Umwelt belastet Herz stärker als gedacht

Umwelt belastet Herz stärker als gedacht

Eine Frau läuft im Nebel mit ihrem Hund spazieren.

Stand: 06.02.2026 05:25 Uhr

Feinstaub, Verkehrslärm und Licht in der Nacht belasten Herz und Gefäße dauerhaft. Eine Übersichtsarbeit zeigt: Umweltfaktoren tragen stärker zu Herzschäden bei als viele klassische Risiken – vor allem in Städten.

Herzinsuffizienz ist eine der häufigsten internistischen Erkrankungen: Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung leiden mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland an Herzschwäche.

Bei einer Erkrankung sei “die Prognose der chronischen Herzinsuffizienz trotz wesentlicher Fortschritte in der Therapie unverändert miserabel”, warnt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DKG): Etwa die Hälfte der Erkrankten stirbt innerhalb von sechs Jahren nach der Diagnose. Prävention ist deshalb ein wichtiger Faktor.

Umweltbedingungen bisher stark unterschätzt

Bluthochdruck, Alkoholkonsum, Diabetes Typ 2 oder Übergewicht gelten als klassische Risikofaktoren. Omar Hahad, Epidemiologe am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz, konnte allerdings jetzt zusammen mit einer Forschungsgruppe in einer Studie zeigen, dass auch Umwelt- und Lebensbedingungen massiv dazu beitragen können, ob eine Herzinsuffizienz entsteht: “Dadurch, dass viele Teile der Bevölkerung ständig exponiert werden mit diesen Risikofaktoren aus der Umwelt, dass wir eben am Tag und in der Nacht, auf der Arbeit, beim Sport treiben, mit diesen Risikofaktoren aus der Umwelt konfrontiert werden, ist der Einfluss dramatisch”, so Studienleiter Hahad.

So schädigen Umwelteinflüsse das Herz

Herzschädliche Umwelteinflüsse sind laut Christoph Maack von der DKG “zum Beispiel Luftverschmutzung, aber auch Lärmbelästigung und Licht. Besonders in Städten wird es nachts nicht mehr dunkel genug. Wir haben aber auch Verunreinigungen von Trinkwasser und auch die Klimaveränderungen, die durch den Klimawandel geschehen, dass es in unseren Breiten zu mehr Hitze-Episoden kommt”.

Für unsere Gesundheit bedeutet das: Feinstaubpartikel gelangen über die Lunge in den Blutkreislauf, lösen Entzündungen aus und können nahezu alle Organe erreichen – auch das Herz. Extreme Temperaturen belasten das ganze Herz-Kreislauf-System. Lärm, vor allem nachts, stört den Schlaf und aktiviert Stresshormone. Diese machen Blutgefäße auf Dauer steifer und treiben den Blutdruck in die Höhe. Auch künstliches Licht in der Nacht spielt eine Rolle: Es stört den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus, bringt hormonelle Abläufe durcheinander und belastet Herz und Kreislauf zusätzlich. Auch Schwermetalle wie Cadmium oder Blei greifen den Herzmuskel an.

“Was diese Faktoren verbindet, ist, dass sie die gleichen biologischen Systeme des Organismus betreffen”, erklärt Hahad, “das heißt, sie kumulieren in diesem System – und darüber kann das Risiko akkumulieren und additiv wirken” – sich also über die Lebensjahre anhäufen.

Große soziale Unterschiede bei Umweltbelastungen

Die Auswertung zeigt auch, dass der Umweltstress ungleich verteilt ist: Gerade ältere Menschen und sozial benachteiligte Gruppen seien besonders anfällig, so die Autoren. Menschen aus einkommensschwachen Schichten wohnten zum Beispiel an großen Straßen oder in dicht bebauten Quartieren ohne Zugang zu Grünflächen. Dazu gebe es dort schlechtere medizinische Versorgungsstrukturen. Die Folge: mehr Erkrankungen und eine höhere Sterblichkeit.

Maack mahnt deshalb, besonders diese vulnerablen Gruppen im Blick zu haben: “Hitzeexposition ist vor allem für ältere Menschen eine Belastung. Das liegt daran, dass die Regulation des Körpers bei Hitze eine Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems erfordert, die ältere Menschen oft nicht mehr so gut zustande bringen.” Er schlägt deshalb vor, beispielsweise beim Städtebau auf genügend Grünflächen in Wohngebieten zu achten und spezielle Kühlungsräume in die Quartierplanung miteinzubeziehen.

Herzinsuffizienz: Prävention neu denken

Bisher konzentrieren sich Leitlinien zur Herzgesundheit stark auf individuelles Verhalten und medikamentöse Behandlung. Hahad hält das für unzureichend: “Es ist schwierig, dem einzelnen Patienten zu sagen: ‘Reduzieren Sie mal jetzt Ihren Lärm oder die Luftverschmutzung’ oder ‘Schalten Sie das Licht in der ganzen Stadt ab in der Nacht‘. Das funktioniert nicht.”

Thomas Münzel von der Europäischen Kardiologen-Gesellschaft fordert deshalb: “Der Staat muss zuerst funktionieren.” Die Politik müsse dringend systemische Maßnahmen einleiten. Er nennt das Beispiel Feinstaub: “Da gibt es wunderbare Grenzen von der Weltgesundheitsorganisation, die sagt, fünf Mikrogramm pro Kubikmeter Luft – alles was darüber ist, macht krank. Und was hat Europa? 25 Mikrogramm pro Kubikmeter, also fünfmal dessen, was die WHO mit fünf Mikrogramm pro Kubikmeter für krank hält. Also: Europa muss sich bewegen.” Tatsächlich gibt es eine neue EU-Luftqualitätsrichtlinie, die besagt, dass die Mitgliedsstaaten bis 2030 ihre Feinstaub-Grenzwerte auf zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft absenken müssen.

Münzel, der auch Vorsitzender einer speziellen Taskforce für Umweltmedizin bei der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie ist, kündigt für die Neufassung der Leitlinien zur Herzgesundheit außerdem an: “Ich verspreche Ihnen zu 100 Prozent, dass Lärm, Feinstaub und Hitze als wichtige Herz-Kreislauf-Risikofaktoren anerkannt werden, genauso wie jetzt Cholesterin, Diabetes und Bluthochdruck.”

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