Südafrika: Mit der Armee gegen die Banden in Kapstadt

Südafrika: Mit der Armee gegen die Banden in Kapstadt

Südafrikanische Polizisten bei einer Durchsuchung in Kapstadt.

Stand: 07.03.2026 • 15:31 Uhr

In den Townships von Kapstadt tragen Gangs einen blutigen Krieg untereinander aus. Die Regierung bereitet deshalb einen Armeeeinsatz vor. Doch es ist umstritten, wie nachhaltig der Effekt sein wird.

Ulli Neuhoff

Südafrika will die Armee in die berüchtigten Cape Flats in Kapstadt senden. Mehr als 1.000 Soldaten sollen die Polizei bei ihrem Versuch unterstützen, die Auseinandersetzungen zwischen den Gangs einzudämmen.

Die Kämpfe hatten in den vergangenen Wochen stark zugenommen. Es geht dabei wohl um die Neuordnung der Einflussgebiete im Drogenhandel, der von den Gangs kontrolliert wird.

90 Gangs, 100.000 Mitglieder, täglich Opfer

Die ersten Monate des Jahres waren die blutigsten seit Langem. Im Januar verging kaum ein Tag ohne Tote, mehr als 200 Opfer forderte der Krieg zwischen den mehr als 90 Gangs, die laut Polizei etwa 100.000 Mitglieder haben sollen.

Opfer der tödlichen Gewalt sind aber nicht nur Bandenmitglieder, immer wieder kommen auch Unbeteiligte ums Leben. Ende Januar wurde ein 13-jähriger Junge beim Fußballspielen auf der Straße von einer verirrten Kugel getroffen.

Soldaten vor drei Wochen angekündigt

Die Entsendung der Truppen hatte der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa in seiner jährlichen Rede an die Nation vor drei Wochen angekündigt. “Wir müssen handeln, um unser Land von der Gang-Gewalt zu befreien.”

Die Soldaten sollen die Polizei vor Ort unterstützen, ihre Arbeit schützen, so die Ankündigung. Analysten sehen darin den Versuch Ramaphosas, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

“Wie lange werden sie bleiben?”

In den Cape Flats ist die Reaktion unterschiedlich. Viele wünschen sich eine Befriedung und ein Ende der mächtigen Gangs. Dafür würden sie auch Soldaten in ihren Straßen akzeptieren.

Nicole Jocobus engagiert sich in einer lokalen Nachbarschaftsgruppe, er sagte der Zeitung People’s Post: “Es ist gut, dass die Armee unsere Polizei unterstützt, aber die Frage ist doch, wie lange sie bleiben werden.” Andere Stimmen befürchten gewaltsame Proteste gegen die Armee in den Townships.

Der Krieg zwischen den Gangs in Kapstadt eskaliert immer weiter – aber kann ein Armeeeinsatz die Lage dauerhaft beruhigen?

Berüchtigt für die Gang-Kriminalität

Schon einmal war die Armee in den Gang-Gebieten ausgerückt. 2019 blieben sie knapp drei Monate. In dieser Zeit änderte sich tatsächlich etwas, die Mordrate ging sichtbar zurück.

Die Mitglieder der Gangs tauchten aber nur unter und hielten still, wie sich nachher herausstellte. Denn nachdem die Soldaten wieder abgezogen waren, übernahmen sie wieder das Kommando in den notorischen Stadtteilen Phillipi, Hanover Park, Michelles Plains, Khayelitsha, Manenberg, Myanga, Lavender Hill und Bishop Lavis.

Diese Teile der Cape Flats gehören zu den gefährlichsten Gegenden der Welt. Hier verzeichnet die Kriminalstatistik Südafrikas regelmäßig die höchste Mordrate.

Unter den 30 Polizeirevieren mit den meisten Mordfällen im Land liegen allein zehn im Gebiet der Cape Flats. Geht es um Bandenkriminalität, ist die Statistik noch eindeutiger: 93 Prozent aller Delikte, die mit Gangaktivitäten zu tun haben, werden hier verzeichnet.

Mehr Symbolik als Substanz?

Pfarrer Liewellyn MacMaster, Gründer der Nichtregierungsorganisation Cape Crisis Crime Coalition, meint deshalb: “Die Entsendung des Militärs ist nicht die Lösung für tief verwurzelte Gewalt. Es zeigt vielmehr, dass niemand sich der strategischen Verantwortung stellt.” Es zeige, dass Symbolik wichtiger sei als Substanz.

Und tatsächlich sehen das viele so. Denn letztlich geht es um Perspektivlosigkeit, Armut und verheerend schlechte Schulen in den Cape Flats. Seit Generationen befeuert das den Teufelskreis der Gewalt. Wer hier nicht ansetzt, wird die Macht der Gangs nicht zurückdrängen.

Ergebnis von Diskriminierung und Zwangsumsiedlung

Die Cape Flats liegen nur rund 20 Kilometer südöstlich vom Zentrum Kapstadts entfernt. Ursprünglich war hier flaches, sandiges Brachland, das erst in den 1950er-Jahren als Township ausgewiesen wurde. Das Apartheid-Regime zwang damals die nicht-weiße Bevölkerung, in diesem Teil zu wohnen.

Angehörige der Volkgruppe der Xhosa wurden in den Townships angesiedelt, die größte Gruppe der sogenannten Coloureds vor allem in Gebieten, die heute für die Banden-Kriminalität berüchtigt sind. Unter dem Begriff “Coloureds” fasste das Apartheid-Regime diejenigen zusammen, die die nicht in die Kategorien “weiß”, “schwarz” oder “indisch” passten.

Vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren wurden mehr als 60.000 Menschen unter dem sogenannten Group Areas Act zwangsumgesiedelt. Die meisten stammten aus dem District Six, einem Stadtteil von Kapstadt, in dem überwiegend die Menschen wohnten, die vom Apartheid-Regime als “Coloureds” bezeichnet wurden. Ihre Gemeinschaften wurden auseinandergerissen, viele wurden arbeitslos.

Die Zwangsumsiedlung während der Apartheid-Zeit gilt als eine der strukturellen Ursachen für die Bildung der Gangs in den Cape Flats und das extrem schlechte Verhältnis der Bewohner zum Staat.

Die Zwangsumsiedlung in Townships wie Khayelitsha gilt als eine der Ursachen für die Entstehung der Gangs.

Eine Bremse für die Polizeireform?

Die Entsendung der Armee zeigt auch, wie überfordert die südafrikanische Polizei hier ist. Das hat auch einen Langzeiteffekt, wie der Soziologieprofessor Lindy Heinecken von der Universität Stellenbosch meint:

Dieses ‘Stärkezeigen’ birgt eine moralische Gefahr. Wenn die Armee immer bereitsteht, um schwierige Situationen zu stabilisieren, fällt der Druck von der südafrikanischen Polizei weg, die interne Korruption zu bekämpfen, ihre Strukturen und Arbeit zu verbessern und das Vertrauen der Menschen wiederzugewinnen.

Erste Patrouillen wohl kommende Woche

Aber auch das gehört zur Wahrheit: Der Staat versucht seit Jahren über Ausbildungsprogramme, neue Polizeikräfte zu rekrutieren, die speziell für die Arbeit in den verrufenen Cape Flats ausgebildet werden. Mit nur mäßigem Erfolg, denn viele, die diese Spezialausbildung durchlaufen, werden von privaten Sicherheitsfirmen abgeworben, die deutlich bessere Gehälter zahlen.

In Kapstadt hörte man in den vergangenen Tagen immer wieder Militär-Helikopter fliegen. Sie bringen Ausrüstung, Verpflegung und die ersten Soldaten in die Kasernen. Wann genau die Operation beginnt, hat die Armee noch nicht veröffentlicht. Viele gehen aber davon aus, dass die ersten Patrouillen kommende Woche stattfinden werden.

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