Ratlos unter Fördertürmen – Venezuela wartet auf den Wandel

Ratlos unter Fördertürmen – Venezuela wartet auf den Wandel

Fischer ziehen ihre Netze in der Nähe eines verlassenen Ölförderturms am Ufer des Maracaibo-Sees an Bord.


weltspiegel

Stand: 17.02.2026 08:34 Uhr

Die Stadt Maracaibo hat lange von Venezuelas Ölreichtum gelebt. Heute verrotten dort die Anlagen und belasten die Umwelt. Wann der Aufschwung kommt? Ungewiss. Und auch politischer Wandel lässt auf sich warten.

Marie-Kristin Boese

Hector Flores kennt den Maracaibo-See wie kaum ein anderer. Seit 40 Jahren fischt er hier und hat miterlebt, wie das Wasser durch Ölunfälle immer stärker verschmutzt wurde. Von seinem Fischerboot aus deutet er auf verrottete Rohre, die sich kilometerlang durch den See ziehen, über und unter Wasser.

Repariert wird kaum noch etwas. Die staatliche Ölgesellschaft PDVSA ist praktisch pleite, und Flores fängt immer weniger. Venezuela habe eigentlich alle Voraussetzungen, um eines der reichsten Länder der Welt zu sein, sagt er. “Öl, Gas, enorme Reserven, aber der Reichtum kommt nicht bei uns einfachen Menschen an.”

Dass Nicolás Maduro nicht mehr im Amt ist, habe seinen Alltag wenig verändert, sagt Flores. Aber die Hoffnung sei zurück in seinem Fischerdorf. Seine Kinder und Enkel sollten es einmal besser haben als er.

Wenn ausländische Investoren kommen, hofft er, werde der See gereinigt. Und die Fischer bräuchten dringend Kredite, um neue Netze kaufen könnten. Viele seiner eigenen Netze sind von Öl verklebt und damit unbrauchbar.

Symbol für Aufschwung und Niedergang

Die Stadt Maracaibo stand mal für Venezuelas goldene Zeiten. Es war Zentrum der Ölindustrie, die staatliche Ölfirma PDVSA ein Garant für Wohlstand im erdölreichsten Land der Welt. Heute ist vieles verfallen.

Statt einst rund drei Millionen Barrel Öl pro Tag werden nur noch etwa 900.000 gefördert. Die Umwelt ist stark belastet und verschmutzt, die Fischer kämpfen ums Überleben. Wenn Öl austritt, sagt Flores, müsse er seinen gesamten Fang wegwerfen. Niemand kaufe Fisch, der nach Benzin schmecke.

Widersprüchlicher Wandel

Mehr als einen Monat nach Maduros Entführung durch die USA befindet sich Venezuela in einem politischen und wirtschaftlichen Schwebezustand. Zwar reist der US-Energieminister Chris Wright ins Land, begutachtet Anlagen und spricht über mögliche Investitionen.

Die USA erteilen fünf großen Ölkonzernen Lizenzen zur Wiederaufnahme der Geschäfte in Venezuela. Wright erklärte das seit 2019 geltende US-Ölembargo als “im Grunde beendet”. Und Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez, einst rechte Hand Maduros, öffnet in Windeseile den Ölsektor für internationale Unternehmen und präsentiert sich als neue Partnerin im Ausland.

Doch der Wandel bleibt widersprüchlich. Rodríguez bezeichnet Maduro weiterhin als legitimen Präsidenten. Experten bezweifeln, dass unter diesen Bedingungen ein echter Aufschwung gelingen kann. “Für Investitionen braucht es vor allem Stabilität und Rechtssicherheit”, sagt Analyst Jaime Brito. Doch die alten Machtstrukturen seien weitgehend intakt geblieben.

Und in der Vergangenheit haben viele Ölmultis Milliarden US-Dollar bei Enteignungen verloren. US-Präsident Donald Trump drängt die US-Ölkonzerne zwar zu Investitionen von rund 100 Milliarden US-Dollar, doch viele sind zurückhaltend.

Eine verlassene Förderanlage im Maracaibo-See kündet vom Niedergang der Ölindustrie in der Region.

Verfall, Leerstand

Am Maracaibo-See zeigt sich, wie groß die Herausforderung ist. Einst hatte PDVSA hier Siedlungen für Tausende Arbeiter gebaut. Heute stehen viele Häuser leer und sind verfallen. Mehr als acht Millionen Menschen, etwa ein Viertel der Bevölkerung Venezuelas, hat das Land in den vergangenen Jahren verlassen.

Wer geblieben ist und immer noch bei PDVSA arbeitet, spricht mit internationalen Journalisten oft nur anonym über veraltete Anlagen, fehlendes Material und ein System, das kaum noch funktioniert. Viele müssen mehrere Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen.

Bei der Rückkehr vom Maracaibo-See zeigt sich, was das Gewässer noch hergibt – für die Fischer und die Anrainer.

Die alte Elite hat weiter die Kontrolle

Politisch kommt das Land nur langsam voran. Die alten Eliten kontrollieren weiterhin das Land und große Teile der Wirtschaft. Übergangspräsidentin Rodríguez stellte im Interview mit dem US-Sender NBC zwar freie und faire Wahlen in Aussicht – allerdings nur, wenn die Sanktionen wegfallen. Ein konkretes Datum gibt es nicht.

Einige Hundert politische Gefangene wurden freigelassen, die Mehrheit aber wartet weiterhin auf ein Amnestiegesetz, dessen Verabschiedung sich vergangene Woche verzögert hat.

Der venezolanische Oppositionspolitiker, Juan Pablo Guanipa, ein Vertrauter von Oppositionsführerin María Machado, wurde erst entlassen, dann von schwer bewaffneten Männern in Zivil wieder festgenommen, dann erneut entlassen und unter Hausarrest gestellt. Guanipa dürfe sich nicht politisch äußern, berichtet die oppositionelle Onlinezeitung El Pitazo.

Erst einmal Zeit gewinnen

Venezuela steckt in einer Übergangsphase, zwischen Reformversprechen und Machtkontinuität, ohne klaren Ausgang. Das Regime, sagen Beobachter, setzt auf symbolische Gesten und will offenbar Zeit gewinnen. Im Machtapparat hoffen womöglich viele, über Trumps Amtszeit zu kommen.

Am Maracaibo-See bleibt den Fischern vorerst vor allem die Hoffnung, dass das Wasser eines Tages wieder sauber wird; dass die Fische zurückkehren; und dass ihre Kinder in einem Land leben werden, das seinen Reichtum nicht zerstört, sondern nutzt.

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