Maduro sitzt in Haft, Vizepräsidentin Rodríguez hat die Regierung in Venezuela übernommen. Doch die vermeintliche Normalität auf den Straßen von Caracas täuscht: Die Menschen sind tief verunsichert.
“Ich hoffe auf die schnelle Reaktion der Regierung, dass sie uns hilft. Es ist schließlich nicht unsere Schuld, dass was in der Welt passiert. Die mit ihren Problemen und wir haben hier unsere eigenen”, sagte ein verärgerter Mann in Caracas der BBC. Er steht vor seinem Haus, einem Trümmerhaufen. Der Angriff des US-Militärs in den frühen Morgenstunden des 3. Januar hat auch seine Wohnung zerstört.
Eine ältere Dame, die im Armenviertel Petare lebt, glaubt nicht so recht an einen Machtwechsel in ihrem Land. In einer Sprachnachricht erzählt sie: “Die Übergangsregierung gehört doch zur selben Sippe. Aber mir gefällt auch nicht, was Trump da gemacht hat.” Das Viertel, in dem sie lebt, stand zuvor traditionell hinter der Sozialistischen Partei. In den vergangenen Jahren haben dort mehr und mehr Menschen die Opposition unterstützt.
Zivilie Freiheiten eingeschränkt
Auf der Straße seien überall viele Sicherheitskräfte unterwegs, erzählt die 68-Jährige. Im vergangenen September hatte Nicolás Maduro angesichts der massiven Drohungen der US-Regierung ein Dekret erlassen, womit eine Art Ausnahmezustand einhergeht. Qua Gesetz werden die zivilen Freiheiten eingeschränkt, die Macht des Militärs erweitert.
Auf YouTube erklärt die junge Anwältin Mayra Casas, worauf die Menschen in Venezuela unbedingt achten sollten, wenn sie nicht in Schwierigkeiten kommen wollen. Wer auf der Straße ohne gültigen Ausweis aufgegriffen werde, gelte als verdächtig und könne jederzeit festgenommen werden. Es dürften keine Fotos oder Videos von Militärs gemacht werden, weil das als Spionage interpretiert werden könnte. Die Empfehlung: Wer einkaufen geht, sollte danach schnell nach Hause gehen.
ARD-Berichterstattung zu Venezuela
Die Korrespondentinnen und Korrespondenten der ARD erhalten seit fünf Jahren in der Regel keine Journalistenvisa für die Einreise nach Venezuela. Daher erfolgt die Berichterstattung über Venezuela von außerhalb des Landes, vor allem aus dem ARD-Studio Mexiko-Stadt. Dabei wird das Team von freien Journalistinnen und Journalisten in Venezuela unterstützt.
Angst vor Repressionen hält Menschen im Haus
Auch wenn auf den Straßen von Caracas eine vermeintliche Normalität zurückgekehrt ist, traue sich kaum jemand länger als nötig draußen aufzuhalten, erzählt ein 28-Jähriger aus Caracas, der genau wie alle anderen seinen Namen aus Angst vor Repressionen nicht nennen möchte. Er wohnt im Zentrum der Stadt.
Die Nachricht, die er in diesem Moment schickt, wird er schnell wieder löschen. “Die Polizei hält die Leute an, überprüft die Handys, und wenn sie dort Nachrichten findet, in denen schlecht über die Regierung geredet wird oder über den Sturz Maduros, dann bekommt man Probleme. Die Leute sind sehr vorsichtig und schränken sich ein.” Es herrsche eine Mischung aus allgemeiner Angst und einer “erzwungenen Ruhe”. Trotzdem sei zu spüren, dass die Menschen auf einen Wechsel hoffen, berichtet der junge Mann.
Rodríguez gilt als loyal gegenüber Maduro
Anfang der Woche wurde die Vizepräsidentin Delcy Rodríguez vereidigt. Damit übernimmt eine zivile Elite die Regierungsgeschäfte im Land. Rodríguez gilt als eine der loyalsten Figuren aus Maduros Machtzirkel, aber Experten schätzen sie gleichzeitig als pragmatisch ein. Während sie die Gefangennahme von Maduro scharf kritisiert, zeigt sie sich gleichzeitig gegenüber der US-Regierung kooperativ. Wie die nächsten Schritte aussehen werden, ist unsicher.
Eine 56-jährige Venezolanerin aus Caracas sagt: “Ich werde nichts unternehmen, sondern einfach abwarten. Es wird ein langsamer Prozess sein, der seine Zeit braucht. Wir müssen geduldig sein. Ich habe Hoffnung. Wir haben so viel durchgemacht. Ich versuche, positiv zu bleiben. Denn wenn man positiv bleibt, wird das gute Dinge anziehen.” Wie so viele in diesen Tagen, versucht auch sie, gelassen zu bleiben.

