Demütigungen, Übergriffe und Vergewaltigungen – beim größten Pfadfinderverband Deutschlands hat es zahlreiche Fälle von sexualisierter Gewalt gegeben. Zu dem Schluss kommt eine Studie der Universitäten Marburg und Gießen.
Das Fundament der Pfadfinderschaft sei beschädigt, das Problem sexualisierter Gewalt reiche tief in die Strukturen hinein. Mit diesen Worten beschreiben Forscher der Unis in Marburg und Gießen die Ergebnisse ihrer Arbeit.
Mehr als zwei Jahre lang hatten sie Übergriffe bei der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) untersucht. Der Fokus lag auf sexualisierter und spiritueller Gewalt seit dem Gründungsjahr 1929.
Forscher befragten Opfer
Konkret hat zum Beispiel jede beziehungsweise jeder fünfte von knapp 400 befragten Pfadfinderinnen und Pfadfindern schon mal körperliche sexualisierte Gewalt erlebt. Viele berichten davon, gegen ihren Willen begrapscht worden zu sein. Verbale Übergriffe kommen noch häufiger vor.
Die Forscher führten auch Interviews mit Betroffenen. Eine Person berichtete zum Beispiel, dass sie immer wieder dazu gedrängt wurde, intime Fotos von sich zu schicken. Der Hebel dafür sei emotionaler Druck gewesen: “Also es war auch immer auf dieser Schiene: Mir geht es gerade schlecht. Weißt du, was mir helfen würde? Ein Bild von deiner Vulva.”
Vergewaltigungen und Übergriffe
Erzwungener Geschlechtsverkehr kam laut der Studie zwar selten vor, aber es soll krasse Einzelfälle gegeben haben. So wird in der Studie ein Fall beschrieben, bei dem ein Kind während eines Pfadfindercamps von zwei Jugendlichen vergewaltigt wurde. In den Interviews berichtet außerdem ein heute Erwachsener davon, dass er als Kind von einem leitenden Erwachsenen sexualisierte Gewalt erfahren hat.
Lina hat als Pfadfinderin sexualisierte Gewalt erlebt
Bei der Veröffentlichung der Studie schilderte die betroffene Lina aus dem Münsterland ihr Erlebtes. Sie habe mit 19 Jahren einen sexualisierten Übergriff durch einen deutlich älteren Pfadfinderleiter erlebt, unter Alkohol und im Beisein von weiteren Mitgliedern.
Pfadfindervorstand spricht von Versagen
Besonders gefährdet sind die Pfadfinder laut der Studie auf gemeinsamen Fahrten und Lagern. Täter seien überwiegend männliche Leiter, die ihre Vertrauensposition ausnutzen. Den Boden für Gewalt bereiten laut der Studie “eine unkritische Erhöhung der Gemeinschaft und spirituelle Manipulation”. Alkohol spiele dabei oft eine Rolle.
Die Sankt Georg-Pfadfinderschaft selbst spricht von Versagen und einem unermesslichen Leid. Man werde die Strukturen ändern, um ein sicherer Ort zu werden. Betroffene sollen Übergriffe zum Beispiel leichter und niedrigschwelliger melden können.
Der Bundesvorstand der DPSG
“Rituale und Traditionen können Halt geben”, sagt der Maximilian Strozyik vom Vorstand der DPSG: “Aber sie können auch tief verletzen.” Genau da müsse man ansetzen und gewaltbegünstigende Strukturen beseitigen.
Immer mehr Pfadfinder untersuchen Gewalt
Die katholische DPSG mit Sitz in Mönchengladbach ist mit mehr als 83.000 Mitgliedern nach eigenen Angaben der größte Pfadfinderverband Deutschlands. Sie ist nicht die erste Pfadfinderschaft, die Gewaltvorfälle untersucht hat.
Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie bei dem evangelisch geprägten Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder sind dort zum Beispiel seit 1973 mindestens 344 Menschen Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Auch beim Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder hat es laut einer Untersuchung viele Fälle gegeben.
Unsere Quellen:
- Pfadfinderschaft DPSG
- Presseagentur epd
- Reporter vor Ort
Sendung: WDR.de, Katholische Pfadfinder aus Mönchengladbach stellen Gewaltstudie vor, 05.02.2026, 05:58 Uhr
Sendung: WDR.de, Prozess um schwere Silvester-Gewalt in Dorsten beginnt, 05.02.2026, 13.00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 05.02.2026, 12.45 Uhr
