Wegen eines Helms mit Bildern getöteter Sportler darf der ukrainische Skeleton-Pilot Heraskewytsch nicht bei den Olympischen Spielen starten. In seiner Heimat regt sich Widerstand – in der Bevölkerung und bei den Streitkräften.
Iryna Prots hält ihre Bilder in die Kamera. Normalerweise zeichnet die Künstlerin Naturlandschaften. Doch eines ihrer Werke ist nun zum Zentrum eines olympischen Skandals geworden. Der Helm des ukrainischen Skeleton-Fahrers Wladislaw Heraskewytsch. Den Sportler kennt Iryna Prots schon seit Kindertagen.
In der Ukraine gebe es mehr als hundert Sportler, die durch Krieg, durch russische Kugeln getötet wurden, beklagt Prots. “Ich denke, dass wir die Welt daran erinnern müssen. Denn die Welt wird von Tag zu Tag apathischer.”
Mit dem grauen Helm unter den Arm geklemmt war der 27-Jahre alte Heraskewytsch bereits in den vergangenen Tagen vor die Presse getreten. Vornehmlich ging es um die Frage, ob die Bilder von von Russland getöteten Athleten eine politische Botschaft darstellen.
Kritik an wachsendem russischen Einfluss
Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer aber geht es um mehr. Sie kritisieren die langsame Rückkehr russischer Sportler in die internationale Sportwelt. So wie bereits im Januar der ukrainische Minister für Sport und Jugend Matwij Bidnyj. Die Russen hätten über lange Zeit sehr bewusst daran gearbeitet, ihren Einfluss in internationalen Sportorganisationen auszubauen.
“Die Zahl ihrer Vertreter in Vorständen, Exekutivkomitees und internationalen Sportverbänden ist leider deutlich größer als die Präsenz von Ukrainern”, kritisierte Bidnyj. Das mache sich bemerkbar. “Ein Beispiel ist der Internationale Judo-Verband, der kürzlich eine kontroverse Entscheidung getroffen hat, russische und belarussische Athleten wieder unter ihren eigenen Flaggen zuzulassen.”
Sportfunktionär in Sowjetunion-Pullover
Bei den Olympischen Spielen treten russische Sportlerinnen und Sportler unter neutraler Flagge an. Skeletonfahrer Heraskewytsch aber spricht von Heuchelei und fühlt sich ungerecht behandelt.
“Wir haben hier gestern Arkadi Dworkowitsch – den Präsident des Weltschachverbands Fide – in einem Sowjetunion-Pullover gesehen. Das ist eine Schande. Wenn wir über Frieden und olympische Werte sprechen, dann sollten wir auch darüber sprechen. Das sollte nicht passieren.”
Seit der ukrainischen Unabhängigkeit Anfang der 90er Jahre findet im Land ein mühsamer Aufarbeitungsprozess der sowjetischen Diktatur statt. Die Ukraine versucht sich seither von russischer Einflussnahme zu befreien.
“Erinnerung ist kein Regelbruch”
Das bereits Jahrzehnte andauernde Ringen um Unabhängigkeit verteidigt die ukrainische Armee seit 2014 auch militärisch. Entsprechend groß ist die Solidarität mit dem Sportler – auch in den Reihen der ukrainischen Armee. “Erinnerung ist kein Regelbruch” steht auf weißen Zetteln, mit dem sich viele Soldaten in diesen Tagen fotografieren lassen. Die Bilder posten sie anschließend im Internet.
Künstlerin Iryna Prots empfindet die Olympischen Spiele und den sogenannten Olympischen Frieden angesichts der andauernden russischen Angriffe als surreal. “Sie wollen die Wahrheit nicht sehen. Ganz einfach: Die Welt will nicht sehen, was hier passiert.” Das merke sie jedes Mal, wenn sie ins Ausland reist. “Ich spreche mit einfachen Menschen, mit gebildeten Menschen – und sie können nicht verstehen, warum wir nicht kapituliert haben, warum wir uns nicht ergeben.”
Auch nach seiner Disqualifikation ist sich Skeletonfahrer Wladyslaw Heraskewytsch keiner Schuld bewusst. Seine getöteten Sportkameraden – betont er – hätten es verdient, dass an sie erinnert werde.

