Zum ersten Mal in der Geschichte wird Japan von einer Frau regiert – und kaum im Amt, stellt sich Sanae Takaichi den Wählern. Hinter dem plötzlichen Urnengang mitten in einem harschen Winter steht politisches Kalkül. Es könnte aufgehen.
Das hat es in Japan seit 36 Jahren nicht gegeben. Eine Wahl im Winter, im schneereichsten Land der Welt. Im Norden von Japan wurden Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten. Bilder von meterhohen Schneeverwehungen beherrschen die Nachrichten – und das Bild der Regierungschefin Sanae Takaichi von der Liberaldemokratischen Partei (LDP).
Erst Ende 2024 hatte Japan ein neues Unterhaus gewählt. Noch nie wurde die Parlamentskammer nach so kurzer Zeit aufgelöst. Weniger als drei Wochen blieben für die Organisation einer landesweiten Wahl. Es gibt offensichtliche Gründe dafür, dass Takaichi es so eilig hat, die Bürger an die Wahlurnen zu rufen.
Skandale verschwinden hinter Stilfragen
Die Premierministerin will die Gunst der Stunde nutzen. In den Umfragen erreicht sie mit ihrem Kabinett eine Zustimmung, von der ihre ausnahmslos männlichen Vorgänger meistens nur träumen konnten. Etwa zwei Drittel der Wahlberechtigten finden, dass die als ultrakonservativ bekannte Politikerin ihren Job an der Spitze gut macht.
Erst gut drei Monate sind vergangen, seit ihr Vorgänger aufgeben musste. Die langjährige Regierungspartei LDP lag am Boden, erschüttert von Skandalen. Im Parlament konnte sich die LDP mit wechselnden Partnern gerade noch an der Macht halten.
Jetzt scheint es, als würde sich der Schnee wie ein Mantel des Vergessens darüberlegen – dank Sanae Takaichi. “Das Charisma, das sie in den Augen mancher hat, lässt diese Dinge aus der Welt verschwinden”, so beschreibt Professor Sven Saaler die Entwicklung der vergangenen Wochen. Der deutsche Historiker lehrt an der Sophia-Universität in Tokio und vertritt die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Japan.
Der strenge Winter könne eher für die Opposition zum Problem werden, vermutet Saaler. Denn die formiert sich gerade neu.
Takaichis Handtasche findet reichlich Aufmerksamkeit. Wohin sie das Land führen will, bleibt dagegen häufig unklar.
Populär, stilbildend – aber programmatisch unklar
Der Regierungschefin hingegen traut er einen Wahlsieg zu. “Gerade bei den jungen Wählern kommt ihr Politikstil gut an”, so Saaler, “und natürlich auch die Tatsache, dass sie es als erste Frau in dieses hohe Amt geschafft hat”.
Sinnbildlich für Takaichis Popularität steht ihre Handtasche. Das Luxusmodell eines japanischen Herstellers zum Preis von umgerechnet fast 800 Euro ist ausverkauft. Fernsehsendungen zelebrieren mit Hingabe das Outfit der 64-Jährigen. Selbst das Modell ihres Kugelschreibers wurde zum begehrten Objekt.
Seit dem ersten Tag ihrer Amtsübernahme kursieren Bilder, die sie in jungen Jahren als Schlagzeugerin einer Heavy-Metal-Band, Motorradfahrerin und Sportwagen-Fan zeigen. Die Botschaft: Diese Frau rockt den altmodischen Politikbetrieb Japans.
Allerdings lässt die Regierungschefin bisher eine klare Reformagenda vermissen. Die von vielen Frauen gewünschte Modernisierung des Namensrechts lehnt sie ab. Neue Rezepte gegen die Schwäche der Währung und die Inflation fehlen. Drei Monate nach ihrem Amtsantritt bleibt unklar, wofür genau Takaichi steht.
Offene Worte an die Adresse Chinas
Aufsehen erregte sie mit selbstbewussten Tönen gegenüber China. Im Parlament deutete sie an, dass Japan einem möglichen Angriff Chinas auf Taiwan nicht tatenlos zusehen werde. Obwohl sie damit nur Selbstverteidigung meinte, löste sie in Peking wütende Reaktionen und Strafmaßnahmen aus.
Zu Hause bekam sie Beifall. “Die meisten Wähler finden das starke Auftreten gegenüber China gut”, folgert der deutsche Historiker Saaler aus Umfragen. Auch Takaichis Wahlslogan “Für ein starkes Japan”, spreche viele Menschen an.
Allerdings habe Japan dem chinesischen Nachbarn militärisch wenig entgegenzusetzen. In wirtschaftlicher Hinsicht seien die Kräfteverhältnisse auch klar: “Chinas Wirtschaftsmacht ist fast fünfmal so groß.“
Es gibt noch mehr Fakten, die einen erfolgreichen Wahlkampf in Japan eher stören würden. Etwa die Tatsache, dass Japan auf immer mehr ausländische Arbeitskräfte angewiesen sein wird, wenn es seinen Wohlstand halten will.
Unbequeme Wahrheiten – sie scheinen förmlich zu verschwinden in der bekannten Handtasche von Sanae Takaichi.

