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Wie die Epstein-Files zeigen, wollte der Finanzier und Sexualstraftäter 2009 die deutsche Privatbank Sal. Oppenheim kaufen. Sein Ziel: Eine eigene Bank in Europa, um Geschäfte abseits der von ihm verhassten US-Behörden zu führen.
Wie sehr Jeffrey Epstein die US-Behörden verachtete, wird in einer Email aus dem August 2009 deutlich: Niemand bei klarem Verstand würde es wollen, dass eine US-Bank sich in die intimsten Details der eigenen Geschäfte einmischen kann, schrieb er damals.
No one in their right mind wants a U.S bank as part of their inner workings allowing to us govt in your underwear
Die Mail ist Teil einer Konversation, in der Epstein gemeinsam mit damals hochrangigen Mitarbeitern der großen US-Bank JP Morgan die Übernahme der Kölner Bank Sal. Oppenheim auf den Weg bringen wollte. Die dann neue Bank sollte Kunden die Möglichkeit geben, im US-Bankenmarkt die höchste Privatsphäre zu genießen.
Wie eine “chinesische Mauer” sollten Kunden vor der strengen US-Finanzaufsicht abgeschirmt sein, schrieb Epstein in einer weiteren Mail. Dafür war er offenbar bereit, eine halbe Milliarde Dollar zu zahlen. Den Unterlagen zufolge schwebte ihm damals vor, die eigene Bank in Luxemburg anzusiedeln, wo Sal. Oppenheim bereits einen Sitz hatte.
2009 größte Privatbank Europas
Welch große Bedeutung Banken für Epsteins Missbrauchs-Geschäftsmodell gespielt haben, ist mittlerweile öffentlich bekannt. Epstein selbst war lange Kunde bei JP Morgan und später bei der Deutschen Bank. Das Geldhaus musste in der Vergangenheit mehr als 100 Millionen US-Dollar zahlen, weil die US-Behörden nachweisen konnten, dass sie ihre Sorgfaltspflichten verletzt hatte. JP Morgan zahlte ebenfalls Hunderte Millionen US-Dollar als Vergleichszahlungen an die Opfer Epsteins.
Die Bankhäuser bezeichnen es inzwischen als Fehler, Epstein als Kunden betreut zu haben. Unmittelbar nach Epsteins Verhaftung im Jahr 2019 habe die Deutsche Bank in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden die Verbindung aufgearbeitet. Wenige Wochen nach seiner Verhaftung wurde Jeffrey Epstein tot in seiner Zelle aufgefunden. Laut Obduktionsbericht beging er Suizid.
Sal. Oppenheim war 2009 die größte Privatbank Europas und stand während der Finanzkrise mit dem Rücken zur Wand. Eine ganze Reihe von Käufern interessierten sich damals für das Kölner Finanzinstitut. Mit einem hatte in Deutschland damals jedoch wohl niemand gerechnet: Dass ausgerechnet der zu dem Zeitpunkt bereits verurteilte Sexualstraftäter und US-Investor Epstein versuchen würde, Sal. Oppenheim zu kaufen.
Epstein buhlte um Eigentümerfamilien
Emails aus den sogenannten “Epstein Files” – Millionen von Unterlagen, die das US-Justizministerium in den vergangenen Wochen und Monaten veröffentlicht hat -, zeigen genau das: Epstein wollte offenbar nicht mehr nur Kunde von Banken sein, er wollte eine eigene haben. Im August und September 2009 startete er daher eine Initiative, die Kölner Privatbank zu übernehmen. Eingefädelt werden sollte das Geschäft mit den Eigentümerfamilien offenbar über seine engen Kontakte zu hochrangigen Bankern bei JP Morgan, sowohl in den USA als auch in Deutschland.
Zentrale Figur bei den Verhandlungen ist ausweislich der Dokumente offenbar Jes Staley. Staley war damals der mächtige Chef des Asset Managements von JP Morgan und ein enger Vertrauter Epsteins. Offiziell will sich JP Morgan auf Anfrage nicht äußern. Aus Konzernkreisen heißt es, die Epstein-Vertrauten und damaligen Führungskräfte hätten nicht im Auftrag von JP Morgan gehandelt. Staleys Anwälte ließen die Anfrage unbeantwortet.
Offenbar wenig Gegenliebe
Allerdings stieß die Initiative Epsteins auf wenig Gegenliebe bei den Eigentümerfamilien, auch das zeigen die Unterlagen. Bereits am 7. August 2009 schickte ein Vertreter von Sal. Oppenheim eine Email an einen Bekannten Epsteins: Man sei bereits in fortgeschrittenen Gesprächen, die Offerte hätte nur eine Chance von unter 20 Prozent. Die angesprochenen Gespräche führte Sal. Oppenheimer mit der Deutschen Bank – sehr zum Missfallen Epsteins.
Am 9. August 2009 schrieb dieser dem Bekannten über die Sal. Oppenheim-Eigentümer: “Diese Idioten” hätten eine Exklusivvereinbarung mit der Deutschen Bank unterschrieben, er wolle sie dazu bewegen, trotzdem mit Staley zu sprechen.
The idiots signed a tight exclusivity agreement for negotiations with DB. So they are scared but I will try to convince them to speak to staley off the record
Christopher von Oppenheim, einer der ehemaligen Eigentümer, will die Fragen nicht kommentieren und ließ mitteilen, er wisse nichts von etwaigen Absichten von Epstein, die Bank Sal. Oppenheim zu kaufen. Die Deutsche Bank wollte sich zu den Vorgängen nicht äußern.
“Wie sollen wir mich beschreiben?”
Epsteins Absichten schienen damals jedoch offenbar sehr konkret zu sein – zu lukrativ war offenbar die Chance für ihn, die verhassten US-Behörden umgehen zu können. Den Dokumenten zufolge formalisierte die Gruppe von Bankern und Geschäftsleuten rund um Epstein ein Kaufangebot, in dem sie sich manchmal als “Financial Trust”, manchmal als “discrete US private equity group with strong capital base” bezeichneten – also als “diskrete amerikanische Private Equity Gruppe mit starker Kapitalbasis”.
Eine große Frage blieb jedoch für Epstein ungelöst: In einer Email, in der er mit seinen Vertrauten das Angebot besprach, schrieb der Sexualstraftäter mit drei Fragezeichen: “Wie sollen wir mich beschreiben?” Vertraute verwiesen darauf, dass mehr über ihn in der Presse stehen könnte, als ihm lieb sein dürfte. Offenbar war Epstein bewusst, dass seine zu dem Zeitpunkt bereits sehr angekratzte Reputation ein Hindernis sein würde. Er war gerade frisch aus der Haft entlassen, die er wegen Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger absitzen musste.
Pläne für namhafte Berater
Die Dokumente zeigen, dass er sich offenbar als echten Käufer zu verschleiern versuchte. Immer wieder schickte er seinen damaligen guten Kontakt Staley vor, der die Familien überzeugen sollte. Um die neue Bank respektabler aussehen zu lassen, wollte er namhafte Berater anheuern – darunter sogar Tony Blair, den ehemaligen britischen Premierminister, der 2007 aus dem Amt ausgeschieden war.
Tony Blair ließ mitteilen: “Mr Blair has never heard of the bank and has never discussed it with anyone” – Blair hätte nie von der Bank gehört und keine Gespräche geführt.
Epsteins Versuche scheiterten schließlich. Im Oktober verkündete die Deutsche Bank die Übernahme von Sal. Oppenheim für 1,3 Milliarden Euro.
