Trotz der vereinbarten Waffenruhe kommt es in Syrien zu Gefechten. Die kurdisch geführten SDF und die Übergangsregierung machen sich gegenseitig verantwortlich. Unterdessen sind Häftlinge aus IS-Gefängnissen ausgebrochen.
Dutzende Angehörige haben sich vor einem Gefängnis in der ostsyrischen Stadt Rakka versammelt. Sie feiern die Übernahme der Stadt durch die Truppen der islamistischen Übergangsregierung – und hoffen, dass die Gefängnistore geöffnet werden. “Wir stehen hier, weil wir unsere Kinder aus dieser Dunkelheit befreien wollen”, sagt Amira. “Es sind nun schon vier, fünf Monate vergangen. Sie haben uns nicht einmal erlaubt, unsere Kinder zu sehen. Vielleicht werden sie jetzt freigelassen.”
Doch sind die Inhaftierten unschuldig? Willkürliche Verhaftungen, keine rechtsstaatlichen Verfahren – das werfen die arabischstämmigen Bewohner Rakkas den bislang in der Region regierenden Kurden vor.
Gefängnissausbrüche sorgen für Besorgnis
Doch es gibt auch eine andere Seite: Die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) bewachten bislang eingesperrte Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat, in Gefängnissen und im großen Lager al-Hol, in dem tausende Familien von IS-Anhängern festsitzen. Nun haben die SDF erklärt, als Bewacher abzuziehen.
Aus anderen IS-Gefängnissen werden bereits Ausbrüche vermeldet: Bislang sollen nach Angaben der syrischen Übergangsregierung bereits 120 IS-Inhaftierte geflohen sein, 80 habe man wieder eingefangen. Die kurdisch geführten SDF sprechen dagegen von 1.500 ausgebrochenen IS-Anhängern.
Das sind Zahlen, die international Besorgnis auslösen. US-Präsident Donald Trump hatte bereits in der Nacht mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa gesprochen. Man sei sich einig, dass der Kampf gegen den IS fortgesetzt und die Rechte der Kurden gewahrt bleiben sollten, hieß es.
Gegenseitige Beschuldigungen
Doch immer noch kommt es trotz der am Sonntag vereinbarten Waffenruhe zu Gefechten. Die Schuld dafür schieben sich die Gegner gegenseitig zu. “Die kurdischen SDF sind intern gespalten”, so der Sprecher des syrischen Innenministeriums, Nureldin al Baba. “Die pro-syrische Seite will mit dem Abkommen vorankommen. Aber die nicht-syrische Seite, und die ist mächtig, besteht aus ausländischen Kämpfern, Türken und Iranern. Sie ist dagegen und manipuliert die Sicherheit der Region, gegen die syrische Regierung.”
Von Seiten der Kurden klingt das naturgemäß völlig anders. Sie sehen Aggressoren in den Reihen der syrischen Truppen. “Es gibt IS-Anhänger innerhalb der syrischen Armee”, sagt die hochrangige kurdische Politikerin Fouza Youssef. “Und sie sind diejenigen, die agieren, kämpfen und Zivilisten töten. Jetzt greifen sie Gefängnisse mit IS-Insassen an, damit die Gefangenen freigelassen werden. Laut Abkommen sollte es von Anfang an einen umfassenden Waffenstillstand geben”, so Youssef. Das bedeute, es gebe keinerlei Bekenntnis zum Abkommen.
Weitere heftige Kämpfe drohen
Das Abkommen sei gescheitert, weil sich die syrische Regierung nicht daran halte, heißt es von Seiten der SDF. Alle kurdischen Einheiten seien jetzt zur Mobilisierung aufgerufen worden. Man habe für die Umsetzung einfach mehr Zeit gebraucht, sagt Ilham Ahmad, Außenbeauftragte der kurdischen Selbstverwaltung. “Wir haben um Zeit gebeten – fünf Tage – um die Bevölkerung vorbereiten und beruhigen zu können, um den Boden für die Übergabe vorzubereiten. Das hat Damaskus nicht akzeptiert. Sie sagten ‘sofort’, ihr müsst alles sofort übergeben.”
Statt Machtübergabe kommt es jetzt zu Gefechten. Beide Seiten sprechen bereits von verübten Gräueltaten. Die Lage ist unübersichtlich, die Propaganda schallt laut von beiden Seiten. Unklar ist, ob und wie weit die syrischen Regierungstruppen jetzt vorrücken: Sollten sie in Städte vordringen, in denen die Kurden in der deutlichen Bevölkerungsmehrheit sind, könnte das zu heftigen Kämpfen führen.

