Im Kampf gegen hybride Angriffe vor allem aus Russland setzt Polen auf eine neue Cyber-Truppe. Sie richtet sich vor allem an Freiwillige, die mit ihrem Spezialwissen Polen schützen wollen, ohne Soldat zu werden.
Die polnische Armee will den Kampf um die Sicherheit im Internet noch deutlich ernster nehmen als bisher. Schon vor fast vier Jahren hat die Armee dafür eine eigene Einheit gegründet, die sogenannten “Streitkräfte zur Verteidigung des Cyperspace”. Diese ist seitdem stark angewachsen.
Nun soll diese Einheit noch einmal deutlich verstärkt werden – durch die Zusammenarbeit mit Zivilisten. “Cyberlegion” heißt das Projekt, das Verteidigungsminister Wlodzimierz Kosiniak-Kamysz in der vergangenen Woche ins Leben rief.
Vor den ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmern betonte er, dass dafür ein Eintritt in die Armee nicht notwendig ist, auch nicht in die Reserve. “Die Cyberlegion ist eine Einladung zur Zusammenarbeit an die hervorragendsten Spezialisten im Bereich IT, aber auch im Bereich Künstlicher Intelligenz”, erklärte Kosniak-Kamysz.
Auch eine Kostenfrage
Die Cyberlegion soll also Zivilisten an die Armee heranführen, aber auch Geld sparen. Ein fest angestellter Mitarbeiter im Bereich Internet-Sicherheit koste die Armee umgerechnet rund 120.000 Euro pro Jahr, erklärte Kosniak-Kamysz. Die Teilnahme an der Cyberlegion ist dagegen ehrenamtlich.
Nach Darstellung des Ministers sei die polnische Armee im Bereich Gefahrenabwehr im Internet mit am besten aufgestellt innerhalb der NATO. Ein Beleg dafür ist die jährliche Übung “Locked Shields”, organisiert vom NATO-Zentrum “NATO Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence”.
Die polnischen Spezialisten kamen im vergangenen Jahr auf Platz eins, in einem Team mit finnischen Kolleginnen und Kollegen. In diesem Jahr belegten sie mit einem polnisch-französischen Team Platz zwei.
Julianna Steindl, eine Studentin der Kriminalistik, hat schon an einer Konferenz der Cyberlegion teilgenommen und will unbedingt mitmachen. Einer ihrer Dozenten an der Universität Warschau habe ihr die Teilnahme an dem Projekt empfohlen, sagt die 23-Jährige.
Bei ihr geht das Kalkül auf, Zivilisten an die Armee heranzuführen, die sonst kaum daran gedacht hätten. “Ich begeistere mich weniger für die Armee als vielmehr für Informatik und Cybersicherheit”, sagt sie. Das gelte besonders für neue Technologien, die von zwei Seiten benutzt werden können – zum Schutz vor Verbrechen und von Verbrechern selbst.
Schnelle Mobilisierung im Notfall
Insgesamt hätten sich schon weit über 2.000 Interessierte gemeldet und würden nun nach und nach überprüft, erklärt der Leiter der neu gegründeten Cyberlegion, Jaroslaw Wacko, gegenüber der ARD. Seiner Ansicht nach wird sie sehr wichtig für die polnische Sicherheit: “Wir werden diese Leute bei der Hand haben, überprüft und geschult. So können wir sie in jeder Notsituation einsetzen”, sagt er.
Das gelte zum Beispiel, wenn die Server eines Krankenhauses angegriffen würden. Dann könnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sofort zur Unterstützung gerufen werden. Besonders wertvoll würden sie durch ihre spezielle Expertise. “Das IT-System eines Krankenhauses unterscheidet sich stark von militärischen IT-Systemen. Dann brauchen wir Spezialisten aus diesem Bereich”, sagt Wacko.
Viele Angriffe – wegen der Ukrainehilfe
Auch Lukasz Jedrzejczak hat sich für die Cyberlegion gemeldet. Er arbeitet als IT-Spezialist in einer internationalen Consultingfirma. Ihm gehe es darum, sein Land sicherer zu machen, sagt er. Polen werde so oft angegriffen wie kaum ein anderes Land, das zeigten Statistiken von Firmen, so Jedrzejczak.
“Das kommt daher, dass Polen Umschlagplatz für die internationale Hilfe für die Ukraine und ihren Kampf ist”, so der IT-Spezialist. Denn praktisch alle Lieferketten der Hilfe für die Ukraine gingen durch Polen. Daran seien große und kleine Firmen beteiligt, private und staatliche Unternehmen. Sie seien den Angriffen von Hackern ausgesetzt, die den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstützen.

