Verliert China nach dem US-Angriff in Lateinamerika an Einfluss?

Verliert China nach dem US-Angriff in Lateinamerika an Einfluss?

Qiu Xiaoxi und Nicolás Maduro (Archivbild: 2.1.2026)

Stand: 10.01.2026 13:48 Uhr

Venezuela war bislang Chinas “Brückenkopf” in Lateinamerika. Peking hat dort mit vielen Ländern Partnerschaften geschlossen, will die Kooperation ausbauen. Wird das nach dem US-Angriff schwieriger?

Jörg Endriss

Ein Porzellanpferd drückt der chinesische Gesandte dem venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro in die Hand. “Excellente”, freut sich der – und beschwört eine enge Partnerschaft zwischen China und Venezuela. Eine Porzellanvase gibt es obendrauf.

Wenige Stunden später griffen US-Spezialeinheiten zu und brachten Maduro in einer Kommandoaktion in die USA. Auch Peking, engster Verbündeter der Maduro-Regierung, hatte offenbar nichts geahnt.

Venezuela war Chinas Brückenkopf

China gehört zu den wenigen Ländern, die Maduros umstrittene Wiederwahl 2024 anerkannt haben. Zum Klub der Unterstützer zählen auch Russland und der Iran.

Die autoritäre Führung in Peking unterstützte aber nicht nur politisch einen US-Gegner in unmittelbarer Nachbarschaft der Vereinigten Staaten. Peking finanzierte die Regierung Maduro mit Milliardenkrediten, die es sich mit billigem Öl zurückzahlen ließ.

Die Preise wurden in der chinesischen Währung Renminbi festgelegt – nicht in US-Dollar, wie international üblich. Es ist ein Versuch der chinesischen Regierung, die eigene Währung gegenüber dem Dollar in internationalen Geschäften zu stärken.

Venezuela war für China ein Brückenkopf in Lateinamerika. Davon ist erst mal nichts übrig.

Muss China sein Geld abschreiben?

US-Präsident Donald Trump will nun mit militärischen Drohungen die Rückkehr der US-Ölindustrie nach Venezuela erzwingen. Öllieferungen wurden offenbar bereits in die USA umgeleitet.

China bleibt zunächst nur, Protest zu äußern. “Die USA wenden Gewalt gegen Venezuela an und verlangen ‘America First’, wenn es um die Verteilung venezolanischer Ölressourcen geht. Das ist Gängelung und eine ernsthafte Verletzung der internationalen Rechtsordnung”, sagt die chinesische Außenamtssprecherin Mao Ning.

Etwa 60 Milliarden US-Dollar Kredite hat China nach Schätzungen an Venezuela vergeben. Experten schätzen, dass etwa zehn Milliarden Dollar noch ausstehen. Möglicherweise muss Peking das Geld nun vorerst abschreiben.

Auch Iran und Russland liefern Öl an China

Auch wenn die Öllieferungen wegfallen, sei das zu verkraften, so Guo Cunhai, vom Institut für Lateinamerika-Studien an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking. “Das venezolanische Öl macht nur einen kleinen Teil der chinesischen Ölimporte aus, etwa 4,2 Prozent. Das allein wird Chinas Ölversorgung nicht beeinflussen.”

Allerdings müsse China sich darauf vorbereiten, dass andere Ölversorger unter Umständen ähnliche Probleme bekommen, so Guo. Auch auf Russland und den Iran versuchen die USA Druck auszuüben. Von beiden Ländern kauft China ebenfalls Öl – zu niedrigen Preisen, weil es mit Sanktionen belegt ist.

China zweitwichtigster Handelspartner Lateinamerikas

In Lateinamerika hat China enge Verbindungen zu zahlreichen Ländern und ist nach den USA zum wichtigsten Handelspartner der Region aufgestiegen.

Chinesische Unternehmen haben einen Tiefwasserhafen in Peru gebaut, mit exklusiven Nutzungsrechten für den chinesischen Reeder Cosco. So sollen Warenströme von China nach Südamerika und der Fluss von Rohstoffen von Südamerika nach China erleichtert werden.

Die kommunistische Führung unterhält außerdem enge Partnerschaften unter anderem mit Brasilien, verkauft dort umstrittene chinesische Telekommunikationstechnik und Satellitendienstleistungen.

“Viele Länder dürften nun Distanz zu China wahren”

In ihrem jüngsten Strategiepapier für die Region plant die chinesische Regierung, die Kooperationen in Lateinamerika auszuweiten. Das könnte nach der US-Militäraktion in Venezuela schwieriger werden, so Jin Canrong, Politikwissenschaftler der parteinahen Volksuniversität Peking.

“Viele lateinamerikanische Länder dürften nun verängstigt sein und eine größere Distanz zu China wahren. Aber auf lange Sicht werden die lateinamerikanischen Länder, insbesondere die linksregierten, wieder für ihre eigene Politik einstehen”, so Jin.

Die Regierung von US-Präsident Trump hat unterdessen nicht ausgeschlossen, dass Öllieferungen aus Venezuela auch nach China wieder aufgenommen werden könnten – allerdings zu Weltmarktpreisen.

China bleibt bei Appellen

Äußerungen aus dem chinesischen Handelsministerium deuten darauf hin, dass China darauf eingehen könnte. “Ungeachtet der politischen Situation in Venezuela ist China bereit, Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit dem Land zu vertiefen”, so Sprecher He Yadong.

Während die USA also militärisch in Lateinamerika vorgehen, bleibt China bei diplomatischen Appellen und muss abwarten. Auch wenn China zahlenmäßig die größte Marine der Welt unterhält – es hat in Lateinamerika keine Militärbasen und keine Erfahrung mit Kampfeinsätzen in Überseegebieten.

Im Handelskonflikt mit den USA hat China zwar immer wieder auch mit Exportkontrollen für kritische Rohstoffe wie seltenen Erden Druck ausgeübt. Im Fall von Venezuela scheint Peking diese Karte bislang nicht ziehen zu wollen.

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