Die Ostsee hat so wenig Wasser wie seit 140 Jahren nicht mehr. Wissenschaftler hoffen nun auf einen Salzwassereinbruch aus der Nordsee, der das Binnenmeer mit neuem Sauerstoff versorgen könnte.
Die Ostsee vor den vielen Inseln der schwedischen Hauptstadt ist zugefroren. Auf dem Eis sind viele Schlittschuhläufer unterwegs. Eislaufen auf dem Meer – so gut wie in diesem Winter ging das in Stockholm schon lange nicht mehr. Seit Jahresbeginn liegen die Temperaturen zum Teil weit unter Null, hunderte Menschen zieht es aufs Eis.
Erik Karelfelt ist hier zum Eissegeln unterwegs. Neben der Kälte fällt ihm noch etwas auf: So tief wie jetzt sei der Pegelstand der Ostsee noch nie gewesen. “Ich musste richtig vom Steg runterspringen heute früh”, erzählt der Schwede. “Ich habe auch ein Boot, das trockengefallen ist, weil überhaupt kein Wasser mehr da ist. Es ist total verrückt.”
Seit Jahresbeginn liegen die Temperaturen in Schweden weit unter Null.
Schiffswrack freigelegt
Tatsächlich hat die Ostsee so wenig Wasser wie seit 140 Jahren nicht mehr. In Schweden lag der Pegelstand Anfang des Monats rund 67 Zentimeter unter dem langjährigen Wasserstand. Vor der kleinen Insel Kastellholmen hat das Niedrigwasser ein altes Schiffswrack freigelegt. Viele Menschen kommen, um es anzusehen. “Das ist eigentlich ziemlich cool, wenn man darüber nachdenkt”, sagt der Marinearchäologe Jim Hansson. “Das ist ein Kriegsschiff aus dem frühen 17. Jahrhundert. Normalerweise sieht man dieses Wrack hier gar nicht.”
Dass der Wasserstand so niedrig ist, liegt unter anderem an starkem Ostwind, der seit Anfang Januar häufig bläst. “Über der Ostsee, Finnland und Skandinavien befindet sich ein Hochdruckgebiet”, erklärt die Marineökologin Sofia Wikström vom Universität Stockholm. “Das übt Druck auf die Meeresoberfläche aus und dadurch wird das Wasser hinausgedrückt durch die dänischen Meerengen hinaus in das Kattegat.”
Probleme für die Schifffahrt
So ist seit Jahresbeginn viel Wasser in die benachbarte Nordsee abgeflossen. In Schweden und auch im Nachbarland Finnland bringt das Probleme mit sich – vor allem für die Schifffahrt in Küstennähe. Einige Fährunternehmen mussten schon auf kleinere Schiffe umsteigen. Und auch in der Handelsschifffahrt sorgt das Niedrigwasser für Herausforderungen, sagt Sofia Wikström. “Für Frachtschiffe kann es zum Problem werden, dass die Häfen und Kais für einen anderen Wasserstand ausgelegt sind. Es erschwert das Be- und Entladen, wenn die Schiffe zu tief im Wasser liegen.”
In der Ostsee fehlen inzwischen 275 Kubikkilometer Wasser, haben Forschende vom Leibniz- Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) ausgerechnet – das entspricht fast sechs Mal dem Volumen des Bodensees. Die Wissenschaftler sehen in dem Niedrigwasser allerdings auch eine Chance. Sie hoffen, dass der Wind bald dreht und dafür sorgt, dass salzreiches Nordseewasser in die Ostsee zurückfließt.
Kaltes Salzwasser versorgt auch tiefe Bereiche mit Sauerstoff
Schon Ostsee-Füllstände von 20 Zentimetern unter dem mittleren Meeresspiegel gelten in der Ozeanographie als gute Voraussetzung für das Auftreten großer sogenannter Salzwassereinbrüche. “Und mit dem Salzwasser kommt eben auch Sauerstoff, was sehr wichtig ist”, sagt der Ozeanograph Volker Mohrholz vom IOW. “Salzwasser ist schwerer als normales Süßwasser, deshalb sinkt es auch nach unten ab und versorgt auch die tiefen Bereiche der Ostsee.”
Der stellvertretende Leiter der IOW-Abteilung Physikalische Ozeanographie setzt auf einen positiven Aspekt des kalten Winters. Ein Einstrom hätte gleich zwei Effekte, die für die tiefen Ostseebecken von Bedeutung sind. “Kaltes Wasser kann deutlich mehr Sauerstoff aufnehmen als warmes und würde damit – bezogen auf sein Volumen – überdurchschnittlich viel Sauerstoff in die tiefen Becken transportieren. Außerdem könnte ein Einstrom ausreichender Intensität die seit rund zwei Jahrzehnten anhaltend erhöhten Tiefenwassertemperaturen in den zentralen Ostseebecken beenden.”
Womöglich nur kurfristige Besserung
Die Chancen für einen solchen Einbruch seien so hoch wie lange nicht mehr, schätzt das Institut. Und den hätte das Binnenmeer dringend nötig, denn der Ostsee geht es nicht gut. “Die Ostsee ist ein Gewässer, in dem sehr wenig Sauerstoff am Boden ist. Das ist immer schon so gewesen. Aber wir Menschen haben das verstärkt”, erklärt Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock.
Er fürchtet allerdings, dass ein Salzwassereinstrom aus der Nordsee die Situation womöglich nur kurzfristig verbessern würde. Die Sauerstoffschuld in den Böden sei inzwischen so groß, dass es sehr viel Sauerstoff bräuchte, um dies auszugleichen. “Das letzte große Salzwassereinstromereignis ist 2016 passiert und da hat es nur vier Monate gedauert, bis der Salzwassereinstrom aufgezehrt war und sozusagen alles wieder so war wie vorher”, erzählt Zimmermann.
Hoffen auf Sturm von Westen
Die Schwedin Sofia Wikström hat Hoffnung, dass es zu einem Salzwassereinbruch kommen könnte. “Es gibt enorme Probleme mit Sauerstoffmangel in der Ostsee”, unterstreicht die Marineökologin. “Aber wenn es im südlichen Kattegat jetzt zu einem starken Sturm käme, wären die Voraussetzungen gut, dass viel sauerstoffreiches Wasser eindringen könnte. Dadurch würde sich die die Situation auf jeden Fall verbessern.”
Dafür müsse es aber wirklich sehr windig sein, sagt die Wissenschaftlerin – und leider seien solche starken Westwinde zu dieser Jahreszeit eher ungewöhnlich. Jetzt heißt es also hoffen auf den Sturm – damit die Ostsee durch neuen Salzeintrag und frischen Sauerstoff zumindest erstmal wieder ins Gleichgewicht kommt.

