schwieriger.”
Sorgen macht dem Unternehmen das Nichtstun der Politik. Die Problemlage sei doch seit Jahren klar, klagt Burkhart. Aber was passiert, wenn die Bundesregierung auf die Klagen nicht reagiert? “Für unser Unternehmen bedeutet das, dass wir immer mehr Produktion auch in China ansiedeln müssen, um sicherzustellen, dass wir irgendwie wettbewerbsfähig bleiben.”

