Temperaturen von bis zu minus 15 Grad können für Menschen, die auf der Straße leben, den Tod bedeuten. Vier Kältetote zählt die BAG Wohnungslosenhilfe in diesem Winter bereits. Mit Sturmtief “Elli” steigt die Gefahr erneut.
Jeden Tag um sieben Uhr morgens stehen die ersten Obdachlosen vor der Tür der Tagesstätte Olga 46 der Caritas in Stuttgart. Hier, das wissen sie, bekommen sie nach einer harten Nacht in der Kälte das rettende Heißgetränk und eine warme Stube, in der sie zu Kräften kommen können. Auch für Uwe Glauer ist die Einrichtung überlebenswichtig. Seit 30 Jahren lebt der 69-Jährige auf der Straße.
Glauer kennt die Tricks, um nachts der Kälte standzuhalten: Windgeschützte Plätze suchen, eng in die Decke einwickeln, um die Eigenwärme zu halten, und auf keinen Fall Alkohol, erzählt er. Der sei ihm schon mal fast zum Verhängnis geworden, weil er Kältekrämpfe auslöse und bewegungsunfähig mache. Aber auch, wenn er auf seine Erfahrung bauen kann, bei minus zehn bis minus 15 Grad können die Nächte auch für ihn lebensgefährlich werden. Zuflucht am frühen Morgen sei da das Mindeste.
Sozialverbände warnen vor Lebensgefahr
Vier Todesopfer hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in diesem Winter schon gezählt. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, sagt Geschäftsführerin Sabine Bösing.
Das kann Leben retten
Der Paritätische Niedersachsen fordert dazu auf, Wohnungslose nicht aus den Augen zu verlieren. Am besten sei es, die Menschen direkt anzusprechen, Hilfe anzubieten und bei gesundheitlichen Warnzeichen sofort den Notruf zu wählen.
Mehr als 50.000 Menschen leben in Deutschland aktuell auf der Straße, sind den Minusgraden teils schutzlos ausgeliefert. Mit Blick auf die aktuelle Wetterlage lautet daher ihr dringender Appell an die Kommunen in Deutschland ihrer gesetzlichen Pflicht nachzukommen und den Menschen Erfrierungsschutz zu bieten.
Obdachlosenhilfe fordert mehr Einrichtungen
Es brauche viel mehr niederschwellige, barrierefreie und teilweise individuell angepasste Übernachtungsangebote, breit gestreute Information und Einrichtungen, die 24/7 geöffnet bleiben, statt die Menschen abends wieder auf die Straße zu entlassen, wo sie dann nur noch ein Kältebus finde, so Bösing.
Da ist natürlich der Appell dafür zu sorgen, dass auch wirklich jeder Mensch ein Angebot erhält, was er auch annehmen kann und nicht ausgerechnet in diesen Bereichen zu sparen.
Sparzwang zeigt sich in Wohnungslosenhilfe
Manche Kommune, zum Beispiel Flensburg, verhalte sich vorbildlich, indem beispielsweise Hotels angemietet werden, um besondere Personengruppen zu schützen, erzählt Sabine Bösing. Insgesamt müsse sie aber leider feststellen, dass der kommunale Sparzwang vielerorts zu Kürzungen bei den Angeboten führe.
Bei einer Befragung der Wohnungslosenhilfe Ende 2025 hätten rund 37 Prozent der Hilfseinrichtungen angegeben, dass sie Einsparungen in dem Bereich erwarteten. Viele seien bereits jetzt an ihrer Belastungsgrenze.
Offene Wärmeräume für viele die letzte Rettung
Auch bei der Tagesstätte Olga 46 der Stuttgarter Caritas wächst die Nachfrage. Immer mehr Menschen kommen immer früher vorbei, um warme Kleiderspenden abzuholen, heiß zu duschen oder einfach nur ein paar Stunden im Warmen zu sitzen, erzählt Leiterin Miriam Schiefelbein-Beck. Dank Spenden und ehrenamtlicher Unterstützung gibt es täglich ein kostenloses Frühstück und ein Mittagessen für einen Euro. Dennoch sind die Menschen abends wieder auf sich gestellt.
Die rund 150 Schlafplätze in den Stuttgarter Notunterkünften reichten gerade so aus, erzählt Miriam Schiefelbein-Beck. Und das auch nur, weil hier und dort U-Bahn-Schächte ausnahmsweise offen blieben oder manche Bank kulant Übernachtungsgäste im Vorraum dulde. “Sonst hätten wir wirklich ein großes Problem!”, sagt sie.
Probleme in Sammelunterkünften
Sammelunterkünfte seien auch nicht für jeden das Richtige. Uwe Glauer beispielsweise meide sie lieber, erzählt er. Zu viel Alkohol, zu viel Aggression. Nach seiner Stärkung in der Tagesstätte mache er sich lieber wieder auf die Suche nach einem ungestörten Schlafplatz im Stadtgebiet und vertraue auf seine Erfahrung mit der Kälte.
Wenn es mal gar nicht mehr auszuhalten sei, meint er, dann lege er sich die Decke um und laufe los. “In Bewegung bleiben!“ – bis um vier Uhr morgens die erste Bahn fährt, in die er sich flüchten kann. Um dann drei Stunden später wieder den ersten heißen Kaffee anzusteuern, im Olga 46.
