Viele Falschbehauptungen über Behandlung von Migräne

Viele Falschbehauptungen über Behandlung von Migräne

Eine Frau fasst sich an den Kopf. (Archivbild)


faktenfinder

Stand: 07.02.2026 06:30 Uhr

Ob Klammern in den Augenbrauen, Fußbäder mit kochend heißem Wasser oder Trinkkuren aus Salzwasser: Im Netz kursiert so mancher “Tipp” zur Behandlung von Migräne. Aus Expertensicht ergibt all das wenig Sinn.

Von Nikta Vahid-Moghtada, tagesschau.de

In die Augenbrauen geklemmte Haarklammern sollen Migräne bekämpfen – das wird zumindest in den sozialen Netzwerken behauptet. Doch Experten wie Dagny Holle-Lee, Neurologin und Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums am Universitätsklinikum Essen, raten davon ab. Denn aus medizinischer Sicht ist das nicht sinnvoll, sagt sie.

Der Haarklarmmer-“Tipp” beruhe auf dem Gegenschmerzprinzip: Erzeugt man an einer anderen Körperstelle einen starken Schmerz, lenkt das vom eigentlichen Schmerz ab. Migräne-Kopfschmerzen seien jedoch viel zu stark, als dass davon abgelenkt werden könnte, sagt Holle-Lee.

Hausmittel nicht wirksam gegen Migräne

Migräne mit einfachen Hausmitteln loswerden – glaubt man den Beiträgen selbsternannter Migräne-Experten auf Instagram oder TikTok, dann ist der Umgang mit der Krankheit ein Kinderspiel. Dabei sind rund 15 Prozent aller Frauen und sechs Prozent der Männer in Deutschland laut Robert Koch-Institut von Migräne betroffen, viele leiden oft jahrelang unter der Erkrankung.

Auch in den sozialen Netzwerken zu finden: Der Rat, sehr heiße Fußbäder zu nehmen. Der Gedanke dahinter: Bei Migräne sei die Durchblutung im Kopf zu stark. Die heißen Fußbäder sollen dazu führen, dass sich die Gefäße in den Füßen weiten und sich im Kopf verengen – in der Hoffnung, dass der Kopf dadurch schlechter durchblutet würde. Auch das sei aus medizinischer Sicht falsch, sagt Holle-Lee. Die Druckregulation im Kopf sei weitgehend losgelöst vom restlichen Körper. Nach neuen Erkenntnissen spielen die Gefäße bei Migräne nur noch eine untergeordnete Rolle.

“Betroffene tragen keine Schuld an Migräne”

Migräne sei kein einfacher Kopfschmerz, sondern eine vielschichtige neurologische Erkrankung mit genetischer Komponente, sagt Holle-Lee: “Man wird damit geboren.” Betroffene seien daher niemals Schuld an ihrer Migräne.

Reize würden im Gehirn von Migränikern schlichtweg anders verarbeitet. “Das Migränehirn funktioniert genau genommen besonders gut. Es kann sich jedoch schlechter anpassen, wenn sehr viele Reize eingehen”, sagt die Neurologin. Es handle sich um eine Filterfunktionsstörung. Zu viele der eingehenden Reize würden weiterverarbeitet, das Gehirn gewöhne sich nicht an wiederkehrende Reize wie zum Beispiel andauernden Straßen- oder Baulärm. Die Folge: Eine Reizüberflutung, die eine Migräneattacke auslöst.

Wie äußert sich Migräne?

Bei Migräne handelt es sich um eine neurogene Entzündungsreaktion. Eine Attacke äußert sich einerseits in einem pulsierenden Kopfschmerz, geht aber auch mit einer Vielzahl weiterer Symptome wie Lichtempfindlichkeit, Lärmempfindlichkeit, Übelkeit, Schwindel oder Sehstörungen einher. In der sogenannten Prodromalphase, der Vorphase der eigentlichen Migräne-Attacke, treten auch Stimmungsschwankungen oder Heißhungerattacken auf.

Expertin: Trigger und Prodromalphase werden häufig verwechselt

Auch bezüglich der Ernährung kursieren viele Falschinformationen im Netz. Zwar sei es wichtig, regelmäßige Essenszeiten einzuhalten, sagt Holle-Lee. Bestimmte Nahrungsmittel als Auslöser werden nach Ansicht der Neurologin aber überschätzt. “Es gibt aber Klassiker wie Rotwein, der bei vielen Migräne auslöst.” Süßes wie Schokolade sei meistens jedoch kein Trigger.

“Der Heißhunger auf Süßes, Salziges oder Fettiges ist ganz typisch in der Prodromalphase”, sagt Holle-Lee. Diese Vorphase der Migräne könne bis zu 48 Stunden vor dem eigentlichen Schmerz auftreten. “Viele Betroffene entwickeln Symptome, die sie für Trigger halten”, sagte Holle-Lee. Auch Geruchsempfindlichkeit komme in dieser Phase häufig vor.

Nahrungsmittel gegen Migräne oft überschätzt

Oft geteilt in den sozialen Medien wird auch der Tipp, Pommes und Cola würden die Migräne bekämpfen. Auch das ist aus medizinischer Sicht schlichtweg falsch, sagt Holle-Lee. Dazu gebe es keinerlei Daten. Wer unter einer starken Migräne-Attacke leide, habe außerdem oft mit Übelkeit zu kämpfen und eher wenig Appetit.

Einzig zu Koffein könne auch aus medizinischer Sicht geraten werden. “Koffein hat auch eine schmerzreduzierende Wirkung. Wenn eine Migräneattacke startet, kann man sie manchmal noch mit Koffein bremsen”, sagt Holle-Lee. Dazu sei eine Menge von 50 bis 100 Milligramm Koffein nötig. Eine Tasse Kaffee, Cola oder eine Koffeintablette könnten in manchen Fällen also wirksam sein.

Dünne Studienlage zu Nahrungsergänzungsmitteln

Andere Nutzer im Netz schwören auf bestimmte Nahrungsergänzungsmittel oder oft kostspielige Kombi-Präparate gegen Migräne. Auch hier ist die Studienlage übersichtlich, sagt Holle-Lee. Zu Magnesium aber gebe es Daten: “Wir empfehlen eine hochdosierte Einnahme von ca. 600 Milligramm pro Tag, wenn es gut vertragen wird.” Höher dosiertes Magnesium könne zu Durchfall führen.

Auch zu Riboflavin, Vitamin B2 und Coenzym Q10 gibt es Daten, die zeigen, dass sich diese Stoffe positiv auf die Migräne auswirken können, sagt die Neurologin. Gamechanger seien sie in aller Regel jedoch nicht.

Hartnäckig hält sich auch der Ratschlag, eine unzureichende Wasserzufuhr löse Migräne aus. Glaubt man manchen Usern auf Instagram, könne eine Kur aus Wasser mit Salz und Zitrone den Migränekopfschmerz verschwinden lassen – die Kopfschmerzen kämen von einer Dehydrierung, heißt es. Das bezeichnet Holle-Lee als Unsinn. Wer seinem normalen Durstgefühl folgt, dehydriert nicht und entwickelt auch keinen Salzmangel, so die Neurologin.

Wiederum andere Userinnen und User behaupten, das Balancieren von Wassergläsern oder -flaschen auf der Stirn würde Migräne lindern. Sie sagen, dass sich die Gefäße durch das Einwirken von Kälte zusammenziehen und so die Migräneattacke gelindert werde. Das stimmt schlichtweg nicht, sagt Holle-Lee. Kälte könne zur Schmerzlinderung beitragen, sagt Holle-Lee dazu. Dafür gebe es auch vereinzelt klinische Daten. Balanciert werden müsse jedoch nichts – ein kalter Waschlappen genüge.

Noch immer Vorurteile gegen Triptane

Bei der Akutbehandlung von Migräne kommen Triptane zum Einsatz – verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die gezielt zur Behandlung von Migräne entwickelt worden sind. Auch hier kursiert die Behauptung, Triptane seien aufgrund ihrer gefäßverengenden Wirkung gefährlich. Diese Angst ist völlig unbegründet, sagt Holle-Lee.

Mittlerweile lägen ausreichend Daten darüber vor, die die Sicherheit von Triptanen belegen. “Triptane haben deutlich weniger Nebenwirkungen wie beispielsweise die Entzündungshemmer Aspirin oder Ibuprofen, gerade im längerfristigen Gebrauch”, erklärt die Neurologin.

Behandlung von Migräne: Verschiedene Prophylaxe-Möglichkeiten

Leiden Betroffene regelmäßig an mehr als vier Tagen pro Monat an Migräne, komme eine Prophylaxe infrage. Die Behandlungsleitlinie empfiehlt unterschiedliche Wirkstoffe, etwa Betablocker oder Amitriptylin – ein Medikament, das früher vor allem als Antidepressivum zum Einsatz kam. Mittlerweile gebe es auch modernere Substanzen wie CGRP-Antikörper, die monatlich injiziert werden, oder sogenannte Gepante, die akut aber auch prophylaktisch eingesetzt werden können, erklärt Holle-Lee. Bei chronischer Migräne wird der aktuellen Leitlinie zufolge auch Botox verabreicht.

CGRP-Antikörper

Das Calcitonin Gene-Related-Peptide (CGRP) spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Migräne. CGRP wirkt gefäßerweiternd und ist an Entzündungsreaktionen während eines Migräneanfalls beteiligt. Die Antikörper, meist mittels Pen injiziert, hemmen CGRP und können so Migräneattacken verhindern.

Die medikamentöse Therapie müsse immer in ein nichtmedikamentöses Konzept eingebettet werden, betont Expertin Holle-Lee. Das sehe vor allem vor, Regelmäßigkeit in den Alltag zu bringen. Ein regelmäßiger Schlafrhythmus zum Beispiel sei wichtig.

Zusammenspiel von Hormonen und Migräne

Zu den Ursachen von Migräne muss noch viel geforscht werden, sagt die Neurologin. Klar sei aber: Gerate der Körper in ein Ungleichgewicht, könne Migräne ausgelöst werden – etwa bei Hormonschwankungen der Geschlechts- oder Schilddrüsenhormone. Daher seien auch Frauen häufiger von Migräne betroffen als Männer.

Vor allem in Lebensphasen, in denen sich der Hormonhaushalt verändere, etwa in der Pubertät oder in den Wechseljahren, werde die Migräne oft stärker. In der Schwangerschaft beispielsweise, wenn der Hormonhaushalt bei Frauen verhältnismäßig stabil ist, erleben viele eine Besserung der Symptome, erklärt Holle-Lee.

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