Mehrere Stunden am Tag verbringen Kinder und Jugendliche am Handy – und sind dort Belästigung, Mobbing und Fakes ausgesetzt. Was muss passieren? Eine Expertenkommission der Regierung sucht nach Antworten.
Die EU-Kommission vermutet, dass die Plattform TikTok mit intransparenten Algorithmen willentlich auf die Sucht nach dem nächsten Video setzt. In Gaming-Netzwerken gehen Extremisten auf Seelenfang. Und auf X generiert das KI-Programm Grok Nacktbilder und Pornos von realen Personen – die Schlagzeilen der vergangenen Monate legen den Schluss nahe: Das Internet ist gefährlich, insbesondere für junge Menschen.
Markus Beckedahl ist Digitalexperte und netzpolitischer Aktivist. Er beobachtet mit Sorge, womit Kinder – aber auch Erwachsene – im Netz konfrontiert werden. Er ist überzeugt: Das Internet ist in vielen Fällen kein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche.
Ruhen sich Regierungen auf Verboten aus?
Schützen und stärken – es ist dieser Spagat, an dem sich Regierungen weltweit im digitalen Raum versuchen. International wird derzeit vor allem über Verbote und Altersverifikationen für soziale Medien diskutiert: Australien ist vorangegangen, hat Social-Media-Plattformen, wie zum Beispiel TikTok, für unter 16-Jährige verboten. Europäische Länder wie Frankreich, Österreich und Spanien wollen ähnliche Schritte gehen.
Und Deutschland? Eindeutig scheinen sich die Regierungsparteien von Union und SPD noch nicht positioniert zu haben, das wird in Gesprächen mit Abgeordneten deutlich. Dazu kommt: Gerade arbeitet eine von der schwarz-roten Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission an Empfehlungen zum Kinder- und Jugendschutz im digitalen Raum.
Einer der Vorsitzenden ist Olaf Köller, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Im Interview mit tagesschau.de nimmt er die öffentliche Debatte rund um soziale Medien und der digitalen Welt “auf Talkshow-Niveau” wahr.
“Schützen ist gar nicht so teuer”
Die Kommission, zu der Köller gehört, besteht aus 18 Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen: Juristen, Medienpädagogen, Psychologen und Ärzte. Im Sommer wollen sie ihre Empfehlungen an die Politik übergeben – die Richtung: “Sowohl zum Schutz, aber auch zur Ertüchtigung von Kindern und Jugendlichen”, so Köller. Ein Schwerpunkt der Kommission sei schon jetzt klar: “Es wird bestimmt Empfehlungen geben zur Altersbegrenzung von Social Media”, sagt Köller. Konkreter wird er nicht, er will der Arbeit der Kommission nicht vorgreifen.
Es gehe nicht nur um Verbote, sondern vor allem um die Frage: “Wie stellt man sicher, dass sie eingehalten werden?” Technisch sei vieles längst möglich, “Alterslügen” ließen sich oft erkennen, “kein technischer Hexenzauber” sei das, so Köller. Auch die Kosten seien überschaubar. “Schützen ist gar nicht so teuer.” Was jedoch oft fehle, sei vor allem die konsequente Umsetzung.
Plattformen auch für Erwachsene gefährlich
Eine konsequente Umsetzung wünscht sich auch Torben Klausa vom Think Tank “Agora Digitale Transformation”, der auch die Regierung berät. Für ihn hört das Problem allerdings nicht bei Kindern und Jugendlichen auf: “Die Altersgrenze ändert nichts an den Gefahren von Social Media”, sagt Klausa. Wesentlich konsequenter wäre es, die Plattformen zu verpflichten, weder Kinder noch Erwachsene zu gefährden.
Klausa stört vor allem eins: “Wir tun immer so, als müssten wir Social Media verbieten, ansonsten gäbe es keine Alternativen.” Das sei aber Propaganda der Plattformen. “Die Betreiber können was machen, wollen aber nichts machen.”
Mehr als Regulierung: Kinder stärken und digital fit machen
Trotz aller Risiken warnt Köller von der Expertenkommission vor einem einseitigen Blick: Gerade soziale Medien seien für viele Jugendliche auch Identifikations- und Vernetzungsraum, Teil ihrer digitalen Lebenswirklichkeit. Geplant sind in den kommenden Wochen Anhörungen, bei denen Kinder und Jugendliche selbst zu Wort kommen sollen. Denn es geht vor allem darum, wie man sie stärken kann.
Ein zentraler Ort dafür ist aus Sicht der Kommission die Schule: Medienkompetenz, der Umgang mit Algorithmen, Künstlicher Intelligenz – all das könne Aufgabe vieler Fächer sein, nicht nur des Informatikunterrichts, so Köller. Österreich beispielsweise plant ein neues KI-Schulfach, dafür soll der Lateinunterricht gekürzt werden. Das ist für die Kommission derzeit nicht vorstellbar: “So weit werden wir vermutlich nicht vorpreschen.”
Rückkehr zu Kompetenzen wie Textverständnis
Auch Lehrerpräsident Stefan Düll warnt im Gespräch mit tagesschau.de davor, bestimmte Lerninhalte vorschnell zu streichen, “denn übermorgen haben wir wieder was Neues und dann müssen wir dem Streichen weitermachen. Und irgendwann haben wir nichts mehr von dem, was uns eigentlich bislang stark gemacht hat.” Gerade in Zeiten von KI und Chatbots seien grundlegende Kompetenzen umso wichtiger, so Düll: Texte verstehen, Inhalte bewerten, kritisch prüfen.
Letztlich sind sich alle Befragten einig: Kinder und Jugendliche im digitalen Raum stärken und schützen – das gelinge nur gemeinsam als Gesellschaft. Eltern seien dabei gleichermaßen gefragt wie Schule und Politik.
Deepfakes: Gesetze gegen die neue digitale Gewalt
Schon jetzt will parallel dazu die Bundesregierung handeln. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig arbeitet an gesetzlichen Nachschärfungen: “Was im analogen Raum verboten ist, muss auch im digitalen Raum verboten sein”, sagt die SPD-Politikerin im tagesschau.de-Interview. Im Fokus stehen dabei pornografische Deepfakes. Dabei werden mithilfe von Künstlicher Intelligenz real existierende Gesichter und Körper täuschend echt in pornografische Fotos oder Videos montiert: “Betroffene davon sind sehr, sehr häufig Frauen”, so Hubig. “Wir müssen Strafbarkeitslücken schließen, aber eben auch das Verbreiten von pornografischen Deep Fakes unter Strafe stellen.” Einen Gesetzentwurf kündigt sie für Frühling an.
Netzaktivist Beckedahl begrüßt, dass der Staat auch in Sachen KI für Recht und Ordnung sorgen will: “Der Staat hat die Verantwortung bei solchen riskanten neuen Geschäftsmodellen, Leitplanken einzuführen, Verbraucherrechte zu stärken. Damit wir nicht irgendwelchen skrupellosen, reichen Unternehmen ausgeliefert sind, die uns als Versuchskaninchen ausnutzen.”


