Repräsentative Studie: “Man erfährt Diskriminierung überall”

Repräsentative Studie: “Man erfährt Diskriminierung überall”

Ein junges Mädchen trägt ein Kopftuch auf dem Schulhof.

Stand: 10.03.2026 • 18:48 Uhr

Rund neun Millionen Menschen in Deutschland haben im vergangenen Jahr Diskriminierung erlebt. Die Dunkelziffer ist groß. Eine neue Studie zeigt, dass weniger als die Hälfte der Menschen Vorfälle meldet.

Tobias Faißt

Kurz vor Sonnenuntergang füllt sich das Haus der Bürger in Remseck am Neckar bei Stuttgart. Ein gemeinsames Fastenbrechen im muslimischen Fastenmonat Ramadan steht an. Muslimische Menschen, katholische und evangelische nehmen Platz. Als die Sonne untergegangen ist und der Imam ein Gebet gesprochen hat, greift Serpil Tirhis-Efe zur Dattel.

Seit etwa 20 Jahren bringt die Deutschlehrerin Menschen verschiedener Kulturen und Religionen zusammen. Auch weil sie selbst in der Vergangenheit Diskriminierung erlebt hat, sogar tätlich angegriffen wurde. Diskriminierung mache leider einen großen Teil des Lebens als muslimische Minderheit in Deutschland aus, sagt die 37-Jährige.

Tirhis-Efe trägt Kopftuch und lebt ihren Glauben selbstbewusst offen aus. Sie ist weiblich und muslimisch – und damit laut einer neuen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit hoher Wahrscheinlichkeit im vergangenen Jahr diskriminiert worden. Von 30.000 Teilnehmenden einer repräsentativen Befragung gaben rund 13 Prozent an, Diskriminierungen erlebt zu haben.

Hochgerechnet auf die deutsche Bevölkerung bedeutet das, dass rund neun Millionen Menschen im Befragungszeitraum zwischen Mai 2021 und Januar 2023 Diskriminierungserfahrungen gemacht haben.

“Diskriminierung ist kein Randphänomen”

Besonders gefährdet seien schwarze Menschen mit 29,8 Prozent. Gefolgt von muslimischen Menschen (28,6 Prozent), Menschen mit Migrationshintergrund (21 Prozent) und Frauen (16,1 Prozent). “Man erfährt Diskriminierung überall auf der Straße, auf der Arbeit, in der Schule, von Menschen, die man kennt oder auch von wildfremden Menschen”, sagt Serpil Tirhis-Efe.

Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, hat die Ergebnisse der Untersuchung “Wie Deutschland Diskriminierung erlebt” heute in Berlin vorgestellt. “Diskriminierung ist kein Randphänomen, sondern betrifft viele Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. Die ausgewerteten Daten zeigen, wie wichtig der Schutz vor Diskriminierung ist”, sagt die 46-Jährige.

Wie in der Studie empfohlen, pocht Ataman darauf, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), umgangssprachlich auch Antidiskriminierungsgesetz, zu erweitern. Es gilt seit 2006 und ermöglicht es Menschen, Diskriminierungen bei öffentlichen Stellen oder Gleichstellungsbeauftragten zu melden. Beispielsweise bei Benachteiligungen im Beruf, bei der Wohnungssuche oder bei Einkäufen und Bankgeschäften.

Dunkelziffer bleibt groß

Da vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen und ohne deutsche Staatsangehörigkeit von Diskriminierung im Alltag berichten, empfehlen die Studienautoren, die Schutzgründe im AGG zu erweitern. Aktuell heißt es dort in Paragraf 1: “Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.”

Betroffene benötigten jedoch mehr Unterstützung, tatsächlich gegen Diskriminierung vorzugehen, um sie effektiv zu verhindern. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland, die Diskriminierung erleben, unternimmt nichts, laut Studie 56 Prozent. “Viele Menschen machen Diskriminierung mit sich allein aus – auch weil Hilfsangebote zu wenig bekannt sind, schwer zugänglich oder nicht ausreichend wirken”, gibt Ferda Ataman in Berlin zu.

Auf der Straße jedoch, wo Menschen häufig diskriminiert werden, greift das AGG bisher nicht. Auch nicht gegen den Staat an sich. So berichtete fast 20 Prozent von Benachteiligungen durch Ämter, Behörden oder die Polizei. Das schafft wenig Vertrauen.

Gemeinsam Essen, gemeinsam Leben

In Remseck am Neckar neigt sich das Fastenbrechen dem Ende zu. Alle sind satt. Die Menschen befinden sich in Gesprächen. Genau das wünscht sich Serpil Tirhis-Efe von solchen Abenden, die sie als Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft für Dialog Baden-Württemberg organisiert.

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