Spionageprozess gegen Egisto Ott: In Diensten Russlands?

Spionageprozess gegen Egisto Ott: In Diensten Russlands?

Egisto Ott

Stand: 22.01.2026 07:02 Uhr

Heute beginnt in Österreich der Prozess gegen den Ex-Nachrichtendienstler Egisto Ott – ein Mammutverfahren. Es geht um Spionage für Russland – und um Verbindungen zum früheren Wirecard-Manager Marsalek.

Ausgerechnet in der österreichischen Hauptstadt Wien, die seit Jahrzehnten als Spionagehochburg gilt, beginnt das aufsehenerregende Verfahren. 172 Seiten lang ist die Anklageschrift. Darin wirft die Staatsanwaltschaft Ott geheime nachrichtendienstliche Tätigkeiten, Amtsmissbrauch und Verletzung des Amtsgeheimnisses vor, zum Nachteil Österreichs und zu Gunsten Russlands.

Ott soll danach unter anderem in Behördendatenbanken nach Personen gesucht haben, die später in den Fokus von Geheimdiensten gerieten. Der mutmaßliche Mann dahinter: Jan Marsalek.

Der Ex-Wirecard-Vorstand hatte sich am 19. Juni 2020 parallel zum Kollaps des Zahlungsdienstleisters zunächst nach Minsk abgesetzt. Inzwischen soll er sich in Russland aufhalten, wo er für den Inlandsgeheimdienst FSB arbeiten soll. Marsalek wird wegen seiner Verwicklung in den Wirecard-Skandal mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass Marsalek nach Erkenntnissen der britischen Behörden einen aus sechs bulgarischen Staatbürgern bestehenden Spionage-Ring angeleitet hatte, der ebenfalls für Russland tätig war. Ein Londoner Gericht verurteilte die Bulgaren 2025 zu Haftstrafen zwischen fünf und zehn Jahren.

Österreichische Journalistin im Fokus des Marsalek-Spionagerings

Chat-Protokolle aus dem Londoner Verfahren hatten auch gezeigt, dass der Spionagering unter anderem die Journalistin und Chefredakteurin des investigativen österreichischen Nachrichtenmagazins profil, Anna Thalhammer, in den Fokus genommen hatte. Demzufolge sei Thalhammer bespitzelt und von angeheuerten Agenten bis zu ihrer Privatwohnung verfolgt worden. Die Journalistin recherchiert seit Jahren zu russischer Spionage in Österreich und zum Fall Egisto Ott.

Durch den nun anlaufenden Spionageprozess erhofft sich Thalhammer einen tieferen Einblick in das Netzwerk rund um Marsalek und den österreichischen Ex-Verfassungsschützer Ott. Dass die Causa nach acht Jahren nun vor einem Gericht verhandelt wird, habe für Österreich eine historische Bedeutung, aber auch für ganz Europa, denn Russland nutze Spionage als Teil seiner hybriden Kriegsführung, so Thalhammer.

Ott bestreitet die Vorwürfe

Ott, der Jahrzehnte lang im Sicherheitsapparat gearbeitet hat, sei offiziell nicht für Russland zuständig gewesen, so die Journalistin weiter. So steht es auch in der Anklage.

Ott hat in der Vergangenheit sämtliche gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestritten. Es gilt die Unschuldsvermutung. Auf eine schriftliche Anfrage des BR antwortet sein Anwalt, vor der gerichtlichen Einvernahme vorerst nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung zu stehen.

Spionagering schmiedet Mordkomplott gegen Journalisten

Ebenfalls im Fokus des Spionagerings stand der bulgarische Investigativ-Journalist Christo Grozev. Grozev gilt wegen seiner jahrelangen Recherchen zu Geheimdienstoperationen in Russland als Staatsfeind. Über Monate soll Grozev von Marsaleks Spionagering massiv bespitzelt worden sein.

Danach habe Marsalek mit dem Anführer des Rings unter anderem in Chatnachrichten darüber diskutiert, Grozev zu kidnappen oder zu töten. Zudem sollen sich einzelne Mitglieder gegenüber der einstigen Wohnung von Grozev in Wien eingemietet haben, um ihn zu bespitzeln.

Im Interview mit der ARD beschreibt Grozev, wie seine Verfolger in seine Wohnung eingebrochen seien; während sein Sohn zu Hause war. Und Grozev berichtet, überwacht und verfolgt worden zu sein:

Sie observierten die Wohnung meiner Eltern außerhalb von Wien. Sie hatten wirklich beängstigende Pläne: Sie wollten Schlafgas in meine Wohnung leiten, um meine Familie zu betäuben und so alle Beweise und Unterlagen zu finden, die mit meinen Ermittlungen in Zusammenhang stehen könnten.

Die österreichischen Behörden hätten schließlich nicht mehr für seine Sicherheit garantieren können. Deshalb sah sich Grozev gezwungen, Wien den Rücken zu kehren und in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

Datenzugriff von Ott wirft Fragen auf

Was die Staatsanwaltschaft verdächtig findet: Die Adressdaten von Grozev waren zuvor von Egisto Ott abgerufen worden. Ott verweist darauf, dass er die Daten auf Bitte seines Vorgesetzten abgerufen habe und dies nicht illegal gewesen sei.

Von dem jetzt beginnenden Prozess erwartet Grozev, “dass die österreichische Justiz endlich die Gefahr erkennt, die von jemandem wie Egisto [Ott] ausgeht, dass er eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt”.

Handy-Transport nach Moskau?

Ein weiterer in der Anklage erhobener Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet: Ott soll die Diensthandys eines ehemaligen Kabinettschefs im Innenministerium und zweier früherer Kabinettsmitarbeiter an Marsaleks Agenten übergeben haben, um sie nach Moskau zu bringen.

Und schließlich soll Ott im November 2022 für einen speziell gesicherten SINA-Laptop 20.000 Euro kassiert haben. Dieser sei im Auftrag von Jan Marsalek in die Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB nach Moskau transportiert worden.

Der Anklage zufolge soll Ott für den russischen Nachrichtendienst außerdem eine Fehleranalyse über den sogenannten Berliner Tiergartenmord erstellt haben. Er habe Schwachstellen aufgezeigt und eine Handlungsanleitung verfasst, wie Auftragsmorde durch den russischen Nachrichtendienst innerhalb der EU künftig reibungslos erledigt werden könnten.

Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung. Ott, der im Zuge der Ermittlungen bereits zwei Mal für mehrere Wochen und einige Monate in Untersuchungshaft gesessen hat, gab sich zuletzt selbstsicher. Gegenüber der österreichischen Presseagentur zeigte er sich überzeugt, vor Gericht seine Unschuld beweisen zu können.

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