Miniserien für den vertikalen Screen sind der neue Streamingtrend. Mit New Romance und Cliffhangern ködern Apps eine junge Zielgruppe für bezahlten Content. Inzwischen mischt auch Hollywood mit.
Es sind ausgerechnet die guten alten Soaps, die den jüngsten Trend im Smartphone-Streaming anführen. Nur kommen sie jetzt im Hosentaschenformat daher, quasi to go: im Hochformat gefilmt und mit gerade einmal 60 bis 90 Sekunden pro Folge.
Die Emotionen sind dafür umso größer: Es geht um verbotene Liebe, Rache, Intrigen oder Verrat. Jede Folge endet mit dem obligatorischen Cliffhanger. Der Köder ist ausgeworfen. Die ersten Folgen sind zwar gratis, weitere werden mit app-internen Credits bezahlt. Freemium heißt dieses Modell, das führende Microdrama-Apps wie Reelshort und Dramabox erfolgreich betreiben. Mit ihrem Content werben sie inzwischen auch auf Youtube, TikTok oder Instagram.
Zwölf Prozent aller Internetnutzer haben dort schon mindestens eine vertikale Episode gesehen, so eine global angelegte Studie des Marktforschungsinstituts Ampere Analysis aus dem Herbst 2025. Die Zahlen steigen rasant, vor allem bei den 18 bis 34-Jährigen.
Dramatisch, putzig oder erotisch: Mit scherenschnittartigen Plots versuchen Miniserien ihre Nutzer abzuholen.
Der kleine Eskapismus für unterwegs
Bislang haben fiktionale Inhalte auf dem Smartphone nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Das liegt nicht nur am Bildformat, sondern auch an der typischerweise begrenzten Aufmerksamkeit beim mobilen Streamen. Das lässt wenig Raum für Zwischentöne und Subtilitäten.
Mit eingeübten bis abgedroschenen Motiven und scherenschnittartigen Plots scheint die Soap für diesen Konsum wie gemacht: Minimal portioniert ist sie maximal snackbar. Die Cliffhanger bedienen den bereits antrainierten Rhythmus des Immer-weiter-Scrollens. Effekte und Kulissen sind spärlich, im Vordergrund steht das menschliche (Melo-)Drama: Eskapismus für unterwegs, der kein Panorama oder CGI braucht.
Das Zielpublikum dafür sind ganz klar junge Frauen. Nachdem die Genres New Adult und Dark Romance den Buchabsatz in den vergangenen Jahren in ungeahnte Höhen getrieben haben, sind die Miniserien zum Streamen nachgezogen: mit Titeln wie: “Die geschiedene Milliardärserbin”, “Besessen vom Alpha-Bruder meines Ex” oder “Gebunden durch Ehre”.
Milliardengeschäft in Asien und den USA
Vorstöße im Bereich des vertikalen Dramas gibt es schon länger. Mit der Corona-Pandemie kam der Durchbruch auf dem chinesischen Markt. In Asien sind Micro-Dramas inzwischen riesig, ihr internationaler Siegeszug wirkt seit spätestens letztem Jahr unaufhaltsam. Allein im ersten Quartal 2025 haben In-App-Käufe global an die 700 Millionen US-Dollar eingespielt, fast viermal so viel wie noch ein Jahr zuvor. Etwa die Hälfte davon entfiel allein auf die USA.
Inzwischen ist man auch in Hollywood hellhörig geworden. Die Oden auf die goldenen Zeiten sind längst verklungen. Die Branche steckt seit Jahren in der Krise. Streamingplattformen und andere Player haben ihr den Rang abgelaufen. Erst spät hat man sich auf Kooperationen eingelassen. Bei den vertikalen Videos soll es nun wohl anders laufen.
Im Hollywood Reporter spricht Katie Kilkenny von einer regelrechten Goldgräberstimmung. “Das Ziel der Hollywood-Größen ist es im Grunde, das ‚Netflix für vertikale Videos‘ zu erschaffen. Das Rennen um die Marktführung hat längst begonnen”, so Kilkenny.
Hölzern und unerfahren – aber äußerst ehrgeizig
Sicher ist: Die großen Hollywoodplayer investieren in den Trend. Fox Entertainment hat sich mit dem ukrainischen Unternehmen Holywater gerade eine Kooperation für 200 Miniserien gesichert, mehrere Branchenveteranen haben sich zu den Startups MicroCo und Gammatime zusammengeschlossen und produzieren statt teuren Blockbustern um einen Bruchteil des Geldes für den kleinen Screen. Vielleicht haben sie sich vom viralen Modell der Influencer abgeguckt, dass in der billig produzierten Masse oft das große Geld steckt.
Katie Kilkenny vom Hollywood Reporter glaubt, dass sie das Feld neu aufmischen könnten, trotz hölzerner Drehbücher und unerfahrener Schauspieler. “Sie wollen gezielt in Genres jenseits der klassischen Romanze investieren – etwa True Crime, Thriller, Horror, Anime und Comedy – um die primär weibliche Zielgruppe des Formats zu würdigen und gleichzeitig neue Zuschauerkreise zu erschließen.”
