Millionen Menschen in Deutschland leiden an Adipositas – medizinisch sinnvolle Hilfe durch Operationen kommt häufig erst, wenn der Körper bereits schweren Schaden genommen hat.
Fast jeder fünfte Erwachsene in Deutschland ist adipös. Adipositas ist keine Frage der Disziplin, sondern eine chronische Stoffwechselerkrankung – mit drastischen Folgen: Das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs oder schwere Gelenkschäden steigt deutlich. Und dennoch, so kritisieren Fachleute, erhalten viele Betroffene in Deutschland erst dann wirksame Hilfe, wenn ihre Erkrankung bereits weit fortgeschritten ist.
Irreversible Schäden durch zu späte OPs
Während in Ländern wie Schweden oder den Niederlanden operative Eingriffe häufig schon ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 40 erfolgen, liegt der durchschnittliche BMI bei einer Operation in Deutschland zwischen 47 und 50. “Viele Patienten bekommen erst dann eine OP, wenn sie krank genug sind – und dann sind oft schon irreversible Schäden entstanden”, sagt Andrea Schenk, Adipositas-Chirurgin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein dem Gesundheitsmagazin NDR Visite.
Ein Grund dafür sei die anhaltende Stigmatisierung. Adipositas werde noch immer als individuelles Versagen wahrgenommen – nicht als das, was sie medizinisch ist: eine chronische Stoffwechselerkrankung.
Patienten dürfen grundsätzlich erst auf Grundlage eines sechs- bis zwölfmonatigen konservativen Therapieprogramms, bestehend aus Ernährungs-, Bewegungs-, und Verhaltenstherapien, operiert werden. Dies dient einerseits als Vorbereitung für die Operation und die Zeit danach. Gleichzeitig wird damit ein Behandlungsversuch ohne OP dokumentiert, der für Menschen mit einem BMI unter 50 Voraussetzung für die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist.
Abnehmspritzen – nicht immer die richtige Lösung
“Die seit 2023 zugelassenen und auch durch soziale Medien stark gehypten Abnehmspritzen sind nicht für alle Menschen mit Adipositas die richtige medizinische Lösung”, so Schenk. Die Vorteile der medikamentösen Therapie: Moderne Wirkstoffe wie Semaglutid oder Tirzepatid ahmen Darmhormone nach, die im Gehirn ein Sättigungsgefühl erzeugen und die Magenentleerung verzögern.
Anwender können so zwar 15 bis 20 Prozent ihres Körpergewichts verlieren, doch dieses Ergebnis bezieht sich nur auf klinische Studien unter Idealbedingungen. In der Realität des Alltags kommen Betroffene bei durchgehender Anwendung auf zehn bis 15 Prozent Gewichtsverlust. Neben dem Gewichtsverlust schützen die Präparate die Gefäße und senken dadurch das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse (absolut um 1,5 Prozentpunkte). Zudem wurde in Langzeitstudien ein geringeres Darmkrebsrisiko beobachtet.
Die Kehrseite der Abnehmspritzen
Viele Menschen klagen über Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Verstopfung. Ein weiteres Problem ist die Einstufung der Medikamente als “Lifestyle-Präparate”: Patienten ohne Diabetes Typ 2 müssen die Kosten von 175 bis 500 Euro monatlich in der Regel selbst tragen. Eine US-amerikanische Studie zeigt, dass 65 Prozent der Patienten (ohne Typ-2-Diabetes) die Therapie bereits nach einem Jahr wieder abbrechen. Da das Gewicht nach dem Absetzen schnell zurückkehrt, ist jedoch eine dauerhafte Anwendung nötig.
Operationen – Goldstandard bei hohem BMI
Vor allem aber reichen Abnehmspritzen für Menschen mit einem extrem hohen BMI nicht aus, um eine medizinisch angemessene Gewichtsreduktion zu erzielen. Laut Leitlinie gilt in diesen Fällen die bariatrische Chirurgie als effektivste Therapie.
Verschiedene Operationstechniken sind dabei möglich: Beim Schlauchmagen wird etwa drei Viertel des Magens entfernt, was nicht nur das Volumen reduziert, sondern auch die Produktion des Hungerhormons Ghrelin hemmt. Operationstechniken wie der Magenbypass verkürzen zusätzlich den Verdauungsweg, sodass der Körper weniger Kalorien aufnimmt.
Chirurgische Eingriffe ermöglichen so eine dauerhafte Abnahme von 30 Prozent des Körpergewichts und mehr. Damit liefern sie im Vergleich zu rein medikamentösen Therapien effektivere und nachhaltigere Ergebnisse – zu diesem Schluss kommt auch eine aktuelle US-amerikanische Studie.
Allerdings sind Operationen zur Magenverkleinerung auch mit Risiken verbunden, wie etwa dem Dumping-Syndrom, einer häufig chronischen Sturzentleerung des Magens mit Kreislaufproblemen. Zudem müssen Patienten lebenslang Vitamine und Mineralstoffe supplementieren, da der operierte Verdauungstrakt diese nicht mehr ausreichend aufnehmen kann.
Individuelle Lösungen nötig
Experten fordern, dass je nach Einzelfall medikamentöse als auch chirurgische Möglichkeiten sowie deren Kombination in Betracht gezogen werden sollten, um gravierende Folgeschäden einer Adipositas zu verhindern. Adipositas-Patienten sollten auch in Deutschland die medizinische Hilfe erhalten, die in anderen europäischen Ländern längst Standard ist, um eine chronische Schädigung des Körpers zu vermeiden.
