Traditionsverständnis beim Militär: Wo bleibt das Liederbuch der Bundeswehr?

Traditionsverständnis beim Militär: Wo bleibt das Liederbuch der Bundeswehr?

Bundeswehrsoldaten des Wachbataillons in Berlin.


exklusiv

Stand: 06.03.2026 • 12:00 Uhr

Nach Rechtsextremismusvorfällen in der Bundeswehr wurden Lieder wie das “Panzerlied” 2017 aus deren Repertoire gestrichen. Ein neues Liederbuch sollte kommen. Laut WDR-Recherchen dauern die Prüfungen dafür aber weiter an.

Von Florian Flade und Martin Kaul, WDR

Es ist ein kleines, schmales Büchlein mit 192 Seiten und ein paar wichtigen Abkürzungen: “G” steht zum Beispiel für “mit Gitarrenbearbeitung”. “K” steht für “mit Keyboardbearbeitung” und an manchen Stellen ist notiert, wann eine “leichte Mehrstimmigkeit” beim Singen vorgesehen ist. Auf dem Cover des weißen Schutzumschlages: Fotos von Soldaten im Gebirge und am Lagerfeuer – und die Überschrift “Kameraden singt!”

Das ist das Liederbuch der Bundeswehr – oder besser gesagt: Das war es. Nach mehreren Rechtsextremismusvorfällen in der Truppe ließ die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Ausgabe des Buches im Mai 2017 stoppen. Begründung: In der Traditionssammlung des militärischen Liedgutes fänden sich auch Lieder, die laut Ministerium “nicht mehr unserem Werteverständnis entsprechen”.

Die Bundeswehr sollte erneuert werden, demokratisiert – und von überholtem historischen Erbe befreit werden. Etwa vom “Panzerlied” auf Seite 61 – seit Jahrzehnten umstritten, weil es den Heldentod propagierte – oder dem “Westerwaldlied” auf Seite 67, einst ein beliebtes Lied in der Wehrmacht.

Mehr als acht Jahre, drei Minister

Was aber wurde aus der Ankündigung, ein neues Liederbuch für die Bundeswehr zu erarbeiten? Mehr als acht Jahre sind seither vergangen und mit Boris Pistorius (SPD) ist bereits der inzwischen dritte Minister nach von der Leyen im Amt – doch noch immer arbeitet das Verteidigungsministerium an einer Überarbeitung des Buches. Die Prüfungen, welche Lieder denn nun gesungen werden sollen, dauern nach WDR-Recherchen an.

Dabei ist die Frage durchaus relevant: Das deutsche Militär soll wachsen, will attraktiv sein für junge Leute. Welche Lieder sollen die Soldatinnen und Soldaten beim Marsch, an den Lagerfeuern oder in den Kasernen künftig singen? Mit welchem Traditionsverständnis und welchem Liedgut sollen die mehr als 260.000 Beschäftigten der Bundeswehr nun und in Zukunft von ihrem Arbeitgeber ausgestattet werden? Müssen neue, moderne Stücke her, oder tut es auch weiter “Prinz Eugen – der edle Ritter”, einstmals erschienen auf Seite 58, entstanden demnach in den “Türkenkriegen” 1717, als ein Trompeter vom Regiment Herberstein den Text in einem Feldlager von Belgrad geschrieben haben soll, wie es in der letzten Version des Liederbuches heißt.

Besonders herausfordernd auch: der Umgang mit dem oft überkommenen Frauenbild – wie im alten Liederbuch auf Seite 76: “Es hat ein Bauer ein schönes Weib, das blieb so gerne zuhaus”. Solches Liedgut lässt sich kaum vereinen mit dem modernen Geschlechterbild, mit dem die Bundeswehr derzeit um junge Rekrutinnen wirbt.

Jahrelanger Prozess dauert an

Eine Riege von Fachleuten diskutiert seit Jahren über das Liederbuch und ist – nach Auskunft des Verteidigungsministeriums – angeblich auch auf einem guten Weg. So heißt es auf WDR-Anfrage aus dem Ministerium, die Herausgabe der Aktualisierung sei für die zweite Hälfte dieses Jahres geplant – allerdings nicht ohne Einschränkungen. Derzeit, so das Ministerium, befände sich der Vorgang noch auf Referatsebene, also nach immerhin acht vergangenen Jahren eher unten in der ministeriellen Hierarchie.

Und man ist offenbar nicht fertig. “Bei einigen der für das Liederbuch vorgesehenen Lieder ist die rechtliche Einordnung und Schlussentscheidung noch ausstehend”, so das Ministerium. Welche Lieder das sind, darüber macht das Ministerium keine Angaben. Auch darüber hinaus seien noch weitere Anpassungen am Entwurf möglich.

Erneute Prüfung trotz “finaler Vorschlagsliste”

Der Umgang mit dem Liedgut der Truppe scheint ein mühsamer Prozess zu sein. Aus dem Verteidigungsministerium heißt es, zunächst sei in einer ersten Phase beraten worden, auf welche Weise “die zukünftige Aufbringung des Liederbuches der Bundeswehr” geeignet sei. Das Ergebnis: “Um die Nutzung zeitgemäß und nachhaltig anzupassen, wurde entschieden, das Liederbuch in digitaler Form neu aufzulegen.” Anschließend seien Lieder aus dem alten Liederbuch ausgewählt worden, die dazu in Frage kämen. Zusätzlich seien ergänzende Vorschläge aufgenommen worden.

Dann sei eine “militärgeschichtliche Einordnung” der einzelnen Lieder erfolgt – beteiligt daran: Das Streitkräfteamt, das Zentrum Innere Führung und das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Das Ergebnis: Zwar liegt im Ministerium nunmehr eine “finale Vorschlagsliste” vor, allerdings müssen manche Lieder davon “in Einzelfällen nochmals überprüft” werden.

Traditionserlass aus dem Jahr 2018

Im Jahr 2018 hatte Ursula von der Leyen einen neuen Traditionserlass verkündet, in dem der Umgang der Bundeswehr mit ihrer Geschichte neu geregelt wurde. Erstmals, so heißt es in dem Erlass, nehme man die gesamte deutsche Militärgeschichte in den Blick. Und ziehe eine klare Grenze zur Wehrmacht. Die Bundeswehr schlösse im Rahmen der Traditionspflege jene Teile der Militärgeschichte aus, “die unvereinbar mit den Werten unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung sind”.

Anlass war neben mehreren Vorfällen mit rechtsextremistischen Bezügen auch ein Appell von 30 deutschen und internationalen Historikern und Fachleuten, die sich bereits 2014 an das Ministerium gewandt hatten und unter anderem die Namensgebung einiger Kasernen kritisiert hatten. Mehrere Bundeswehrliegenschaften trugen die Namen von Militärs aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Deren Umbenennung erfolgte in den Jahren danach recht zügig – und damit deutlich schneller, als neue Lieder für die Bundeswehr gefunden werden konnten.

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *