Die Messenger-App Telegram steht in Russland schon seit langem unter staatlicher Beobachtung. Versuche, sie zu sperren, scheiterten. Doch nun kommen Nachrichten immer langsamer durch.
Vor acht Jahren ging die Sache noch schief: Russlands Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor versuchte 2018, Telegram in Russland zu sperren, weil der Messengerdienst dem Inlandsgeheimdienst FSB nicht den geforderten Zugriff auf verschlüsselte Chats geben wollte.
Statt Telegram wurden damals erstaunlich viele andere Websites und Dienste geblockt: Staatliche Stellen, Online-Händler, Medienseiten. Der Blamage folgte der Rückzug, das Telegram-Verbot wurde aufgehoben. Inzwischen deutlich aufgerüstet hat sich Roskomnadsor am Dienstag erneut Telegram vorgenommen.
Datenübertragung nur noch stark verzögert
Texte, Bilder, Videos kommen gar nicht mehr oder nur stark verzögert an. Telegram sei verpflichtet, Userdaten nur in Russland zu speichern und habe gegen die Nutzung des Dienstes zu kriminellen und terroristischen Zwecken vorzugehen, hieß es. Beides sei nicht passiert, darum die schrittweise Drosselung.
Eine Katastrophe sei das, sagten Moskauer in einer Straßenumfrage der Nachrichtenagentur Reuters. “Zuerst funktionierten die Anrufe nicht mehr. Das ist sehr schlecht, weil all meine Freunde und meine Familie Telegram nutzen”, berichtet eine Frau. “Ich weiß nicht, wie ich mit ihnen kommunizieren werde, ich will zu keiner anderen Plattform wechseln.”
Ein Mann gibt zu bedenken: “Für Unternehmen sind Kontakte zu ihren Kunden sehr wichtig. Wir sind hier nicht Amerika. Bei uns liest niemand E-Mails. Für uns schaffen soziale Medien Kundennähe. Wird einem das genommen, wird es natürlich schwieriger.”
Und ein weiterer Mann sagt: “Ich habe viele Freunde im Ausland, und jetzt gibt es kaum noch Möglichkeiten, mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Ich habe den Kontakt praktisch verloren. Wenn Freunde sterben, erfährt man es nicht einmal.”
Whatsapp, Facebook und Instagram nur über Umwege nutzbar
Das Problem mit Alternativen zu Telegram: Es gibt sie in Russland nicht mehr. Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine geht Russlands Führung unerbittlich gegen Andersdenkende vor, da stören freie, unkontrollierbare Gesprächsräume. Whatsapp, Instagram oder Facebook – alles offiziell nicht mehr erreichbar. Es klappt nur über den Umweg eines VPN-Tunnels, doch für solche Schleichwege aus dem russischen Internet darf inzwischen unter Strafe keine Werbung mehr gemacht werden.
Wenn in Umfragen etwa die Hälfte der Bevölkerung angibt, Telegram zu nutzen, erklärt sich der Unmut gegen die aktuelle Drosselung von selbst. Da musste Präsidentensprecher Peskow ran, auch er Telegram-Nutzer. “Gibt es ein Gesetz, muss das befolgt werden”, sagte er. “Roskomnadsor hat sicherzustellen, dass Unternehmen in diesem Bereich die Gesetzgebung einhalten. Man kann die Entwicklung nur bedauern, es gibt hier nichts Gutes. Aber Gesetze müssen eingehalten werden.”
Staatlich kontrollierte App als Alternative
Und, so Peskow, es gebe Kontakte zu Telegram. Allerdings erklärte der in Russland geborene und im Ausland lebende Telegram-Gründer Pawel Durow, Russland schränke “den Zugang zu Telegram ein, um seine Bürger zum Wechsel zu einer staatlich kontrollierten App zu zwingen, die für Überwachung und politische Zensur entwickelt wurde”.
Max heißt diese vom russischen Staat entwickelte Alternative zu ausländischen Plattformen, die heftig beworben wird und seine Nutzer zu gläsernen Bürgern machen dürfte – Widerstand wohl weitgehend zwecklos.

