Streit mit Netflix: Synchronsprecher protestieren gegen KI-Klausel

Streit mit Netflix: Synchronsprecher protestieren gegen KI-Klausel

Blick in ein Synchronstudio.

Stand: 08.02.2026 11:10 Uhr

In der Filmbranche ist ein Grundsatzstreit über das Recht an der eigenen Stimme entbrannt. Viele deutsche Synchronsprecher arbeiten deswegen momentan nicht mit Netflix zusammen. Die Auswirkungen sind schon hörbar.

Von Johanna Sagmeister, rbb

Die neueste Ankündigung zur Fortsetzung der Netflix-Erfolgsserie “Stranger Things” sorgt auf YouTube für viele Diskussionen. Dabei geht es weniger um den Inhalt, sondern fast ausschließlich um das Fehlen der bekannten deutschen Synchronstimmen. “Hopper ohne Peter Flechtner? Das geht gar nicht”, heißt es etwa in einem Kommentar.

Die Rolle von Jim Hopper wurde bisher von dem beliebten Berliner Sprecher Peter Flechtner synchronisiert, der allein auf Instagram 100.00 Follower hat. Er fehlt, weil er einen neuen Vertrag mit Netflix nicht unterschreiben möchte. Und damit ist er nicht allein: 80 Prozent der Synchronsprecher, die sonst für Netflix arbeiten würden, seien gerade nicht im Studio, schätzt Anna-Sophia Lumpe vom Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS).

Peter Flechtner war unter anderem schon die deutsche Stimme von Ralph Fiennes und Ben Allfleck.

KI-Klausel für Trainingszwecke

Der Grund ist eine neue KI-Klausel. Mit ihr verlangt Netflix, dass Stimmaufnahmen zu Trainingszwecken in KI-Systeme eingespeist werden dürfen. Für die Synchronsprecher wirft das viele Fragen auf, die in dem Vertrag aber nicht geregelt sind. Ihr Fehlen bleibt inzwischen nicht mehr unbemerkt.

“Es gibt eine Riesen-Fanbase, und die ist jetzt aufgewacht”, sagt Patrick Winczewski. Der Berliner Synchronsprecher ist die Stimme von Hollywood-Stars wie Hugh Grant und Tom Cruise. Die Bedeutung deutscher Synchronisationen für das Publikum würde oft unterschätzt, sagt er. Gerade im Fall von “Stranger Things” werde sichtbar, “was für ein Aufruhr droht”.

Sprecher wollen keinen “Knebelvertrag”

Auch er hat bereits Projekte mit Netflix abgesagt. “Man könnte es polarisierend einen Knebelvertrag nennen”, sagt Winczewski, “denn wir haben keine Entscheidungsfreiheit.” Mit der momentanen KI-Klausel fühle er sich seines “Instruments beraubt”. Die Stimme ist für Synchronsprecher nicht nur ihr wichtigstes, sondern auch sehr persönliches Arbeitsmittel.

Patrick Winczewski hat unter anderem Rollen von Hugh Grant oder Tom Cruise synchronisiert.

Winczewski und viele andere Synchronsprecher befürchten durch die KI-Klausel einen Kontrollverlust. “Meine Stimme landet in der Trainings-Software und wird verfremdet. Sie verschwindet gewissermaßen im Bauch dieser KI. Und ich stehe mit leeren Händen da.” Er betont, dass es ihm nicht um eine grundsätzliche Ablehnung von KI gehe, sondern um Kontrolle und Mitsprache. Heißt: Die Synchronsprecher wollen selbst entscheiden, ob ihre Stimme für KI-Trainingszwecke freigegeben wird und wenn ja, dann möchten sie für die Nutzung auch bezahlt werden.

Streit über den Wert der Stimme

Momentan wird Synchronsprechern eine Vergütung in Aussicht gestellt, wenn ihre KI-generierte Stimme tatsächlich eingesetzt wird. So hatte es vergangenes Jahr die Schauspielgewerkschaft BFFS mit Netflix verhandelt. Vielen Synchronsprechern, die sich vor allem vom Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS) vertreten fühlen, geht das nicht weit genug. Sie argumentieren, dass schon allein die Verfügungstellung der Stimme dem Unternehmen einen Mehrwert bringe.

“Wir akzeptieren nicht, dass unsere Arbeit, unser Arbeitsmittel, von Privatkonzernen genutzt wird, ohne dass wir daran finanziell beteiligt sind”, sagt Anna-Sophia Lumpe vom VDS. Der Verband fordert einen Lizenzmarkt für KI-Training: Vergütung für die Nutzung der Stimme und das Recht, sie explizit zu verweigern, ohne berufliche Nachteile.

Netflix will an Zusammenarbeit festhalten

Ein Netflix-Sprecher teilt auf Anfrage mit, die “Diskussionen und Reaktionen werden selbstverständlich ernst genommen”. Er betont, dass bisher noch kein Titel ohne deutsche Synchronisation veröffentlicht wurde und man gehe “nicht davon aus, dass sich dies in naher Zukunft ändern wird”. Gleichzeitig hat Netflix laut einem Bericht von DWDL.de in einem Schreiben an Synchronsprecher davor gewarnt, bei anhaltendem Boykott auf deutsche Untertitel zurückgreifen zu müssen.

“Der Druck ist enorm”, sagt Synchronsprecher Patrick Winczewski über die Auseinandersetzung mit dem Streaming-Riesen. “Ich habe zwei Kinder, für die ich sorgen muss, und Sie können sich vorstellen, dass das keine leichte Entscheidung ist, die Projekte abzusagen.” In der Branche sprechen viele von einem Kampf “David gegen Goliath”.

Präzedenzfall für die ganze Branche

Netflix betont in seiner Stellungnahme, wie wichtig die Synchronsprecher für das Unternehmen seien, betont ihre “zentrale Bedeutung” und verweist auf gezielte Investitionen in die deutsche Synchronbranche. Das sieht auch der Berliner Synchronsprecher Patrick Winczewski so. “Netflix ist ein innovativer Faktor für die Film- und Fernsehkunst, gerade für den deutschen Markt an, aber es gibt Grenzen”, sagt er.

Von einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe spricht auch der Berufsverband VDS. Gleichzeitig sieht man Netflix als Präzedenzfall für die ganze Branche. “Wenn wir diesen Vertrag jetzt ohne Kritik akzeptieren, dann werden andere Streamer oder Verwerter folgen und das genauso übernehmen”, sagt VDS-Sprecherin Anna-Sophia Lumpe. Sie befürchtet, dass eine stille Akzeptanz der Klausel einen Branchen-Standard setzen würde.

Für viele wirft die Auseinandersetzung die grundsätzliche Frage auf, wie Arbeitsrechte, Persönlichkeitsrechte und Vergütungsmodelle im KI-Zeitalter neu austariert werden müssen – insbesondere in Berufen, in denen die Stimme das zentrale Kapital ist. In den kommenden Wochen soll es Gespräche zwischen Netflix und VDS geben. Fortsetzung folgt.

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