Immer mehr wird über das Ausmaß der Gewalt klar, mit der Einsatzkräfte die Proteste niedergeschlagen haben. Die USA verstärken derweil ihre Präsenz in der Region. Ein Angriff steht weiter im Raum.
Im iranischen Staatsfernsehen spricht die Regierungssprecherin Fatemeh Mohajerani über das Internet. Es sei aus sicherheitspolitischen Gründen abgeschaltet worden, sagt sie. Händlern und Verkäufern stehe jetzt ein begrenzter Zugang zur Verfügung. Die Situation sei nicht wünschenswert, erklärt Mohajerani, doch man befinde sich in einer besonderen Lage.
Die Internetblockade schädigt auch die Wirtschaft. Auf 20,6 Millionen US-Dollar pro Tag schätzt Ali Hakim-Javadi von der halbstaatlichen Computer-Ingenieurs-Vereinigung den Verlust gegenüber einer iranischen Zeitung. Aus der Industrie- und Handelskammer heißt es, 400.000 Unternehmen seien akut in ihrer Existenz bedroht. Die iranische Währung Rial fiel am Dienstag erneut auf ein historisches Tief.
Augenzeugen sprechen von Massaker
In den vergangenen Tagen aber flackert das Internet sporadisch auf. Damit gelangen immer mehr Stimmen aus dem Iran nach außen. So etwa von Ali. Er hat in Teheran gemeinsam mit seiner Frau an den Massenprotesten teilgenommen. “Ich weiß nicht, wer sie waren, sie kamen in Zivil auf Motorrädern, und haben mit Tränengas geschossen und mit Schrotflinten. Einige Demonstranten hatten blutige Gesichter und Verletzungen am ganzen Körper”, erzählt der 49-Jährige. Viele seien geflohen, einige seien geblieben – sie hätten eine Moschee angezündet.
Auch der 30-jährige Hassan hat Anfang Januar gegen das Regime protestiert. Was man dort auf den Straßen gesehen hätte, sei nichts anderes als ein Massaker gewesen, berichtet er. “Die Einsatzkräfte haben geschossen und getötet. Wir gehören zu den Überlebenden. Die Lage war äußerst dramatisch.”
Medienberichten zufolge soll der oberste Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, den Nationalen Sicherheitsrat angewiesen haben, die Proteste zu beenden – mit allen Mitteln.
Time-Magazine: 30.000 Tote
Die Menschenrechtsorganisation HRANA hat bisher in Detailarbeit mehr als 6.100 Tote verifiziert. Über 17.000 weitere Fälle von getöteten Menschen werden zur Zeit noch bearbeitet, heißt es.
Das Time-Magazine berichtet sogar, es habe 30.000 Toten innerhalb von zwei Tagen gegeben. Als Quelle gibt das Magazin zwei hochrangige Mitarbeiter aus dem Gesundheitsministerium im Iran an. Fachleute halten die Zahlen für plausibel, sie könnten sogar noch höher sein.
Der Menschenrechtler Reza Khandan ist derzeit im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert. Er nennt die Niederschlagung in einem Statement eins der blutigsten Massaker in der Geschichte von Protesten weltweit. Wörter und Sprache könnten das Ausmaß der massiven systematischen Tötungen nicht beschreiben, sagt Khandan. Man trauere um den Verlust einer Generation, die die Zukunft des Landes hätte prägen können.
Sorge vor Angriff der USA
US-Präsident Donald Trump hatte mehrfach gedroht, die USA würden den Iran als Reaktion auf die blutige Niederschlagung der Massenproteste angreifen. Die Indizien verdichten sich, dass ein Angriff bevorstehen könnte. Zuletzt traf eine Flotte von Kriegsschiffen um den Flugzeugträger “Abraham Lincoln” in der Region ein.
In einem Telefonat mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman erklärte Irans Präsident Massud Peseschkian, sein Land stehe jedem Prozess, der Krieg verhindern könne, positiv gegenüber.
Andere drohen bereits mit Gegenangriffen, etwa auf US-Militärstützpunkte in der Region. Außenamtssprecher Ismail Baghai erklärte: “Die Bewegung eines Kriegsschiffes wird die Entschlossenheit des Iran nicht beeinflussen. Wir besitzen die volle Fähigkeit, den Iran zu verteidigen.”
Am Enghelab-Platz in Teheran, wo hauswandgroße Plakate die Propaganda des Regimes verbreiten, prangt seit Kurzem ein neues Motiv. Es zeigt einen Flugzeugträger mit US-Flagge, offenbar abgeschossen, in blutig gefärbtem Meerwasser. Dazu ein Schriftzug, auf Persisch und Englisch: “Wer Wind sät, wird Sturm ernten.”

