Das Wachbataillon der Bundeswehr erscheint sonst beim Empfang von Staatsgästen oder Ehrengeleit. Derzeit proben die Soldaten in einer groß angelegten Gefechtsübung den Ernstfall – auch in einem Berliner U-Bahnhof.
- Wachbataillon der Bundeswehr trainiert bei Übung “Bollwerk Bärlin III”
- neben U-Bahnhof Jungfernheide auch Polizei-Trainingsgelände in Ruhleben und ehemaliges Fabrikgelände in Rüdersdorf im Fokus
- Bataillon wäre im Ernstfall für den Schutz von Regierungsgebäuden in Berlin zuständig
Mit einer Kompaniegefechtsübung in einer Berliner U-Bahn-Station hat das Wachbataillon der Bundeswehr beim Verteidigungsministerium in der Nacht zu Donnerstag für den Schutz der Bundesregierung trainiert. Die Soldaten lieferten sich dabei – dem Übungsszenario folgend – einen längeren Kampf mit bewaffneten, irregulären Kräften und brachten Verletzte in Sicherheit.
Der Kommandeur des Wachbataillons, Oberstleutnant Maik Teichgräber, betonte die gewachsene Bedeutung von Übungen für einen Ernstfall in Berlin. “Wir müssen letztlich vom scharfen Ende denken. Es geht darum, einsatzbereit zu sein für das, was im schlimmsten Fall passieren könnte”, sagte er am Rande des Trainings in der U-Bahn-Station Jungfernheide in der Nacht zum Mittwoch.
Männer und Frauen aus dem etwa 1.000 Soldaten zählenden Wachbataillon erscheinen sonst beim Empfang von Staatsgästen, dem Großen Zapfenstreich oder durch das Ehrengeleit öffentlich.
Übung unter dem Titel “Bollwerk Bärlin III”
Das Wachbataillon trainiert seit Montag in Berlin und Brandenburg, unter anderem im U-Bahnhof Jungfernheide. Wie die Bundeswehr mitgeteilt hat, findet die Übung mit dem Namen “Bollwerk Bärlin III” noch bis Freitag statt.
Weitere Übungsorte sind demnach das Trainingsgelände der Polizei “Fighting City” in Ruhleben und ein Gelände des ehemaligen Chemiewerks Rüdersdorf im brandenburgischen Landkreis Märkisch-Oderland.
Für die Bundeswehr könnte das Berliner U-Bahnnetz im Ernstfall ein Vorteil sein, um sich schneller durch die Stadt zu bewegen.
Bei der einwöchigen Übung werden unter anderem das Freikämpfen von Verkehrswegen, die Evakuierung eigener Kräfte, das Festsetzen von Saboteuren und der Kampf bei eingeschränkter Sicht simuliert.
“Wir üben in Berlin, weil Berlin unser Einsatzraum ist. Für das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung ist festgelegt, dass wir im Spannungs- und Verteidigungsfall die Einrichtung der Bundesregierung schützen”, so Teichgräber weiter.
Großstädte sind Herausforderung
Die erste Übung dieser Art fand im vergangenen Jahr statt. Sein Verband sei dadurch inzwischen besser vorbereitet, so Teichgräber. Das U-Bahn-Szenario, bei dem Saboteure als feindliche Kräfte den Verkehr unterbrechen, bezeichnet er als “sehr realistisch”. Abhängig von der Verkehrslage und der Gesamtsituation sei die U-Bahn auch für die Streitkräfte ein “probates und zweckmäßiges Mittel”.
Der infanteristische Kampf in einer Großstadt wie Berlin ist nach Angaben der Bundeswehr mit besonderen Herausforderungen verbunden: Enge Straßen und hohe Gebäude sorgen für schlechte Sicht- und Funkverbindungen.
2003 hat die BVG für 400.000 Euro eine Feuerwehrübungsanlage am Bahnhof Jungfernheide eingerichtet. Dazu wurde ein totes U-Bahn-Gleis für Katastrophenschutzübungen umgebaut. So kann jederzeit ein Unglück simuliert werden, ohne dass in den Schienenverkehr eingegriffen werden muss. Solche Übungen haben einen ernsten Hintergrund: So ist im Jahr 2000 während der Love Parade ein Wagon am U-Bahnhof Deutsche Oper in Brand geraten, 30 Personen erlitten eine Rauchvergiftung.
Keine scharfe Munition
Laut Bundeswehr sollen regelmäßige Übungen unter realitätsnahen Stadtbedingungen die Einsatzbereitschaft der Truppe gewährleisten. Die Landes- und Bündnisverteidigung sei seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wieder verstärkt in den Fokus gerückt.
In der Ausbildungsstätte der Polizei in Ruhleben soll der Schutz und die Sicherung von Regierungseinrichtungen geprobt werden, heißt es. Am U-Bahnhof Jungfernheide soll laut Bundeswehr trainiert werden, wie man sich in unterirdischen Anlagen fortbewegt und Transportwege freikämpft. Die Übungen dort fanden in den vergangenen drei Nächten jeweils zwischen 1 Uhr und 4 Uhr statt. Deshalb konnten in der Nähe der U-Bahnstation Scharfschützen zu sehen sein, hieß es. Es bestand aber keine Gefahr, weil auch keine scharfe Munition eingesetzt wurde.
Bekannt ist das Wachbataillon vor allem durch den Empfang von ausländischen Ehrengästen – aber im Ernstfall müssen die Soldaten die Dienstsitze der Bundesregierung und Verfassungsorgane schützen.
Bataillon im Wedding stationiert
Auf dem Gelände in Rüdersdorf sollen die Soldatinnen und Soldaten den Angaben zufolge trainieren, wie man Gebäude durchsucht, gegnerische Kräfte festsetzt und wichtige Infrastruktur verteidigt. Die Übung “Bollwerk Bärlin” macht die Bundeswehr regelmäßig.
Alle Soldatinnen und Soldaten des Wachbataillons beim Verteidigungsministerium sind seit 2014 in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin-Wedding stationiert. Sie stellen den einzigen Kampfverband der Bundeswehr in einer deutschen Großstadt.
Ältester Verband der Bundeswehr
Im Spannungs- oder Verteidigungsfall schützt das Bataillon die Dienstsitze der Bundesregierung und Verfassungsorgane. Das Bataillon mit seinen etwa 1.000 Mitgliedern ist auch der älteste Verband der Bundeswehr und ihre militärische Visitenkarte.
Es wurde 1957 aufgestellt und setzt sich aus vier Heereskompanien, einer Luftwaffen- und einer Marinekompanie sowie Versorgungs- und Unterstützungskräften und zwei Reservekompanien zusammen.
Der Leitspruch ist “Semper talis”, was “immer gleich” bedeutet. Dies stand schon ab 1713 auf den Mützen der “Langen Kerls”, dem preußischen Leibregiment von König Friedrich Wilhelm I.
Sendung: rbb24 Inforadio, 19.11.2025, 08:25 Uhr
